Top
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Einzelprojektförderung für freie Theaterschaffende 2016


Jurybegründungen

Akal, Emre: „GLOBAL COLLAPSE ISTANBUL or where are you now?“

Auf der Grundlage eines 2014 erteilten Arbeitsstipendiums widmet sich der Münchner Thea­termacher und Autor Emre Akal in seinem kommenden Projekt der aktuellen Frage der glo­balen Migration aus einer besonderen, auch persönlich gefärbten Perspektive: In einem „Selbstversuch“ verbrachte er als temporärer Migrant längere Zeit in Istanbul, wo er mit zahl­reichen Remigranten und Emigranten Recherche-Interviews führte. Hierbei untersuchte er die unterschiedlichsten Motive, die Menschen zum Verlassen ihrer „Heimat“ bewegten und dabei diesen Begriff letztlich obsolet werden lassen. Istanbul wird hier zur Transitplattform, auf der die diversesten Schicksale aufeinandertreffen: vom Münchner homosexuellen grie­chisch-orthodoxen Priester, der mit seinem Partner weit weg von den Herkunftsfamilien ein selbstbestimmtes Leben führen will, über den deutsch-türkischen Deutschlehrer, der nun sy­rischen Flüchtlingen Deutschunterricht erteilt, bis hin zum radikal-islamischen Deutschen auf der Durchreise nach Syrien. Gemeinsam mit einem bunten Team deutscher, österreichischer, griechisch- und türkischstämmiger Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzerinnen und Tänzern, Musikerinnen und Musikern soll das Thema Migration hier nicht nur als eine Mas­senbewegung hilflos Vertriebener, sondern auch als Realisierung eigenständiger Daseinsent­würfe autonomer Einzelner ins Blickfeld genommen werden. Die Jury befürwortet eine Förderung dieses gleichermaßen differenzierten wie originellen Theaterprojekts in Höhe von 69.773 Euro.


ausbau.sechs Linz Löbel GbR: „Die Glücklichen“

Gerade in Zeiten, in denen sich zahlreiche Theatermacher mit aktuellen Fragen zu der Situa­tion von geflüchteten Menschen beschäftigen, zugleich aber auch die Auseinandersetzung mit erstarkenden rechtspopulistischen Strömungen und einem in Europa Einzug haltenden Terror suchen, ist es interessant, dass sich das Performancekolletiv ausbau.sechs mit der kleinsten sozialen Einheit – der Familie – in Zeiten eines neoliberalen Kapitalismus beschäf­tigt. Ausgehend vom Debütroman „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau, der von einem leisen sozialen Abstieg einer jungen Familie erzählt, thematisieren Sebastian Linz und Linda Löbel die Situation der zwischen 1975 und 1990 Geborenen. Es ist die pragmatische Genration „maybe“, die hohe Ansprüche an sich selbst hat, das Private in den Vordergrund rückt, als unpolitisch und konservativ gilt und vor allem daran arbeitet, die Standards der Mittelschicht zu halten, um damit ihrem Individualitätszwang gerecht zu werden.
Die Jury überzeugte neben der thematischen Ausrichtung der installativ-performativ partizi­patorische Spielansatz, den ausbau.sechs auch schon in früheren Projekten in bemerkens­werter Weise umgesetzt haben. Jeweils 24 Zuschauer pro Aufführung werden mit Kopfhörern ausgestattet und in einer Zweier-Situation durch insgesamt zwölf sich leicht verändernde Räume geführt. Sie hören jeweils eine der beiden Perspektiven der Romanhauptfiguren und werden zu einfachen Handlungen angewiesen. Überzeugend ist der sanfte immersive Ansatz dieser Arbeit, der zu einer intimen Situation innerhalb des Publikums führt. Durch die Kon­frontation mit dem Inhalt der Geschichte, der räumlichen Anordnung und der Begegnung mit den unbekannten Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird die Zuschauerin/der Zuschauer sich selbst gegenübergestellt. Außerdem befürwortet die Jury die Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen, die das Haus unter der neuen Intendanz von Mattias Lilienthal für freie Gruppen bewusst öffnen und eine Vernetzung der Münchner freien Szene in die deutschsprachige Stadttheaterszene unterstützen. Die Jury möchte den von ausbau.sechs erfolgreich begonnenen Weg, installative Arbeiten mit und für wenige Zuschauer zu realisie­ren, bestärken und spricht sich für eine Förderung in Höhe von 65.902 Euro für dieses verhei­ßungsvolle Projekt aus.


