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Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende 2018


Jurybegründungen

Akal, Emre: „Angst“ (AT)

Der Autor und Regisseur Emre Akal hat in der Vergangenheit durch postmigrantisch perspektivierte Recherchetheater-Projekte über die Stadtgrenzen hinaus auf sich aufmerksam gemacht. Seine künstlerischen Arbeiten suchen stets die mehrschichtige Auseinandersetzung mit drängenden politischen Fragestellungen diverser Gegenwartsgesellschaften. Bereits das vorausgegangene Projekt „Mutterland ... stille“ (Uraufführung November 2017, Theater HochX), in dem er sich mit dem Wandel der Türkei zur Autokratie und dessen unmittelbare Auswirkungen auf die Familie als privater Rückzugsraum beschäftigt hat, konnte durch die konsequente Formstrenge der Inszenierung, die das Recherchematerial zu einer subtilen Analyse der gesellschaftlichen Dynamiken verdichtete, überzeugen. Der aktuelle Projektantrag knüpft sowohl diskursiv als auch formal an die vorausgegangene Arbeit an. Im Rahmen des vorbereitenden Recherchestipendiums der Stadt München 2017 ist Emre Akal als Chronist der Angst einer Vielzahl von Menschen begegnet und hat sich mit ihren Gesellschaftsängsten auseinandergesetzt: Angst vor dem sozialen Abstieg, vor dem Verlust von Privilegien, vor dem Verlust von Sicherheit und vertrauten Werten, vor Überfremdung und Identitätsverlust. Menschen, die sich in ihrem Leben an einem kritischen Punkt befinden und bereit sind, sich für Besitzstandswahrung und Orientierung zu radikalisieren. Damit markiert Emre Akal als Untersuchungsfeld unmittelbar die großen Fragestellungen der gesellschaftlichen Gegenwart, geprägt von erstarkenden neonationalistischen, völkischen Diskursen und dem wachsenden Einfluss konservativer Bewegungen. Sein Projektantrag besticht neben der drängenden Gesellschaftsthematik durch eine adäquat ästhetische Übersetzung der kollektiven Angsträume in eine radikal ästhetisierte Formsprache, die frei ist von jedem verlegenen Versuch, Gesellschaftsrealismus abbilden zu wollen. Konsequent als Partitur von Stimmen deutscher Bürgerinnen und Bürger entwirft er einen hermetisch von der Außenwelt entkoppelten projektiven Innenraum verstörter Angst-Fratzen. Die Jury schlägt daher vor, das Projekt „Angst“ (AT) von Emre Akal mit einer Förderung in Höhe von 87.146 Euro zu unterstützen.


Bardutzky/ te Kock/ Heisel/ Seraphin GbR: „Münchner Schichten“

Helmut Dietls legendäre „Münchner Geschichten“ im Milieu eines von Gentrifizierung, sozialen und architektonischen Umbrüchen geprägten Stadtbildes als ewige Suche nach dem eigenen Platz in der Großstadtlandschaft und im Leben überhaupt sind aktueller denn je. Auf den Fundamenten der Kultserie aus den 1970er Jahren unternimmt ein Kollektiv erfahrener und jüngerer Theatermacherinnen und Theatermacher eine Neuerkundung der sozial hybriden und interkulturellen Räume der Stadt. „Münchner Schichten“ versucht nach dem Prinzip des „Reigens“ von Schnitzler in neun, von verschiedenen Autoren verfassten Episoden die Diversität der Stadtgesellschaft jenseits ihrer Lederhosen-Optik zu umschreiben. Das aus dem Münchner Netzwerk der Theatertexterinnen und Theatertexter hervorgegangene Autorenteam möchte gemeinsam mit den vielversprechenden jungen Regisseurinnen Clara Hinterberger, Annalena Maas und sowie dem Regisseur Kevin Baartz ein neues theatrales Serienformat entwickeln. Die Jury empfiehlt, dieses Vorhaben durch eine Projektförderung in Höhe 67.500 Euro zu unterstützen.

