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Einzelprojektförderung für freie Theaterschaffende 2017


Jurybegründungen

Adwan, Ziad: „Meanwhile“

„Warum suchen Flüchtlinge so sehr die Anerkennung vor westlichem Publikum? Und sind Fehler auf der Bühne sogar etwas Gutes?“ Mit diesen Fragen steckt Ziad Adwan das Thema und das Vorgehen seiner geplanten Produktion „Meanwhile“ ab, das 2017 im „HochX“ aufgeführt werden soll. Verhandelt werden Probleme des hegemonialen Blickregimes auf Geflüchtete und die unreflektierte Repräsentationspolitik ebenso wie kulturelle Stereotype und Lügen, die im Kontext des Flüchtlingsdiskurses wirken. Dabei wird der „Fehler“, wie er beispielsweise im menschlichen Handeln oder bei technischen Störungen zu Tage treten kann, sowohl inhaltlich als auch in der theatralen Darstellung eine zentrale Rolle spielen. Während „Fehler“ auf der Theaterbühne eine gewisse Komik bergen und Scham auslösen, wohnt dem Fehlermachen im Kontext von Macht- und Herrschaftsverhältnissen ein gewisses anarchisches Potential inne, nämlich eben diese Machtverhältnisse zu verschieben oder sie sogar – wenn auch nur temporär – auszuhebeln. Genau dieses Potential will Adwan in „Meanwhile“ ausloten und die Wirkmacht von Fehlern auch in Bezug auf das Theaterpublikum ermitteln. 2016 erhielt Adwan das Arbeitsstipendium der Landeshauptstadt München und nutzte dieses, um in Flüchtlingslagern die systematische und alltägliche Repräsentierung von Geflüchteten zu erforschen. Aus den Rechercheergebnissen schuf Adwan einen variationsreichen und humorvollen Text, der eine überzeugende Grundlage für ein differenziertes und spannendes Theaterstück bildet. Mit Blick auf die multikompetente Praxiserfahrung von Adwan als Wissenschaftler und Theatermacher und sein Team, bestehend aus renommierten Künstlerinnen und Künstlern aus Syrien und Deutschland, ist die Jury überzeugt davon, dass eine Förderung in Höhe von 68.056 Euro wichtige Einblicke auf Repräsentationspolitiken aus der Perspektive Marginalisierter liefern wird.

Blasius, Sebastian: „Das kommende Verschwinden – Pre-enactment einer fiktiven Konferenz“

Der Regisseur, Choreograph und Theaterwissenschaftler Sebastian Blasius entwickelt seit Jahren kontinuierlich Projekte in der freien Szene Münchens – meist in Zusammenarbeit mit Münchner Künstler/innen, die bundesweite und internationale Beachtung finden. Die interdisziplinären Projekte, vielfach an der Grenze zwischen Tanz und Schauspiel, erwiesen sich in den letzten Jahren zunehmend als installative Performances. Das Projekt „Das kommende Verschwinden“ lädt die Zuschauer/innen ein, einer fiktiven Konferenz mit dem Arbeitstitel „Erinnerungskulturen und zukünftige Perspektiven einer Gesellschaft im Spannungsfeld von Migration, Terrorismus und Digitalisierung“ beizuwohnen. Im Rahmen der transdisziplinären Konferenz mit Vorträgen und Workshops wird retrospektiv aus einer fiktiven Zukunft des Jahres 2045 auf die globalen Transformationsprozesse und Krisen unserer Gegenwart geschaut und nach Analysen des gegenwärtigen Zustands, nach Utopien, Handlungsräumen, zukünftigen Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten gefragt. Reale Expert/innen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen wie Architektur, Politologie, Soziologie, Bioinformatik, Archivforschung etc. sollen das dystopische Setting zwischen Fiktion, Authentizität und Dokumentation um fundierte Analysen und neue Perspektiven erweitern. In Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus, der wachsenden Bedrohung demokratischer Werte und der unvergleichlichen Mobilisierung von Menschen weltweit durch Flucht, Krieg und Vertreibung ist ein Projekt wie das von Sebastian Blasius, das sich durch die fiktiv hergestellte zeitliche Distanz zu unserer Gegenwart jener erst wieder annähern kann, absolut drängend. Hinzu kommt das innovative Format dieser installativen Konferenz zwischen Wissenschaft, Theater und bildender Kunst als zeitgemäße hybride Kunstform, Wissensbestände zu hinterfragen, den aktuellen Diskurs um andere Perspektiven zu erweitern und neues Wissen zu generieren. Die Jury empfiehlt daher, das Projekt „Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius mit einer Förderung in Höhe von 68.000 Euro zu unterstützen.