Breece, Karen: „Don't forget to die“

Fünf über 80-jährige Münchnerinnen und Münchner setzen sich dort, wo das Leben beginnt, in der Geburtenklinik, mit der Frage nach der eigenen Endlichkeit auseinander, mit dem be­vorstehenden Tod, mit der Perspektive auf das Sterben, damit verbundenen Ängsten und Wünschen - vor dem Hintergrund der ihnen noch verbleibenden Zeit. In ihrem neuen Projekt „Don’t forget to die“, das thematisch an ihre erste Theaterarbeit „was wir liebten“ (2013) an­schließt, möchte sich die Münchner Theaterregisseurin Karen Breece mit Themen auseinan­dersetzen, die in unserer physischen Selbstoptimierungs- und Leistungsgesellschaft immer noch medial und kulturell unterrepräsentiert sind: Alter und Sterben. Dass sie als junge Thea­termacherin dabei nicht mit Schauspielern, sondern mit Laien arbeiten möchte, mit alten Menschen, für die der Tod nicht länger eine abstrakte Bedeutung ist, sondern konkrete, zeit­lich absehbare Dimension angenommen hat, spricht für ihre echte Neugierde und ein thea­trales Wagnis, das sich dem Thema ausliefert anstatt es um des dramaturgischen Effektes willen lediglich zu nutzen. Karen Breece möchte nicht über Senioren und das Sterben erzäh­len, sondern die Betroffenen selbst sprechen lassen. Karen Breece hat sich in den letzten Jahren in der freien Theaterszene München einen Namen als Theatermacherin erarbeitet, die es versteht, partizipative Site-specific-Projekte zu entwickeln, die - so lässt es auch die­ser Antrag erhoffen - nicht die Sensation suchen, sondern den Zuschauer auffordern, sich mit wachem Auge und Ohr Stimmen zu öffnen, die im öffentlichen Diskurs gewöhnlich unterge­hen. Ihre Projekte fußen - wie zuletzt „Welcome to Paradise“ (wo sie die Perspektiven von Flüchtlingen und Asylbeamten in der St.Matthäus-Kirche am Sendlinger Tor gegenüberstell­te) oder „Dachau/Prozesse“ - auf ausführlichen eigenständigen dokumentarischen und jour­nalistischen Recherchen, die aber nie zum Beleg vorgefertigter politischer Denkmuster her­angezogen werden, sondern in den daraus selbst erarbeiteten Theatertexten die ganze Am­bivalenz und Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns und Denkens behalten dürfen. Die Stärke des Projekts, so lässt es der Antrag nach Ansicht der Jury vor dem Hintergrund der bisherigen Theaterarbeiten erhoffen, liegt in dem sensiblen Umgang mit authentischen Orten der Zeitgeschichte abseits geschlossener Theaterräume und mit Menschen, die nicht zu Schauspielern „umerzogen“ oder auf der Bühne ausgestellt werden, sondern in ihrem So- und Dasein zur Grundlage für Beobachtungen über die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen unseres gegenwärtigen Miteinanders werden. Die Jury ist dabei ge­spannt, ob es Karen Breece gelingen wird, das zusammen mit den Seniorinnen und Senio­ren erarbeitete dokumentarische Material auch ästhetisch in einen überzeugenden theatralen Rahmen zu übersetzen, der über den dokumentarischen Charakter einer szenischen Lesung hinaus auch performativ und sinnlich zu überzeugen weiß. Die Jury befürwortet eine Förde­rung in Höhe von 53.350 Euro.


