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Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik 2016


Jurybegründungen

Wilke Weermann: Abraum

Was gibt uns noch Halt, wenn der buchstäbliche Boden unter unseren Füßen wegbricht?
Fünf junge Leute und ein alter, pflegebedürftiger Mann leben in Containern auf gefährdetem Raum, einem Abraum. Der aufgeschüttete Abraum bricht an den Rändern nach und nach weg. Alles, was auf ihm wächst oder steht, zieht er mit sich in ein dunkles Loch. Was dort hineinfällt, taucht nicht mehr auf. Doch besser im Steinbruch als anderswo, denn: Vielleicht ein Kampf um Ressourcen, auf jeden Fall herrscht Krieg „da draußen“, wofür die entfernte Stadt ein symptomatischer Ort ist. Sie ist Gefahrenzone, markiert durch Panzerfäuste, aber auch der einzige Ort, an dem Wasser und andere Notwendigkeiten zu bekommen sind. Wo die Eltern sind und ob sie leben, bleibt unklar.
Der Alltag ist zäh, zum Lagerkoller kommt die ständige Furcht: vor der Entdeckung, aber auch vor dem eigenen Verschwinden im schwarzen Loch. Plötzlich findet der Bote nicht mehr in die Stadt, die Gruppe ist völlig isoliert. Nach und nach verlieren alle den Boden unter den Füßen: „Ich hab die Bäume beobachtet. Die, die rein fallen, wenn der Steinbruch wächst. Und ich hab son Gefühl, dass die wie von selbst nachgeben. Dass die eigentlich da runter wollen. Die rutschen am Rand lang und ganz unten versenkt es sie ein einem Loch. Die sind weg, dann. Das will ich auch.“
Ob durch Selbstmord, Mord oder freundschaftliche Sterbehilfe – zum Schluss bleiben nur der cholerische Anführer und der alte Mann übrig. Dies ist kein optimistisches Stück. Die Furcht vor dem anderen und vor einer nicht näher beschriebenen Dystopie gipfelt in der Furcht vor einem selbst. Neues Leben kann in der unwirtlichen Umgebung nicht bestehen.
Die dialogische Struktur führt stets mehrere Stränge nebeneinander und wird nur von reflektierenden Monologen des alten Mannes unterbrochen. Kein Szenenwechsel unterbricht den Fluss der Handlung, die den Leser in einen Sog zieht. Wilke Weermann verleiht seinen Figuren eine authentische und unbeschwerte Sprache, die mit wunderschönen und grausamen Bildern dem Verfall nachspürt. Die junge Generation, die hier zu Wort kommt, ist verloren, denn sie hat keine Vorbilder und keine Ziele. Weermann schafft es, diesem verzweifelten Ringen eine Nuance beizugeben, die den harten Ton der jungen Leute sehr leise und nachdenklich macht.
Das einzige, das uns Halt geben kann, sind wir selbst; doch manchmal scheitern wir.

(Guido Huller)

 

Joël Lázló: Wiegenlied für Baran. Eine Fabel

Sibylle und Pierre sind ein junges Paar, der Schauplatz ihre Wohnung. Auf dem Sofa liegt Baran, ein wildfremder irakischer Kurde, den sie vor kurzem aufgenommen haben. Baran schläft, das ganze Stück hindurch, aber seine Präsenz ist spürbar, sichtbar, hörbar: stöhnend wirft er sich auf dem Sofa hin und her, von Alpträumen gequält. Auf ihn ist alle Aufmerksamkeit gerichtet, er provoziert – allein durch seine Anwesenheit – das Sprechen der anderen.

Sibylle und Pierre dagegen schlafen kaum mehr. Dafür reden sie umso intensiver. Warum sie Baran bei sich aufgenommen haben, können sie selbst nicht mehr so genau sagen: War es Naivität, die Suche nach Gerechtigkeit, der Wunsch nach einer Utopie? War es ein Reflex, Neugier oder „irgendwas zwischen Feigheit und Völkerschau“? War es ein Fehler?

Nun jedenfalls sind sie von der Situation überfordert, ihre Nerven liegen blank. Zwischendurch bekommen sie immer wieder Besuch von Robert, Pierres ältestem Freund. Auch Robert ist ein Fremder geworden. Nach einer Reise nach Indien und tief in sein Inneres nennt Robert sich nun Samadhi; ein neuer Name und eine neue Identität, die Pierre nicht akzeptieren will. Pierres Sprechen wiederum ist voll von „tierischen“ Metaphern, was wiederum Sibylle befremdet: „Dein Denken ist ein verdammter Zoobesuch“, wirft sie ihm vor.
Die eigenen Haltungen, Überzeugungen und politischen Ideale bröckeln schnell und verlieren angesichts der stöhnenden Präsenz von Baran an Bedeutung: „Realität ist was übrig bleibt, wenn wir zugeben, dass wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben“ resümiert Pierre. Am Ende entscheidet sich die nach vielen Seiten hin offene Situation an Tatsachen: „Wiegenlied für Baran“ wird unverhofft zum Wiegenlied für ein Kind: Sibylle ist schwanger.