Breece, Karin: „LA FIN DU TEMPS“

Es gibt gegenwärtig einen Überdruss an Aufarbeitung des Vergangenen und Vergessenen. Umso wichtiger, diesem Überdruss nicht stattzugeben, findet die Jury. Am 10. Juni 1944 ermordeten 150 Soldaten der zweiten SS-Panzer Division „Das Reich“ im französischen Oradour-sur-Glane 642 Einwohner des Dorfes, die Frauen und Kinder darunter wurden in einer Kirche zusammengetrieben und bei lebendigem Leib verbrannt. Kein einziger Täter wurde vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt. Die Theatermacherin Karen Breece, die bereits in partizipativen site-spezifischen Projekten wie „Dachau/Prozesse“ oder „Die Blutnacht auf dem Schreckenstein“ dem Vergangen-Vergessenen ein eindringliches Gesicht gegeben hat, will sich in „La fin du temps“ mit dem Verhältnis von Staatsraison und Recht auseinandersetzen. Mehr noch aber mit dem Bedürfnis der Opfernachfahren nach persönlicher Gerechtigkeit. Wie kann so eine Gerechtigkeit nach über 70 Jahren überhaupt aussehen? Welche Auswirkungen hat das Geschehene auf das Leben der Menschen dort heute – und was haben diese Auswirkungen mit uns zu tun, was mit den Täter-Nachfahren? Auf Basis von Ermittlungs- und Prozessprotokollen sowie Gesprächen mit Zeitzeugen soll ein Text im Grenzbereich zwischen historischem Bericht und fiktiver Erzählung entstehen, der die Leugnungs- und Rechtfertigungsstrategien der Täter und das Versagen der deutschen Nachkriegsjustiz sicht- und fühlbar macht. Über die Grundform des griechischen Chors werden deutsche und französische Schauspieler gemeinsam mit dem Musikerensemble PAIN PERDU bei site-spezifischen Aufführungen in München, Bordeaux und Oradour-sur-Glane historische Räume öffnen, die in die Gegenwart hineinreichen. Karen Breece versteht es, authentische Orte der Zeitgeschichte zum Schauplatz eines politisch-dokumentarischen Theaters im besten Sinne werden zu lassen: Als Aufforderung an die Zuschauer, ihr eigenes Handeln oder Nicht-Handeln zu reflektieren. In Bezug auf das, was war – und das, was sein wird. Die Jury befürwortet daher eine Förderung dieses überzeugenden Projekts in Höhe von 74.175 Euro.

FUX – Dorn, Rößler & Stuhler GbR: „Die Wiederentdeckung der Granteloper“

Nörgeln, meckern, aufzeigen, anmerken, monieren, granteln, maulen, beanstanden, jammern, tadeln und mäkeln kann man bekanntlich immer. „Man wird ja wohl noch sagen dürfen.“ Das Künstlerkollektiv FUX untersucht die Beschwerde im Spannungsfeld zwischen Verändern und Bewahren, kann sie doch kleinlich sein oder weitsichtig, revanchistisch oder revolutionär. In Beziehung zur Kunst tritt die Beschwerde in Form der Klage oder des Protests. Diese ist zu finden in Arbeiterliedern, Lamentos oder Elegien. FUX setzt sich das Ziel, ein aktuelles Musiktheater der Beschwerde zu entwickeln und die historische Gattung der „Granteloper“ zu erfinden. Oder wiederzuentdecken? War sie nicht schon in Glucks Reformoper angelegt und bei Beethoven und Brecht/Weill zumindest angeklungen? FUX plant die Einsamkeit eines grantelnden Menschen auf der Bühne, umringt von 60 beweglichen einzelnen Lautsprechern, die entsprechend einem Orchester je nur ein einzelnes Instrument, eine einzelne Stimme verkörpern. Die Logistik einer Opernaufführung und ihres Apparates wird als Skelett sichtbar. So verbinden sich Reflektion des Musik- und Theaterapparats mit Fragen nach aktuellem Wutbürgertum und traditioneller Grantelei. Die performative Musiktheater-Inszenierung der in München ansässigen Gießen-Absolventen wird koproduziert von den Kammerspielen München, dem HAU Berlin und dem Mousonturm Frankfurt. Eine wünschenswerte Kooperation, die Kosten teilt und zu einer Sichtbarkeit und Vernetzung der freien Szene über München hinaus beiträgt. Kein Grund zum Granteln also. Die Jury befürwortet eine Förderung dieses Vorhabens in Höhe von 45.000 Euro.