Fell, Angelica / Freie Bühne München: „Hamlet.eine maschine“

Die Freie Bühne München versteht ihre Arbeit auf zwei Säulen aufbauend: Einerseits in der Entwicklung von inklusiven Theaterprojekten und andererseits in der Ausbildung von schau­spielerischen Grundlagen an ein inklusiv zusammengesetztes Schauspielensemble, das ak­tiv, eigenständig und gleichberechtigt die Entwicklung der Stücke erarbeitet.
Die Freie Bühne München wird in ihrer nächsten Arbeit Shakespeares „Hamlet“ und Heiner Müllers „Hamletmaschine“ als Grundlage für eine eigene Stückentwicklung verwenden, die die Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren eigenen Geschichten und Assoziationen interpretieren. Der Hamlet-Stoff eignet sich in besonderem Maße, um sich mit dem Thema geistige „Krankheiten“ auseinanderzusetzen und der Frage nachzugehen: Ist Hamlet wahn­sinnig oder krank oder sind es die Menschen in seiner Umgebung, welche ihm ein Krank­heitsbild unterstellen oder dieses gar produzieren? Diese Fragestellung ist für ein inklusives Ensemble besonders reizvoll und darüber hinaus von gesamtgesellschaftlicher politischer Relevanz. Die Jury spricht sich ausdrücklich dafür aus, die Freie Bühne München mit ihren inklusiv erarbeiteten Theaterprojekten in einer Höhe von 42.632 Euro zu fördern und möchte mit dieser Unterstützung auch zu einer professionellen Weiterentwicklung eines in München an­sässigen und über die Stadtgrenzen hinaus strahlenden Inklusionstheaters ermutigen.


Hirn, Sebastian: „Outposts of Resistance“

Bei politischer Kunst, die sich gesellschaftlich engagiert, verschwimmen leicht die Grenzen, der Begriff des „Artivismus“ trägt dem Rechnung. „Outposts of Resistance“ soll Kunst wer­den, die nicht aktivistisch ist, sondern den Aktivismus befragt, konkret die sogenannten „Hu­man Shields“ im Irak. 2003 hatte Ken O’Keefe dazu aufgerufen, als Protest gegen den dro­henden Einmarsch der USA in den Irak zu fahren, und das Land als „Human Shields“ vor amerikanischen Bomben zu schützen. Was als Friedensaktivismus gedacht war und als Um­kehrung des medialen Motivs des Selbstmordattentäters gedacht werden kann, wurde natur­gemäß auch von Saddam Husseins Regime instrumentalisiert und kann als durchaus frag-würdige Aktion betrachtet werden. Sebastian Hirn und sein Team verwenden dokumenta­rische Interviews von 2003 und führten 2015 neue Interviews mit den ehemaligen „Human Shields“. Nun planen sie eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Material: Mit ei­nem öffentlichen Recherchelabor und Screenings sowie Aufführungen in Form einer „bespiel­ten Video-Installation“ mit vier Performerinnen und Performer und einer Nachbildung von Ori­ginalräumen. Mit dabei ist unter anderem das ehemalige Human Shield Namaa al Ward und die “Academic University for Nonviolence & Human Rights in the Arab World“. Die Grenz­überschreitungen sind vielfach, in Form und Inhalt. Das Beispiel radikal, der Zugriff persön­lich und durch bisherige Recherchen (u.a. beim Festival „Spielart“ zu sehen) gut vorbereitet. Und das Thema Irakkrieg 2003 ist angesichts der aktuell zu beobachtenden Folgen genauso virulent wie die Frage nach dem „richtigen Leben im falschen“, nach unserem politischen En­gagement und den Unterschieden von Aktivismus und Aktionismus. Die Jury empfiehlt, das Vorhaben von Sebastian Hirn mit einem Betrag in Höhe von 49.458 Euro zu unterstützen.


