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Debütförderung für Freie Theaterschaffende 2021


Jurybegründungen

Angerer, Franziska: Usambaraveilchen – eine performativ-musikalische Installation

Franziska Angerer möchte sich am Beispiel des Usambaraveilchens zusammen mit einem transnationalen Team dem Thema Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte künstlerisch nähern. Sie möchte die Geschichte der aus Tansania stammenden Pflanze (die das Fenster­brett ihrer Kindheit zierte) reanimieren und erforschen, wie deutsche Kolonialgeschichte und der oft übersehene eigene Anteil daran funktioniert: von der eigennützigen Aneignung und De­gradierung zum reinen Objekt, über die Deutungshoheit bis hin zur kapitalistischen Verwertung des kolonialen Objekts – abgetrennt von Herkunft und Biografie. Dieser Pflanze und anderen kolonial angeeigneten Dingen möchte Angerer im Rahmen des SPIELART Theaterfestivals einen Raum geben, in dem sie wieder Gehör finden und ihre meist vergessene Geschichte sinnlich erfahrbar wird. So soll das Projekt eine Übung im Dekolonisieren des eigenen Herr­schaftsdenkens sein. Dafür möchte die Künstlerin in der Umsetzung die Form eines begeh­baren, immersiven Erfahrungsraums nutzen, der im Einstein Kulturzentrum über eine Zeit­spanne von zwei Tagen dauerhaft zu erleben sein soll. Franziska Angerer ist es schon in ihrer Abschlussarbeit gelungen, ein stringentes Konzept in eine poetische Form zu überführen. Deshalb empfiehlt die Jury eine Debütförderung in Höhe von 18.000 Euro.
 

Duran Demjan und Gina Penzkofer: TURBOFOLK3000

Durjan Demjan und Gina Penzkofer nehmen in ihrem Projekt das musikalische Genre des Turbofolk zum Ausgangspunkt, um identitätsstiftende Strukturen eines spezifischen Musik­genres künstlerisch zu untersuchen und Turbofolk als Vehikel nationalistischer Ideologie zu dekonstruieren. Als Hybrid aus jugoslawischer Folkmusik und westlichem Pop war Turbofolk ein Massenphänomen in Jugoslawien, das bis heute seine Fans in Ex-Jugoslawien und Mün­chen hat. In Form einer theatralen Radiosendung und durch die Interaktion mit dem Publikum sollen Kitsch, Konsumorientierung, Nationalismus, Materialismus und der Kult von Kriminalität, die das Genre auszeichnen, offen gelegt werden. Zugleich sollen die inszenatorischen Strate­gien darauf zielen, Erfahrungen alternativer Formen der Gemeinschaft und der kollektiven Identität performativ auszuloten. Im Laufe des Abends soll ein utopischer Raum entstehen, in dem das TURBOVolk Genuss, Exzess und Kitsch jenseits ideologischer Einrahmungen erle­ben kann. Anhand eines sehr konkreten popkulturellen Phänomens werden in TURBOFOLK­3000 grundlegende und höchst brisante Fragen zu Nation, kollektiver Identität und Gemein-schaftsbildung verhandelt. Zudem wird hier neben einem üblichen Münchner Publikum der Freien Theaterszene eine spezifische Zielgruppe angesprochen: in München lebende Ex-Jugoslaw*innen. Die äußerst reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema, die der Antrag erkennen lässt, ist auch auf die bereits erfolgte Förderung der Recherche zum Projekt durch ein Stipendium der Stadt München zurück zu führen. Dass nun auch die inszenatorischen Ideen äußerst ausgereift sind, überzeugte die Jury, das Projekt im Rahmen der Debütför­derung in Höhe von 18.000 Euro weiter zu unterstützen.

 

Service not included: access to excess (AT)

Wie eine Theateraufführung, so kann auch ein Party einfach ausfallen. Und genau dies ge­schieht gerade flächendeckend. Aber anders als eine Party kann Theater seinen eigenen Aus­fall thematisieren und dies ist der Kern des Projekts „Access to Excess“. Die Grundüberlegung ist einfach und wirkungsvoll: Was wird aus einem Clubevent, was wird aus schwitzenden Kör­pern angetrieben durch wummernde Bässe und harte Beats, wenn man wirklich alle Hygiene­auflagen erfüllt? Der DJ wird zum Aufseher und die Atmosphäre ekstatischer Feier überschnei­det sich mit dem Sicherheitsdenken öffentlicher Hallenbäder. Die Jury war beeindruckt von der witzigen Idee und zeigte sich überzeugt vom detaillierten Konzept, welches einen kreativen Umgang mit den neuen Spielregeln nach Corona verspricht. Die Jury empfiehlt eine Debütför­derung in Höhe von 18.000 Euro.