 

Breece, Karen: „Shout out loud – Ein Theaterprojekt über das Laut-Sein in der Welt mit Gehörlosen“

Karen Breece, die zuletzt mit „Don’t forget to die“ ein so sensibles wie humorvolles halbdokumentarisches Porträt alternder Menschen auf die Bühne gebracht hat, möchte ihre neue performative Theaterinstallation gemeinsam mit fünf gehörlosen Menschen entwickeln: shout out loud wagt eine ästhetische Reflexion über das Laut-Sein und Stumm-Werden, über das Hören und Nicht-Hören in einer Gesellschaft, in der Kommunikation alles ist und immer noch am meisten über Sprache funktioniert. Die Jury interessiert dabei besonders ihr Ansatz, wie schon in vorangegangenen Theaterprojekten nicht in erster Linie mit professionellen Schauspielern zu arbeiten, sondern mit gehörlosen Laien aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Lebens: über deren Art des mimetischen Ausdrucks ohne Lautsprache soll auch der hörende Zuschauer in einen ihm fremden Wahrnehmungszustand versetzt werden, der für Vibration, Rhythmen und Berührungen sensibilisiert. Als site-spezifischer Aufführungsort fungiert dabei ein Raum, der in besonderem Maße für Lautstärke steht – der BLITZ CLUB auf der Museumsinsel in München, der mit einem speziellen, deutschlandweit einmaligen Soundsystem ausgestattet zu einem reinen Klang- und Musikraum werden kann: akustisch kaum wahrnehmbare Töne werden für die Besucher einerseits physisch fühlbar – andererseits wird durch eine „White Noise“-Simulation eine Geräuschdichte kreiert, in der verbale Kommunikation nicht mehr möglich ist. Der Hörende wird zum Nicht-Hörenden. Die Jury empfiehlt die Förderung eines Projektes, das verspricht, Hörende und Nichthörende sich ästhetisch auf Augenhöhe begegnen zu lassen, mit einem Betrag von 76.400 Euro.

 

Freie Bühne München e. V.: „Woyzeck“

Die Freie Bühne München zeichnet sich durch inklusive Theaterprojekte und ein inklusiv zusammengesetztes Schauspielensemble aus, das klassische Theaterstücke als Grundlage für eigene Stückentwicklungen verwendet und persönliche Erfahrungen der Ensemblemitglieder immer wieder in die Arbeiten miteinfließen lässt. Diente letztes Jahr der Hamlet-Stoff als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern Wahnsinn und andere Geisteskrankheiten von der Gesellschaft produziert werden, so soll in der Auseinandersetzung mit „Woyzeck“ nun das neue Stück – das sechste in Folge – entwickelt werden. Ausgehend von Georg Büchners Drama um den mittellosen Soldaten Woyzeck und seine Freundin Marie werden Themen des Ausgegrenztseins, fehlenden Respekts und des sozialen Leistungsdrucks verhandelt und dabei die Erfahrungen der Schauspielerinnen und Schauspieler mit und ohne Beeinträchtigung mitaufgenommen. Was macht es mit den Menschen, die nicht den Normen, Standards und Ansprüchen der Gesellschaft entsprechen? Wohin driftet eine Gesellschaft, die die Würde des Menschen nicht achtet? Verliert sie nicht genauso ihre Würde, wenn sie jene außen vor lässt, die „nicht hineinpassen“? Das fragt sich die Freie Bühne München. Es sind Fragen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz, die, wenn sie aus der Perspektive der Marginalisierten selbst mitformuliert werden, besondere Sprengkraft entfalten.

Die Jury ist überzeugt davon, dass die Freie Bühne München mit ihren inklusiv erarbeiteten Theaterproduktionen einen sehr wichtigen Beitrag zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion leistet und befürwortet daher eine Förderung des Vorhabens mit einem Betrag in Höhe von 43.000 Euro.