Kullukcu, Bülent / Rohtheater: „Empire“

Sinnliche Ereignisse beschränken sich in den Arbeiten von Rohtheater keinesfalls nur auf den Titel. Ein virtuell simuliertes Environment, das eine hochgradig immersive Atmosphäre schafft und die Anwesenden unweigerlich in eine vollständig andere Realität transportiert - das kennzeichnet die Theaterspiele des Kollektivs, bestehend aus Anton Kaun, Dominik Obalski und Bülent Kullukcu. Auf der Grundlage noch immer zukunftsweisender Texte von Autoren wie Elias Canetti, Michel Foucault, Jean-Luc Nancy oder Karl Kraus haben sich die Künstler in ihrer Theaterarbeit darauf spezialisiert, einen traumhaften Erlebnisraum zu er­schaffen, der zum kollektiven und fantasievollen Reflektieren über die Welt einlädt. Die textli­che Grundlage für den aktuellen Projektantrag ist das äußerst visionäre Manifest von Micha­el Hardt und Antonio Negri „Empire: Die neue Weltordnung“, das die neuen Technologien der Macht beschreibt, durch die sich die kapitalistische Weltordnung am Leben erhält. Zusam­men mit zwei weiteren Geschichten der japanischen Mangazeichner Naoki Urasawa und Osamu Tezuka, deren Comics Bezug auf das Verhältnis von Macht und Ethik nehmen, plant das Kollektiv die verschiedenen Texte und Bilder zu einer Geschichte zu montieren und mit­einander in Verbindung zu bringen. Im Sinne einer Serie soll die Geschichte in sieben bis zehn Folgen an unterschiedlichen Orten in der Stadt, in unterschiedlichen ästhetischen Auf­führungsepisoden - als posthumanes Theater, als Film, Magazin, Livekonzert, Livehörspiel, einer Ausstellung und einer im Netz erfahrbaren interaktiven Episode - erzählt werden. Die Theaterabende des Kollektivs erschaffen stets eine atmosphärisch dichte Erfahrungswelt, die nicht nur gewaltige Bilder und Stimmungen erzeugt, sondern eine eigenständige Art der Re­flexion über die uns umgebende Welt ermöglicht. Aus diesem Grund empfiehlt die Jury die Arbeit des Kollektivs durch die Förderung des aktuellen Projekts mit einer Summe von 34.510 Euro zu unterstützen.


Micro Oper München / Cornelia Melián: „Winter“ - musiktheatralische Installations-performance nach Schuberts „Winterreise"

Mit dem Format der „Micro Oper“ hat Cornelia Melián bereits seit längerem eine eigenständi­ge Form des Musiktheaters in der Münchner Freien Szene etabliert. Zuletzt überzeugte sie das Publikum 2013 im schwere reiter mit der Produktion „Jetzt das Paradies – Eine Rehab-Oper“, einer satirischen Auseinandersetzung mit dem Burnout-Syndrom. Ausgangspunkt ih­res neuen Projekts ist der Weg des rastlosen Wanderers in Schuberts „Winterreise“ und der Entstehungskontext des Werks vor dem Hintergrund der Restauration in Europa unter Met­ternich. Mit der Aktualisierung dieser unterschwelligen politischen Dimension werden subtile Parallelen zur heutigen Situation mit ihren massenhaften Wanderbewegungen quer durch Europa suggeriert. Hierzu sollen die Liedtexte in andere Sprachen, wie z.B. in Farsi, über­setzt und die Musik zu einer elektro-akustischen Klangcollage verdichtet werden. Das ge­plante offene Raumkonzept und die visuellen Projektionen im geplanten Aufführungsort „Hoch X“ in der Entenbachstraße suchen die Orientierungs- und Ziellosigkeit des Bewe­gungsflusses auf vielfältige Weise sensorisch zu vermitteln. Diese multimediale Musikthea­ter-Performance wird gemeinsam mit einem überregionalen, hochkarätigen Team von Musikerinnen und Musikern sowie interdisziplinär arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern aus München, Köln, Berlin und Basel konzipiert. Die Jury empfiehlt eine Projektförderung in Höhe von 60.740 Euro.