Geiersberger, Ruth: „auf Räumen“

Ruth Geiersberger, „heimliche Berühmtheit“ der Münchner Theaterszene und anerkannte Meisterin subtiler szenischer Kleinformen, erkundet in dieser zweiteiligen Performance mögliche Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und Genres. Der arrivierte Hamburger Jurist und Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt trifft auf den jungen Münchner Japanologen und Spiele-Entwickler Simon Spehr. Begleitet von dem Kontrabassisten Klaus Janek und moderiert von Ruth Geiersberger, werden anhand von Alltagsobjekten und geschichtsträchtigen Requisiten aus früheren Arbeiten in einer ersten, halbprivaten Phase Erinnerungsprozesse in Gang gesetzt und Fragen nach der möglichen Zukunft gestellt. Das Wort- und Klangmaterial dieses „Frage-Raums“ wird in der zweiten Projektphase in die öffentliche Sphäre des Theaters „HochX“ transferiert und einer weiteren Befragung unterzogen: In einer begehbaren Klangskulptur können die Performer und Publikum ihre möglichen Fragen in die sich wandelnde Klangwolke einspeisen und auf diese Weise die „Synapsen zum Trapsen“ bringen. Die Jury befürwortet eine Förderung dieses Vorhabens in Höhe von 27.460 Euro.

Hauptaktion GbR/Oliver Zahn: „Versuch übers Turnen“

Oliver Zahn, Debütpreisträger 2016, hat bereits in einer Reihe von theatralen „Situationen“ das Funktionieren des Genres der „Essay-Performance“ mit großem Erfolg unter Beweis gestellt. Bei dieser Spielart der szenischen Forschung werden bestimmte Kulturtechniken (wie Gesten oder Interaktionsformen) historisch oder ethnographisch hinterfragt und im Hinblick auf ihren soziokulturellen Kontext bzw. ihren Bedeutungswandel beleuchtet. Im „Versuch übers Turnen“ untersucht Oliver Zahn mit seinem Team (dem Ethnologen und Performer Julian Warner sowie der Dramaturgin Hannah Saar) die Geschichte der „Turnvater-Jahn-Bewegung“. Turnen als ganzheitliches politisch-pädagogisches Konzept entsteht – zunächst in Abgrenzung zu „Gymnastik“ und später zu „Sport“ – im Kontext liberal-nationalistischer Bewegungen des frühen 19. Jahrhunderts, um dann ab dem Kaiserreich bis hin zur NS-Zeit zunehmend staatspolitisch vereinnahmt zu werden. Der Verbreitung des „Turnens“ als physisches Instrument nationaler Identitätsbildung wird in den unterschiedlichsten Facetten und Kulturräumen (wie etwa in deutschen Kolonien in Afrika oder deutschstämmigen Siedlungen in Amerika) nachgegangen bis zum Verschwinden im eher international ausgerichteten Konzept des sportlichen Wettkampfs. Diese Aspekte werden szenisch auf drei verschiedenen Ebenen – durch Gruppen-Choreographie, Individual-Kür und szenographische Integration des Zuschauerraums – verhandelt. Bereits im Vorfeld ist es dem Team gelungen, mehrere überregionale Spielstätten (wie HAU Berlin, Theater Rampe Stuttgart, Schwankhalle Bremen) als Ko-Produzenten zu gewinnen. Die Premiere soll im Rahmen des Münchner Theaterfestivals „SpielArt“ an den Kammerspielen stattfinden. Die Jury spricht sich für eine Förderung in Höhe von 60.000 Euro aus.

