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Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik 2013


Jurybegründungen

Sascha Hargesheimer

Was bannt man auf die letzte Minute Film? Dieser Frage muss sich in dem Stück „Polen ist mein Italien“ Bela Roberti stellen, dieser vergessene Regisseur des deutschen Independent-Science-Fiction-Films. Er ist nach Polen aufgebrochen, um in einem verlassenen Hotel in der Nähe von Danzig seinen letzten Film zu drehen. Doch dann geht ihm der Film aus.
Roberti und sein Filmteam verstauben in Polen. Sie warten – als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Aber Roberti weiß nicht, worauf er warten soll. Was ist es wert, für die Ewigkeit festgehalten zu werden?
Bela Roberti ist nie aus Polen zurückgekehrt, alles, was von ihm übrig geblieben ist, sind ein paar Meter Film, einige Tonbänder, zwei Koffer und fünf Notizbücher. Aus diesen Fragmenten rekonstruiert Sascha Hargesheimer in seinem Stück „Polen ist mein Italien“ die Geschichte von Bela Roberti. Er versucht herauszufinden, wer dieser Bela Roberti war und was in Polen vorgefallen ist. Hargesheimer bleibt nur das Raten und das Lesen der Dinge.
Wir Leser dürfen an dieser wunderbaren Suche teilhaben und staunen, wie Hargesheimer einem Archäologen gleich Staubschicht um Staubschicht freilegt, wie er sich seine eigene Geschichte von Bela Roberti zusammenpuzzelt. Theater als Schnitzeljagd. Und als Geschichts- wie Traummaschinerie zugleich: Der Dramatiker erfindet Gespräche und Begegnungen und konfrontiert den wartenden Zukunftsexperten Roberti mit der Gegenwart Polens im August 1980. Während die Arbeiter auf der Werft in Danzig und in ganz Polen für bessere Lebensbedingungen im Hier und Jetzt kämpfen, kämpft Bela Roberti in dem Hotel, in dem die Zeit nicht vergeht, mit sich selbst: „Ich glaube, ich habe den falschen Job oder das falsche Leben, aber ich kann nicht sagen, ob es das eine oder das andere ist. Gibt es ein anderes Leben?“ Die Hotelbesitzer haben eine erschreckend einfache Antwort: „Das hier ist ja schon die echte Welt. Es gibt kein Dahinter, keinen nächsten Horizont.“
Sascha Hargesheimer hat es mit seinem Stück „Polen ist mein Italien“ in einer geradezu elegischen Art auf den Punkt gebracht: Die Wirklichkeit ist immer das, was wir aus ihr machen.

Magdalena Schrefel

Das Kammerspiel „Danke, dass ich jetzt Ihren Hund halten darf“ ist starker Tobak und liest sich wie das Theater der Grausamkeit reloaded: Ein junger Pfleger hat ein Liebesverhältnis mit einer alten, bettlägerigen Frau. Nach seinem Bühnentod taucht er als früherer Ehemann dieser Alten wieder auf, wird erneut zum Pfleger und holt sich am Ende auch noch die Frau des Hauses ins Bett. Diese, Tochter der Alten, lebt alleine ohne Mann, tröstet sich mit Schnaps und Hund und wird zuletzt selbst zum Hund. Die Alte verbringt jammernd ihr Leben im Bett, will sich zuerst mit einem Kissen, dann mit einem Kabel umbringen, beides missglückt, sie darf weiter leben in der Hölle. Ein Hundespieler, der im Wohnraum sprachlos herumlungert oder zweideutig im Schoß der Frau des Hauses liegt, komplettiert dieses Kaleidoskop, zerfleischt den Pfleger und hat als Stimme von außen das letzte Wort im Stück.

Magdalena Schrefel ist mit dieser „Heterotopie“ – wie die Autorin es im Untertitel benennt – ein schräges, aber auch böses Theaterstück gelungen, ein Ort außerhalb aller Orte im Foucaultschen Sinne. An diesem Gegen-Ort sind die gesellschaftlichen Normen außer Kraft gesetzt. Hier wird ein sprechender Hund zum Liebhaber, eine Greisin zur Geliebten, ein totgeglaubter Pfleger zum Objekt der Begierde. Einen Ausweg gibt es für die Figuren nicht, sie bleiben Gefangene ihrer selbst, ineinander verkeilt. Da hilft auch kein greller Erlöserblitz von außen, keine Rettung ist in Sicht, sie bleiben wo sie sind, zu dritt im Bett. Nur der Hund hat sich vielleicht gerettet: Danke, dass ich jetzt Ihren Hund halten durfte.

Bei Magdalena Schrefel verdrehen sich nicht nur die Normen, sondern zugleich auch die Sprache, die in ihrer verdrechselten Manier von Ferne an Nestroy oder Schwab erinnert. Die gekonnte Wucht und unverblümte Direktheit dieser jungen Dramatikerin findet sich selten in dieser Generation. Ein starkes Stück!

Juliane Stadelmann

Juliane Stadelmann hat ihr „Stück in Schichten“ – so der Untertitel von „Ingrid Ex Machina“ – in der ostdeutschen Provinz verortet: In einer Gegend, in der die Städte schrumpfen, die Betriebe schließen und die Arbeitslosigkeit wächst. Die junge Dramatikerin zeigt auf, was sich hinter solch euphemistischen, neoliberal verschleiernden Begriffen wie „Strukturangleichung“ verbirgt. Und sie lässt uns hineinschauen in eine Arbeitswelt mit Schichtbetrieb und Pausenregelung, also den ganz normalen Arbeitsalltag in der Sa-Ke-Fe, der Sandelshausener Kerzenfabrik, kurz bevor diese endgültig dicht gemacht wird.
Mittels einer dialektgefärbten Sprache, die Stadelmann den (noch) Werktätigen zwischen Werkbank und Kantine abgelauscht zu haben scheint, gelingt es der Autorin sprachmächtig, der Ohnmacht der Menschen Ausdruck zu verleihen. Sie findet dabei – besonders für ihre Hauptfigur Ingrid – zu einer überaus eigenständigen Sprache, einem eigenwilligen Jargon, durchzogen mit bewusst leicht verschoben eingesetzten Redewendungen und Floskeln. „Ingrid Ex Machina“ ist zugleich vitale Hymne und lakonischer Abgesang auf eine von stetig neu durchökonomisierten Produktionsbedingungen bedrohte Arbeitswelt, in der sich die Überflüssigen am Ende auch noch selbst entsorgen.
Das ist nicht mehr Sozialistischer Realismus, sondern Kapitalistischer Realismus mit einem schönen Mut zur Überhöhung. Wahrscheinlich wird der in nächster Zeit gebraucht.