Mudra, Christiane: „Off the records - Die Mauer des Schweigens“

In ihrem heimattreuen Western „Wir waren nie weg – Die Blaupause“ hat Christiane Mudra das Publikum im letzten Jahr auf einen etwas anderen Stadtspaziergang durch den öffentli­chen Münchner Raum mitgenommen, bei dem städtische Wahrzeichen zur ambivalenten Ku­lisse für eine Auseinandersetzung mit rechtsextremen Kontinuitäten in der Bundesrepublik wurden – vom Oktoberfestattentat 1980 bis zu den Morden der NSU.
„Off the records“ versteht sich als direkte Fortsetzung dieses Projektes, fokussiert nun aber die viel kritisierte Rolle und Funktion des staatlichen Sicherheits- und Geheimdienstappara­tes bei der polizeilichen, medialen und juristischen Aufklärung u.a. der NSU-Verbrechen. Ob Medien staatlich beeinflusst oder von Seiten der Sicherheitsapparate bewusst mit Falsch- bzw. Fehlinformationen versorgt werden, und wenn ja, warum – diese brisante und delikate Frage hält die Jury gerade angesichts der von Pegida und Rechtspopulisten ins Land getra­genen Debatte über die sogenannte „Lügenpresse“, die eine beängstigende Anhängerschaft gefunden hat, für unbedingt diskussionswert – auch und gerade im theatralen Rahmen. Mudra will dafür das Zentrum der Macht auf die Bühne stellen: das Kanzleramt, in dem das Publikum in Form eines Live-Hörspiels Zeuge eines konspirativen Gesprächs wird und so Details über Geheimschutzregelungen und deren gesetzliche Grundlage erfährt. Wer kontrol­liert bzw. überwacht hier wen: Die Politik und die Medien den Verfassungsschutz – oder der Verfassungsschutz die Politik und die Medien? Der Text soll sich – und Christiane Mudra hat mit „Wir waren nie weg“ bewiesen, dass sie sich auf eine bewundernswert hartnäckige und politisch aufschlussreiche Recherchearbeit versteht – ausschließlich aus dokumentarischem Material zusammensetzen: O-Töne aus Vernehmungen einzelner Beamter im Zuge des NSU-Prozesses, Interviews mit Zeuginnen und Zeugen, Journalistinnen und Journalisten, die im Zuge ihrer Aussagen oder Recherchen Repressalien erfahren haben, sowie Interviews auf Pegida-Demonstrationen et cetera. Die Ästhetik des expressionistischen Stummfilms der Weimarer Republik soll dabei über Bühne, Kostüme und Videoprojektionen den visuellen Rahmen bilden, der eine bedrohliche Atmosphäre der Zeitenwende zitiert, in der politisch fragwürdige Agitatoren die Verunsicherung der Bevölkerung aufgrund des staatlichen Sicher­heitsversagens für ihre populistische Hetze nutzen. Die Jury ist neugierig auf dieses ehrgeizi­ge und spannende Experiment – und erwartet, dass es nicht im Ansatz eines politischen Thesen- oder Agitationstheaters verharrt, das bloß zur Vorlage für verschwörungstheoreti­sches Schwarz-Weiß-Denken wird, sondern politische Fragen in den ästhetischen Diskurs trägt, den Zuschauer über diese Fragen dazu anregt, selbst zu schlussfolgern und sich ein Bild zu machen. Sie erhofft sich dabei ein spezifisch theatrales Bild, das zu diesem politisch so brisanten Komplex die ästhetischen Möglichkeiten des Mediums über das hinaus nutzt, was journalistische oder politische Analysen liefern können. Die Jury spricht sich daher für eine Förderung dieses im besten Sinne des Wortes politisch herausfordernden und provozie­renden Theaterprojektes in Höhe von 69.538 Euro aus.