Kastner, Stefan: „Die Haltestelle“

Stefan Kastner ist ein „Urgestein“ der Münchner freien Szene – seine selbst verfassten Stücke wie jüngst „Die Sphinx von Giesing“ im Hofspielhaus oder zuvor die „Germania“-Trilogie zeichnen sich durch einen unverwechselbaren Ton aus, der in seinem Changieren zwischen Dada, beißender Gesellschafts- und Stadtsatire sowie philosophischem Kabarett an bayerische Anarcho-Größen wie Herbert Achternbusch, Karl Valentin oder Sigi Sommer erinnert. Nie ist sein Humor tümelnd, immer doppelbödig, manchmal brachial-derb, öfter aber subtil: wenn er in die Seelen von Münchner Figuren zwischen ruhmreich-historischer (Stadt-)Vergangenheit und trister Alltagsgegenwart blickt; eine Stadt sonnt sich im Glanz ihrer historischen Größe – und übersieht dabei diejenigen, die im Schatten stehen. Stefan Kastner kennt und sieht München, auch in seinen gentrifizierten und ökonomischen Abgründen. Er „schaut den Leuten aufs Maul“, wie man so schön sagt. Deshalb ist die Jury besonders gespannt auf seine Auseinandersetzung mit zwei Figuren, die abseits von Glockenbach-Schick und Hipster-Trendsettern den Wohlstand täglich vor Augen haben, aber nicht (mehr) an ihm teilhaben. Das Setting ist bewusst „einfach“ und „klein“ gewählt: Zwei Männer verbringen ihre Tage an einer Bushaltestelle, die zum öffentlichen Wohnzimmer ihrer Scheinexistenzen geworden ist. Der eine war früher Pianist in einem Münchner Tanzlokal und wird wegen seines Faibles für altbayerische Kirchengeschichte „Erzbischof“ genannt. Der andere ist bei einem namhaften Münchner Herrenausstatter in die Lehre gegangen und behauptet, Originalwerke von Vitruv, dem Architekten-Lehrmeister der Renaissance, zu besitzen. Von der Straße träumen sie sich fort in ein Leben, das sie nie geführt haben. Bis sie eines Tages Besuch bekommen von einer 80-jährigen Nymphomanin, die das Münchner Bahnhofsviertel seit den 60er Jahren aus besonders intimer Perspektive kennt. Und von drei aus der Psychiatrie der Nußbaumstraße geflüchteten Marathonläufern; in einer von ihnen glaubt der „Erzbischof“ die bayerische Kurfürstin Henriette Adelaide, Erbauerin des Schlosses Nymphenburg, zu erkennen. Ist das noch Traum oder schon Verzweiflung? Die Jury empfiehlt eine Förderung des Projekts in Höhe der Antragssumme von 39.100 Euro – verbunden mit der Erwartung, dass alle am Projekt Beteiligten tariflich fair entlohnt werden.

Kullukçu, Bülent/ROHTHEATER: „MONDO“

Bülent Kullukçu, Anton Kaun und Dominik Obalski – drei interdisziplinär arbeitende Künstler formieren seit 2011 das Kollektiv ROHTHEATER und haben in den letzten Jahren eine ganz eigene Theaterästhetik entwickelt, die sich am ehesten als Posthumanes Theater beschreiben lässt. In ihrer letzten Produktion 2016/17 überzeugte das Kollektiv das Publikum mit ihrer siebenteiligen Aufführungsepisode „Empire“, einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem gleichnamigen Manifest von Negri/Hardt. Ausgangspunkt ihres neuen Projekts MONDO sind die beiden Science-Fiction Romane „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ von Arkadi und Boris Strugatzki aus dem Jahr 1964 und „Locus Solus“ von Raymond Roussel aus dem Jahr 1916, die als Suche nach hoffnungsvollen Lücken in dystopischen Programmen gelesen werden. Mittels installativer Montagetechniken und großformatiger Live-Videoprojektionen sollen die Grenzen zwischen realer und fiktiver Geschichte verschwimmen und gleichzeitig die Macht der Fiktion für die Wirklichkeit erfahrbar werden. MONDO versteht sich als subtile Bezugnahme auf aktuelle politische Entwicklungen wie z. B. dem weltweiten Erstarken nationalistischer Ideologien, die sich trotz oder eben gerade wegen ihrer Fiktionalität so wirkmächtig zeigen. Die interdisziplinäre Theater-Installation in dem geplanten Aufführungsort Köşk sucht das Phantastische und Utopische im Format des Posthumanen Theaters zu beschreiben und darzustellen. Kontinuierlich hat das ROHTHEATER in seinen letzten Produktionen diese Form des Theaters in der Münchner Freien Szene etabliert und weiterentwickelt. Die Jury empfiehlt eine Projektförderung in Höhe von 35.660 Euro.