 

Gorelik/ Krautzberger/ Huber: „Every Day Life with Monster Girls“

#me too... – wie kann man dem Thema Sexismus und Machtmissbrauch jenseits autobiographischer Betroffenheitsdiskurse künstlerisch auf die Spur kommen? Dieser Frage widmen sich die Münchner Autorin Lena Gorelik und die beiden Theatermacherinnen Angelika Krautzberger und die einstige Bayrische Geisha Judith Huber. Grundlage für die Ergründung geschlechtsspezifischer Rollenklischees ist das japanische Manga und Anime „Monsume“ – Monster Mädchen. Hier werden verführerische Schlangenfrauen, Zentaurinnen, Harpien, Schleimgestalten und ähnliche weibliche Hybridwesen zwecks Enkulturation bei einem männlichen Studenten mit Hausfrauenqualitäten in Obhut gegeben. Einzige Bedingung: #No Sex! und keine eigenständigen Expeditionen der Monster Girls. Als zweite, konträre Inspirationsquelle dient dem Team die amerikanische Serie „Transparent“ von Jill Soloway, in der es um die sehr menschliche aber nicht weniger monströse Familie Pfeffermann geht, deren Mitglieder sich allesamt mit sozialen und geschlechtlichen Rollenidentitäten unterschiedlichster Art herumschlagen müssen. In der Überschreibung dieser beiden unterschiedlichen Serienformate möchte das Team im Lovelace-Hotel sprachliche und visuelle Überschreitungsszenarien gesellschaftlicher Rollenklischees aus dem Blickwinkel moderner Monster-Mädchen präsentieren. Die Jury befürwortet diesen originellen Ansatz und empfiehlt eine Projektförderung in Höhe von 43.500 Euro.

 

Kohn, Andreas: „Abschlussball der Großen Erzählungen“

Das aktuelle Projektvorhaben „Der Abschlussball der großen Erzählungen“ des jungen Theaterkollektivs Kommando Pninim (Andreas W. Kohn und Isabelle Cohn) spürt dem Verlust der großen Erzählungen nach. „Worin bestanden sie für die jeweiligen Menschen, was hatten sie ihnen bedeutet? Wodurch sind sie entzaubert worden? Gab es einen entscheidenden Moment? Was haben Menschen nach der Entzauberung dieser Erzählungen versucht?“ sind einige der Fragen, die Kommando Pninim in einem hybriden Raum zwischen Club und Theater, Rausch und Reflexion verhandeln will. Mit diesem Projektantrag beweisen Andreas Kohn und sein Theaterkollektiv ein weiteres Mal ihr untrügliches Gespür für aktuelle gesellschaftspolitische Themen und den Mut zu unkonventionellen Theaterformaten. Kommando Pninim überzeugten zuletzt mit ihrer Debütförderung „Konsul Bernick muss nochmal ran“, die sie im Hoch X als postdramatisches Diskurstheater inszenierten. Die kompromisslose und vielschichtige Gegenwarts- und Zukunftsbefragung des Stücks machte dabei weder vor der negativen Kolonialisierung des Morgen oder den verzweifelten staatlichen Kittungsversuchen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zerfalls (in Form eines „Museums für gesellschaftlichen Zusammenhalt“) noch vor Ibsens ikonischem Stück „Stützen der Gesellschaft“ halt. In der kritischen Dekonstruktion von Ibsens Stücks gegen Doppelmoral und Selbstgerechtigkeit befragte es nicht zuletzt auf gleichsam erheiternde wie ernüchternde Art und Weise die Wirksamkeit jedes „kritischen Theaterstücks, das der Gesellschaft den Spiegel vorhält.“ Aufgrund dieser intelligenten und radikalen Inszenierung sowie des virulenten Themas und den vielversprechenden Umsetzungsideen spricht sich die Jury dafür aus, das Projektvorhaben von Andreas Kohn mit einem Betrag von 58.600 Euro zu fördern.