Große Themen – die Verflechtung von Politik und Privatem, das Austarieren von Handlungs- und Sprachspielräumen, Zuschreibungen von Identität – werden hier souverän, fast beiläufig und mit (Sprach-)Witz verhandelt. Die Dialoge sind gut geschrieben, die Figuren präzis charakterisiert, das Stück sprachlich überzeugend gestaltet.

FISCHE von Nele Stuhler

Der Text FISCHE von Nele Stuhler ist ein Sprechduett für eine junge Frau namens E und einen Goldfisch. Wie ihr Goldfisch ist auch die Protagonistin gefangen im gläsernen Aquarium ihrer Wohnung - die bunte Welt da draußen bleibt eine Ahnung, ein Traum, ein holografischer Vergnügungspark, für den sie keine Eintrittskarte zu besitzen glaubt. Selbst Brandenburg ist für E samt Fisch unerreichbar und den Vorschlag eines vorbei-reisenden Karpfens, in die Zweier-WG einzuziehen, interpretieren die beiden nicht als die ersehnte Erweiterung des gemeinsamen Horizonts, sondern als Bedrohung ihrer einsamen Intimität. Was bleibt, ist das Hoffen auf die Flut, auf einen Wassersturm, der die Umwelt zum natürlichen Biotop für Fisch und E machen würde. Dann könnte E schwimmen, wohin sie will, und die exklusive Beziehung zu ihrem Goldfisch schiene nicht mehr aberwitzig, sondern normal, sogar natürlich.
Nele Stuhler beschwört insbesondere in der ersten Hälfte ihres Textes FISCHE eine beklemmende Vision von einer Welt ohne Notausgang. Die schnörkellose Dialogführung, das absurde Setting und der immer präsente, sanfte Humor verhelfen FISCHE dabei zu einer überraschenden Leichtigkeit und geben beim Lesen einen Vorgeschmack der Früchte, die bei einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Text zu ernten wären. Auch dies macht FISCHE unserer Meinung nach zu einem auszeichnungswürdigen Text: Nele Stuhlers Sprechpartitur erlaubt nicht nur, sondern besteht geradezu auf eine Auseinandersetzung, eine Ergänzung und Interpretation durch Schauspieler, Musiker, Regisseure, Tänzer, Roboter. Somit handelt es sich bei FISCHE in all seiner Rätselhaftigkeit und Unfertigkeit um einen originären Theatertext, der auf vielversprechende und genuin ungewohnte Weise auf die Bühne drängt.
Wir gratulieren Nele Stuhler herzlich und sind gespannt auf weitere Texte.

(Christopher Rüping & Jakob Lass)

Sophia Hembeck und Svenja Reiner: René Pollesch #Twittergott. Eine Satire

Zwei Studentinnen in einer WG. Nele und Lore. Nele studiert Musikwissenschaften, Lore Theater-Regie. Sie tun, was Studentinnen in einer WG tun: Sie reden und trinken und reden und wenn sie alles beredet haben, fangen sie wieder am Anfang an. An diesem Abend bespiegeln und diskutieren sie stundenlang von hinten und von vorne die Frage: Warum hat René Pollesch Nele auf seinem Twitteraccount geblockt? Pollesch ist Gast-Dozent in Lores Regieklasse und was er getan hat, ist den beiden völlig unerklärlich und gleicht einer virtuellen Kriegserklärung. Das ist die Ausgangssituation des Stücks „René Pollesch #Twittergott“ und daraus speist sich der Dialog zwischen Nele und Lore. Die Vorgänge rund um das Seminar kommen genauso zur Sprache wie Eifersüchteleien zwischen den beiden Freundinnen. Und allmählich wird klar: Die beiden tragen jeweils ihre eigenen kleinen Rachefeldzüge aus und René Pollesch #Twittergott“ spielt dabei mit.
In schnellen prägnanten Dialogen und kurzen Sätzen im Twitterstyle verhandeln Sophia Hembeck und Svenja Reiner cool, witzig und sprachlich überzeugend digitalen Lifestyle vom Twitter-Hype über Shitstorms, Hacken und Cyberwar bis zu Verschwörungstheorien im Internet. Sie schlüpfen in die Rollen eines selbstverliebten Seminarleiters, einer Psychologin und in die von René Pollesch und nehmen dabei einiges auf die Schippe: Das Überinterpretieren unpersönlicher Vorgänge, Prokrastination durch Googeln nutzloser Dinge im Internet, die Parallelgesellschaft Theater, die kaum jemanden interessiert außer ein paar René Pollesch-Jüngerinnen und Berliner Kunstmädchen mit Pferdeschwanz und Pony, die Selbststilisierung von René Pollesch als einzig coolem Theaterregisseur, das allgegenwärtige Labern um des Labern willens. Das ist sehr lustig und verhandelt selbstironisch und klug die neurotische Selbstbezogenheit einer Generation, die zwar durch die sozialen Medien gern das große Ganze im Blick hat, dabei aber oft nur um sich selbst kreist. Vielleicht passt es gerade deshalb so gut ins Theater.

(Caroline von Lowtzow)