NYX e.V.: „Kalte Heimat (AT)“

Seit über zehn Jahren entwickeln die ehemaligen Absolventinnen der August-Everding-Aka­demie Dorothea Schroeder und Nina Gühlstorff mit ihrem NYX e.V. Theaterarbeiten an der Grenze zur Soziokultur – aktuell gefördert auch durch den Fonds Doppelpass der Kulturstif­tung des Bundes. Sie setzen sich mit gesellschaftlichen (Rand-)Gruppen auseinander und entwickeln Formate, in denen auch die Rolle des Publikums immer wieder neu befragt wird. Zuletzt überzeugten sie mit „Schluchten“, einem theatralen Stadtspaziergang auf den Spuren von Sinti und Roma in München. Mit „Kalte Heimat“ nähern sie sich den Themen „Flucht und Vertreibung“ gerade nicht aktualistisch, sondern mit einem überzeugenden Fokus auf die bayerische Geschichte. „21,2 Prozent der Menschen im Nachkriegsbayern waren Flüchtlin­ge“, schreiben sie in ihrem Antrag, mit ihnen kamen „fremde Dialekte, ein fremder Habitus“ ebenso wie „Armut, Elend, Hilflosigkeit“. Ausgangspunkt für das Theaterprojekt ist Andreas Kosserts Sachbuch „Kalte Heimat“, das mit dem Mythos von der schnellen und erfolgreichen Integration der Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland aufräumte. So versucht NYX e.V. einen Ritt durch die Geschichte: Nach den „Volksdeutschen“ – oft genug als „Polacken“ be­schimpft – kamen Flüchtlingsströme u.a. aus Vietnam und dem Balkan. Das Ziel von „Kalte Heimat“ ist es, die Migranten verschiedener Generationen miteinander in Dialog zu bringen und Begegnungen zu organisieren. Alte Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebie­ten, Flüchtlinge der Balkankriege und aktuelle junge Flüchtlinge treffen in mehreren Phasen aufeinander, die Gespräche sind partizipativ, die Formate offen. Das Projekt klingt hochkom­plex, mit diversen Gesprächs-Etappen, Auswertungen, neuen Begegnungen. Es kann auch scheitern. Aber es ist ein förderungswürdiger Versuch, die Gesellschaft mit sich selbst ins Gespräch zu bringen. Was verbindet die 90-jährige Elfriede mit dem 19-jährigen Mahmoud? In einem diskursiven „Theater-Event“, inklusive Speed-Dating und kulinarischem Austausch, werden Grenzen zwischen Ethnien und Generationen überwunden – durch verbindende Lini­en in den biographischen Erzählungen. Die Jury spricht sich daher für eine Förderung in Höhe von 73.500 Euro aus.


Pandora Pop / Anne Winde-Hertling: „somewhere else, but now“

Anna Winde-Hertling hat sich bereits 2014/15 in der Performance „Das Kassettenmädchen“ im Theater Pathos München mit der Frage auseinander gesetzt, wie Medien und Unterhal­tungselektronik die Biographie und das Lebensgefühl Heranwachsender Ende des letzten Jahrhunderts prägen. In ihrer kommenden Arbeit beschäftigt sie sich nun mit der Dominie­rung der Erlebniswelt von Jugendlichen durch soziale Medien. Auf der Basis eines bereits existierenden Berichts über eine Fahrradreise von London nach Australien wird das Verhält­nis von realer Erfahrung und deren digitaler Dokumentation für den Reisenden selbst und die Daheimgebliebenen erforscht. Das eigentliche Ziel der Reise besteht nicht allein im direkten eigenen Erleben, sondern gleichzeitig in deren Vermittlung an ein virtuell partizipierendes Pu­blikum. Dramaturgisch wird in der geplanten szenischen Umsetzung eine allmähliche Ver­schiebung der Perspektive des reisenden Protagonisten hin zu den durch das Ensemble dar­gestellten Beobachtenden anvisiert. Diese konkurrieren schließlich gemeinsam mit dem Theaterpublikum in gedanklichen und performativen Szenarien um die größtmögliche Opti­mierung des szenischen und virtuellen Unterhaltungsfaktors des Reiseverlaufs. Zentraler Be­standteil der Produktion ist auch eine vierwöchige Zusammenarbeit während der Konzepti­onsphase mit Jugendlichen des „Kammer-Clubs“ der Münchner Kammerspiele, deren Sicht­weisen in die Konzeption mit einfließen werden. Die Jury votiert für eine Förderung in Höhe von 38.465 Euro für ein Projekt, das sowohl künstlerisch wie auch durch die intensive Zusam­menarbeit mit dem Jugendclub eines städtischen Theaters Neuland zu erkunden sucht.


