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Debütförderung für freie Theaterschaffende 2018


Jurybegründungen

Regensburger, Verena: „die dada – das öffnen und schließen des mundes“ (AT)

Verena Regensburger setzt sich in „die dada – das öffnen und schließen des mundes“ (AT) mit dem Wirken und den Interpretationsmöglichkeiten dadaistischer Texte auseinander. Sie tut das – wie schon in ihrer beachtenswerten Erstlingsarbeit LUEGEN an den Münchner Kammerspielen – in Zusammenarbeit mit der gehörlosen Schauspielerin und Tänzerin Kassandra Wedel: Wie können Lautgedichte körperlich, musikalisch und sprachlich von jemandem in einen sinnlich erfahrbaren, lautmalerischen Ausdruck gebracht werden, der nur theoretische Kenntnis von der Wirkung klanglicher Artikulationsweisen hat? Wie verändert sich dadurch der Text und dessen Wirkung auf Hörer und Betrachter? Nachdem Verena Regensburger mit LUEGEN ein synästhetisches, audio-visuell elektrisierendes Klangerlebnis zur Aufführung gebracht hat, das die Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Frage nach der performativen und physischen Qualität von Sprache stellte, ist die Jury nun gespannt auf den Versuch dieser talentierten Münchner Theatermacherin, dadaisti-schen Un-Sinn an der Grenze zwischen schallnachahmender Wortbildung, per Video projizierter Typographie, Bewegung und Musik erlebbar zu machen – für ein hörendes und ein gehörloses Publikum. Die Jury befürwortet deswegen eine Förderung dieses vielversprechenden Debütprojektes in Höhe von 18.000 Euro.


Vojacek Koper, Mona: „Promilla“

Eine junge Schauspielerin, die eigene Erfahrungen mit Sexismus in den vielfachen Äußerungen ihrer Arbeitskolleginnen zur #metoo-Debatte wiederfindet, wagt sich zu einer Feldstudie als Promilletest-Verkäuferin auf das Münchner Oktoberfest und fragt sich: Warum setzt sie als Frau – unbewusst und intuitiv – körperliche Reize und erlerntes „Flirtverhalten“ ein, um an männliche Betrunkene möglichst viele Tests gewinnbringend zu verkaufen? Wieso fällt es ihr dabei leichter als gedacht, eine „Rolle“ einzunehmen, ein „Produkt“ zu performen, ähnlich einer Schauspielerin auf der Theaterbühne? Mona Vojacek Koper, die bereits während ihres Studiums an der Otto Falkenberg-Schule mit interaktiven Performances als Teil des Künstlerkollektivs #monike zu beeindrucken vermochte, hat ihre Erlebnisse als „Promilla“ mit versteckter Kamera dokumentiert: sexuelle Übergriffe als Teil der Jobbeschreibung. Die Ergebnisse dieses Selbstexperiments sollen in eine monologische Reflexion über die Frage nach dem Objekt-Status des Frauenkörpers – nicht zuletzt auf der Theaterbühne selbst – einfließen; in einem Format, in dem sich Lecture-Performance und Stand Up-Comedy zu einer ästhetisch eigenwilligen Mischung verbinden. Die Jury spricht sich für eine Debütförderung von 18.000 Euro für das Projekt einer talentierten, künstlerisch versierten jungen Theatermacherin aus, das gesellschaftspolitische Brisanz und ästhetische Provokation gleichermaßen verspricht.

 

Zabel, Frauke: „Tropicálismo – Rewriting 68“

Die Künstlerin Frauke Zabel beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit Ästhetiken des Widerstandes und lotet in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten zwischen künstlerischer Performance und Formen des Politischen Theaters aus. Im Rahmen eines sechsmonatigen Recherche- und Arbeitsaufenthalts in São Paulo begab sie sich im Jahr 2017 auf die Spuren von Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“ und realisierte in Brasilien eine Performance für das Teatro de Arena in São Paulo in Anlehnung an Boals Technik des Statur-Theaters. In ihrem aktuellen Antrag auf Debütförderung fokussiert sie auf die Bewegung des Tropicálismo und deren Rückgriff auf das antropophage Manifest Oswald de Andrades und sieht vor, diese mit der dominanten westlichen Narration der 68er-Bewegung zu konfrontieren. Dabei geht es der Künstlerin nicht nur um das Hinterfragen eines verklärten Blickes auf die westliche Studentenbewegung, sondern um eine experimentelle Erprobung und zeitgenössische Befragung einer postkolonialen brasilianischen Theaterpraxis, die sich durch eine spielerische oft grotesk-humorvolle Einverleibung der abendländischen kolonialen Kultur auszeichnet und von der stärker paternalistischen Auffassung Boals abgrenzt. Sie greift dabei auf Techniken des Re-enactments zurück, die jedoch nicht die Wiederaufführung einer historischen Handlung zum Ziel haben, sondern ihre ästhetische Kraft und ihr kritisches Potential aus der Differenz zwischen Original und Wiederholung entfalten. Im Zentrum ihres Vorhabens stehen nicht zuletzt die affektiven Dimensionen des Politischen und deren Bedeutung für revolutionäre Prozesse – ein Thema von hoher zeitdiagnostischer Relevanz. Die Jury empfiehlt das vielversprechende disziplin-übergreifende Vorhaben mit einer Debütförderung in Höhe von 18.000 Euro zu unterstützen.