Nitschke, Mathis: „MAYA“

Der Regisseur und Komponist Mathis Nitschke ist kein unbekannter Künstler der Münchner Freien Szene. In der Vergangenheit hat er zahlreiche Opern, Theaterstücke, Installationen, Filme und Konzerte realisiert und kam in den Genuss mehrerer Stipendien, darunter auch Förderungen der Landeshauptstadt München. Seine disziplinübergreifenden Arbeiten sind stark von einem konzeptionellen Kunstbegriff geprägt, der das intermediale Zusammenspiel von Text, Bild, Sound, Musik, Theater und Film kunstvoll auslotet. Mit den Kurzopern „VIOLA“ und „KATHARINA“ hat er in der jüngsten Vergangenheit ortspezifische Kunstprojekte im öffentlichen Stadtraum Münchens entwickelt. Für sein aktuelles Projekt „MAYA“ hat er ein ausgesprochen versiertes künstlerisches Team zusammengestellt. Der renommierte Autor Thomas Jonigk wird ein Libretto schreiben, der Lichtdesigner Urs Schönebaum eine Lichtinstallation entwickeln und die Mezzosopranistin Martina Koppelstetter, mit der Nitschke auch schon vorausgegangene Projekte realisiert hat, die Titelpartie singen. Das zeitgenössische Musiktheater-Projekt „MAYA“ ist eine von Mathis Nitschke komponierte Mixed-Reality-Techno-Oper für eine Sängerin und digitale Stimmen, in deren Zentrum grundlegende Fragen des Posthumanismus verhandelt werden. Mit dem Sterben der biologischen Existenz des Menschen und dem Übertritt in eine virtuelle Daseinsform greift Nitschke im Motiv der Vergänglichkeit ein Sujet der klassischen Oper auf und überführt dies in die Gegenwart einer alle Lebensbereiche umfassenden Digitalisierung. In Gestalt einer Science-Fiction-Story – ganz in der Tradition eines William Gibson – konstruieren Nitschke/Jonigk eine dystopische Zukunftswelt um die letzte biologische Existenz Mayas, der ein Fortleben in einer digitalen Existenzform im entgrenzten Möglichkeitsraum des Cyberspace verwehrt bleibt. Mayas Schicksal wird zu einem Requiem, das der Endlichkeit der biologischen Existenzform des Menschen geweiht ist. Entsprechend kreiert Nitschke kontrapunktisch einen virtuellen Parallelkosmos zur physischen Realwelt auf der Grundlage von Sound, Musik, Augmented Reality Technik und digitalen Medien. Die Auflösung der menschlichen Existenz in den Cyberspace findet in seiner überzeugenden Konzeption ihre musikalische Entsprechung im Rückgriff auf Elemente des „Tekkno“, der die musikalische Auflösung von Subjektivität im narkotischen (Sound-)Space erstrebt. Das ehemalige Heizkraftwerk in Aubing soll als Aufführungsort dienen, eine alte Industrie-Ruine als Sinnbild einer  zivilisationsgeschichtlichen Umbruchszeit. Die Zuschauer/innen können sich auf dem Gelände frei bewegen und in einem installativen Setting mittels Smartphone in die digitalen Welten eintauchen. Da Mathis Nitschkes „MAYA“-Projekt für die zunehmende Digitalisierung von Lebenswelt, Wissen und Denken eine dem Gegenstand angemessene, kreative, künstlerisch innovative Formsprache im Zusammenspiel unterschiedlicher Kunstmittel verspricht, empfiehlt die Jury, das Projekt mit einer Förderung in Höhe von 92.456 Euro zu unterstützen.