satellit produktion: „Privacy (AT)“

Satellit Produktion (2015 ausgezeichnet mit dem Kurt-Meisel-Förderpreis für ihre Arbeit „frei willig arbeiten“ am Residenztheater München) versteht sich seit 2012 als freies Kollektiv der Darstellenden Künste, das bevorzugt gesellschaftspolitisch aktuelle Themen und Debatten­felder mit sehr persönlichen Recherchen und soziologischen Perspektiven verbindet. Dieses Mal ist der Ausgangspunkt Ana Zirner, Regisseurin und Gründungsmitglied von Satellit Pro­duktion, selbst: Welche privaten Daten wird ein eigens dafür beauftragter Hacker über
sie herausfinden – alleine über ihre Profile in den social networks, ihren Mail-Account etc.; über die Informationen also, die wir alle selbst freiwillig ins Netz einspeisen? Und inwiefern werden dieser Prozess und die Erkenntnisse daraus ihr Online-Verhalten beeinflussen – oder auch nicht? Mit dem Performance-Projekt „Privacy“ ist Satellit Produktion einmal mehr am Puls der Zeit, wenn die Gruppe die Frage nach unserer digitalen Mündigkeit stellt: Wie sensibel oder unsensibel gehen wir selbst mit unseren privaten Daten im Netz um – seit WikiLeaks, Edward Snowden, Vorratsdatenspeicherungs-Debatte wohlwissend, dass wir längst schon zum gläsernen Menschen geworden sind? Aber vielleicht wollen wir ja genau das? Die Jury ist vor allem überzeugt von und gespannt auf die theatrale Form, in der Satellit Produktion das Publikum mit Blick auf diese Frage herausfordern möchte. Über drei Räume hinweg sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer erstens mit ihren eigenen digitalen „Avata­ren“, mit z.B. öffentlich zugänglichen Facebook-Profilen und privaten Daten, konfrontiert wer­den, die sie etwa gegen einen ermäßigten Eintritt den Performerinnen und Performern frei­willig zur Verfügung stellen, die daran anschließend zweitens eine Performance erarbeiten, welche drittens zu einem diskursiven Austausch zwischen Performerinnen und Performern und Publikum über die Verschiebung der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit führen soll. Für diesen Austausch sollen u.a. virtuelle Datenbewegungen über Videoprojektio­nen und körperliche Interaktionen analog sichtbar gemacht und so in eine ästhetische Ge­stalt überführt werden, die die Frage nach der eigenen Verantwortung für die digitale und analoge Zukunft unserer Gesellschaft aufwirft: eine Gesellschaft, in der Daten und Informa­tionen der neue Warenfetisch (und vielleicht die immaterielle Währung der Zukunft) gewor­den sind. Ana Zirner hat mit auf nationalen und internationalen Festivals lebhaft diskutierten Projekten – etwa mit „brothers in arms“ (2014) – gezeigt, dass sie gemeinsam mit der Dra­maturgin Martina Missel und dem Choreografen David Russo ein theatrales Ereignis entste­hen lassen kann, das sinnlich, intelligent, chaotisch und politisch verstörend zugleich ist. Mit der Förderung von „Privacy“ in Höhe von 60.000 Euro erhofft sich die Jury deshalb ein die Gren­zen zwischen analogen und virtuellen Identitätsdiskursen hinterfragendes Theatererlebnis, das mit der Frage nach der politischen Verantwortung für Datenschutz dort ansetzt, wo wir die Verantwortung nur ungern suchen: bei uns selbst.