 

Kullukcu, Bülent/ Rohtheater: „Moby Dick“

Mit seinen Collagen zwischen Objekttheater, Performance und Medienkunst hat sich das Rohtheater mit Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski zu einer verlässlichen Größe im Bereich der Münchner freien Szene entwickelt. Die installativen Arbeiten bewegen sich zwischen Bildender Kunst, Konzert und Happening, sind zugleich philosophisch und haptisch konkret, theoriefest und berührend. Ihr geplantes Projekt „Moby Dick. Eine digital-analoge Traummeditation“ nimmt den Kampf des Menschen mit dem scheinbar übermächtigen Riesen ins Visier. In Herman Melvilles Roman kommt es zum Showdown zwischen Kapitän Ahab und dem Wal, zwischen Mensch und Tier. Der Ich-Erzähler ist der einzige Überlebende. Lässt sich dieser tödliche Kampf auf offenem Meer als Kampf zwischen Natur und Kultur lesen, als Symbol für die Vernichtung der Umwelt und der natürlichen Ressourcen? Der nimmersatte Konsummensch zerstört Ozeane und Erde, wird sie aber doch nicht überleben. Was sind die Kämpfe des aktuellen Menschen, des „Homo Deus“ und des „Homo Digitalis“? Wohin führt der Wunsch, sich die Natur Untertan zu machen – sowohl im Analogen als auch im Digitalen?

Ort für Ausstellung und Inszenierung ist das Container Collectiv am Ostbahnhof, eine Siedlung aus ausrangierten Containern. Die Container-Ruinen mögen dabei als Sinnbild stehen für die Optimierung, das Vermessen und Einsortieren, das Verschieben und Verschiffen von Waren, also für Digitalisierung und Globalisierung. Wie die Möwen den Wal, so umkreist das Rohtheater aktuelle Themen der Biomacht und Psychopolitik. Inhaltlich traumwandelnd (zitierend Kristeva, Latour, Melville, Shiva, Snyder u.v.a.) und formal experimentell soll in „Moby Dick“ danach gefragt werden, was mit der schleichend einsetzenden Umprogrammierung des Menschen auf uns zukommt – und inwieweit wir vor einer Zeitenwende des Humanen stehen. Die Jury schlägt daher vor, das Projekt „Moby Dick“ von Rohtheater mit Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski mit einem Betrag in Höhe von 40.190 Euro zu unterstützen.

 

Lugmeier, Anna-Sofie: „Antigone (Archiv-Oper) hosted by RENDEZVOUS3000“

Ihre Debütförderung, die narrative Lecture-Performance RENDEZVOUS2018, war für Anna-Sofie Lugmeier und Evamaria Müller ein erster Schritt zu einer theatralen Archivplattform, einem „digital-virtuellen Storytelling-Archiv“, mit dem die Künstlerinnen narrative Prozesse, ihre Mythenbildungen und die ständige Verfügbarkeit, scheinbare Echtzeit und Parallelität von Inhalten erforschten. Im theatralen Raum materialisierte sich dies vor allem in verschiedenen ausgeklügelten Live-Anwendungen und unkonventionellen szenisch-performativen Erprobungen. Das aktuelle Projektvorhaben „Antigone (Archiv-Oper)“ knüpft hieran an. Es sieht vor den dramatischen digitalen Archivspeicher um Positionen anderer Künstlerinnen und Künstler zu erweitern, die sich mit abstrakten Figuren der Tragödie Antigone von Sophokles auseinandersetzen, diese zerlegen, neu zusammensetzen und aktualisieren. Das so gewonnene Material wird im Rahmen eines opernhaften Show- oder Konferenzformates mit Moderation, Gästen und Liveband erfahrbar, die gleichzeitig stets neues Material erzeugen und den „Tragödienspeicher“ in einem kollektiven, durchaus konfliktbeladenen Prozess in die ständige Erweiterung treiben. Das Projektvorhaben von Anna-Sofie Lugmeier ist eine konsequente Fortführung und spannende Erweiterung ihres Formats der digitalen theatralen Archivplattform und ihrer performativen Ausagierung, das neue Sprachformen, unkonventionelle Bezüge zwischen Dingen und Zeiten sowie eine konsequente Verlängerung des Theatralen in das Digital-Virtuelle erprobt. Die Jury spricht sich deshalb dafür aus, „Antigone (Archiv-Oper)“ mit einer Einzelprojektförderung in Höhe von 99.097 Euro zu unterstützen.