 

van der Maas, Caitlin: „Die goldene Lüge“

Mit ihrem Projekt „Die goldene Lüge“ schließt Caitlin van der Maas an ihr Stipendium des vergangenen Jahres und aktuelle Fragen nach der Lüge im öffentlichen Raum und Inszenierungen in den Medien an: Vergangenes Jahr beschäftigte sie sich mit medialen Trends und Manipulationen, Hypes, Hysterie und Propaganda. Nun entwickelt sie das Material weiter, ausgehend von der Massenpanik beim Amoklauf in einem McDonald‘s in München im Juli 2016 und von der Geschichte ihres jungen Neffen, der in einem benachbarten Burger King Zuflucht gesucht hat. Das Thema: Junge Menschen als Opfer oder Täter. Als missbrauchte, misshandelte Wesen, oder als selber schuldig werdende. Von den vier Attentätern, Amokläufern, Mördern in Würzburg, Ansbach, München und Reutlingen, die vergangenen Sommer deutschlandweit für Schlagzeilen sorgten, waren drei noch jung, zwei – betont van der Maas – noch Teenager. Wie kommt Gewalt in die Welt? Wie wird über sie berichtet und wie setzt sie sich fort? In einzelnen Schlaglichtern, generiert aus Berichten in den Medien und inszeniert als tableaux vivants, mit christlicher Motivik grundiert, möchte „Die goldene Lüge“ ein multiperspektivisches „Drama des Leidens“ entwerfen. Die Jury befürwortet eine Förderung dieses Vorhabens in Höhe von 48.700 €.


 

von Westphalen, David: „Fucking Disabled“

Mit „Fucking Disabled“ greift David von Westphalen ein gesellschaftliches Tabuthema auf: die Sexualität von Menschen mit Behinderung. Die zeitgenössische Theaterperformance beschäftigt sich dabei nicht nur mit der Ausblendung und Aussonderung von Körpern abseits der Norm, mit Diskursen über Behinderung und über Alterität, sondern vor allem auch mit der Potenzierung der Verunsicherung gegenüber all denjenigen, die nicht in unsere normativen Raster passen, wenn das Thema der Sexualität ins Spiel kommt. In einem Wechselspiel zwischen Distanz und Annäherung soll auch ironisch gegen die Verkrampftheiten und Hemmschwellen von Nichtbehinderten angegangen sowie Neugier und Erotik geweckt werden. Der Dramaturg, Regisseur, Performer und Autor David von Westphalen hat mit dem Projekt „Geht’s noch?! – Der große Krampf“ in der Reihe „Was geht? Kunst und Inklusion“ des Kulturreferats der Stadt München bereits eine gleichsam sozialkritische wie unterhaltsame inklusive Revue mit behinderten und nichtbehinderten Künstler/innen realisiert, die das Publikum begeisterte. Die Jury ist deshalb überzeugt, dass David von Westphalen das provokante und gesellschaftlich hoch relevante Thema von „Fucking Disabled“ in einen ebenso sensiblen wie aufschlussreichen Performanceabend umsetzen wird und empfiehlt deshalb nachdrücklich das Projekt mit einem Betrag von 38.692 € zu fördern.


 

Wachter, Katja: „NichtIch“

Was heißt es, auf der Bühne etwas zu spielen, das man selbst nicht ist? Oder gar Dinge zu tun, die man eigentlich nicht tun will, als No-Gos empfindet? „NichtIch“ ist eine Inszenierung der Performerin (und Choreographin und Regisseurin) Katja Wachter und des Performers (und Schauspielers und Musikers) James Newton. Performance lebt, so heißt es, vom Sein statt vom Schein. Wachter und Newton fragen danach, was sie „nicht sind“, was sie nicht tun und sein und repräsentieren wollen, und tun dann genau dies. Es ist ein Anarbeiten gegen Intuition und eigene ästhetische Urteile, es geht um die Frage: Wann blockiert, wann bereichert das scheinbar „Andere“ die eigene Kunst, Authentizität und performative Wirkung? Was passiert, wenn man sich das andere (und im Falle der beiden Performer/innen auch die Bewegungen und Eigenarten des/der jeweils anderen) aneignet durch Analyse und Kopie? Beim Festival „Hier=Jetzt“ im „schwere reiter“ haben Wachter/Newton 2016 ein kurzes Try-out präsentiert, auf dessen Basis nun eine Inszenierung entstehen soll: Wie, so wird gefragt, funktioniert das (auch witzige) Ausstellen des Andersseins? Wie eine Brecht’sche Distanzierung mehr als eine Diffamierung? Wie ein spielerischer und choreographischer Wechsel zwischen Identität und Verfremdung – und was wäre aus der Aneignung des Nicht-Ich zu lernen? Die Jury befürwortet eine Förderung dieses Vorhabens in Höhe von 24.200 €.