 

Obermayer, Lulu: „The Girl(s) of the Golden West“

Formstreng und konsequent knüpft sich die junge Münchner Künstlerin und Sängerin Lulu Obermayer mit Vorliebe die Rolle(n) der Frau(en) und damit die „weibliche Subjektkonstitution“ in der Oper vor. Nach „Tosca“ (2016) und „Manon Lescaut“ (2017) an den Münchner Kammerspielen, wo sie das Verdursten der Titelfigur in der Wüste bis zur Erschöpfung (auch der Zuschauer) verkörperte, plant Obermayer 2018 im HochX eine Adaption der zur Zeit des amerikanischen Goldrausches spielenden Puccini-Oper „La Fanciulla del West“.

Giacomo Puccini ließ sich für seine 1910 an der MET uraufgeführte Oper von David Belascos Schauspiel „The Girl of the Golden West“ inspirieren. Belasco schrieb sein Melodrama daraufhin zu einem Roman um, 1915 drehte Hollywoodregisseur Cecil B. DeMille den Western-Stummfilm „The Girl of the Golden West“, weitere Verfilmungen folgten 1923, 1930 und 1938. Alle Adaptionen des Stoffes wurden von Männern realisiert. Als Melodram, Theaterstück, Oper, Roman, Stummfilm und Musical. Für eine junge Musiktheatermacherin ein idealer Stoff, um ihn ein Jahrhundert später aus feministischer Perspektive neu zu adaptieren. Der bildende Künstler Benjamin Röder soll dafür das HochX in eine Westernlandschaft verwandeln, gemeinsam mit dem Komponisten Vasco Cesaretti erarbeitet Lulu Obermayer unter Verwendung der vorliegenden Adaptionen ein neues Libretto und eine neue Komposition, die die Geschichte des „Girls“ Minnie neu untersucht. Dabei geht es auch um Medialität und die Macht der verschiedenen Apparate, also etwa um genretypische Dramaturgien von Oper, Melodrama, Film und Musical. Und natürlich um die Frage, was Minnie so besonders macht, diese unkonventionelle Figur und starke Frau, die eine damals verbotene „interracial“ (weiße-nichtweiße) Beziehung führt und trotzdem als eine von wenigen starken Frauen der Operngeschichte am (Happy) Ende überlebt? Wie lässt sich dieser Oper ohne weibliches Opfer heute weiterschreiben? Die Jury ist gespannt auf die Beantwortung dieser Fragen und schlägt daher vor, das Projekt „The Girl(s) of the Golden West“ von Lulu Obermayer mit einem Betrag in Höhe von 30.000 Euro zu unterstützen.

 

Recke, Anta-Helene: „Die Kränkungen der Menschheit“ (AT)

Anta Helena Recke, die bereits 2017 ein Arbeits- und Fortbildungsstipendium für ihre Projektrecherche „Afropunk“ erhielt, hat im vergangenen Herbst mit ihrer Aneignung von Anna-Sophie Mahlers Inszenierung „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Ihre Idee, eine erfolgreiche Inszenierung aus dem Repertoire der Kammerspiele in Form und Inhalt exakt zu kopieren, aber alle Rollen neu mit schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern zu besetzen, erwies sich als wichtiger Diskussionsbeitrag zu der Frage, ob es institutionell vorhandenen Rassismus im Theaterbetrieb gibt.

Mit dem neuen Projekt „Kränkungen der Menschheit“ will Anta Helene Recke ihre künstlerische Auseinandersetzung zum Thema „Rassismus“ weiterentwickeln und eine Brücke von der Kolonialgeschichte bis zum gegenwärtigen kulturellen Selbstverständnis der Menschen und Institutionen in Deutschland schlagen. Ausgangspunkt für ihr geplantes Vorhaben sind die drei „Kränkungen der Menschheit“, die Sigmund Freud 1917 in seiner Schrift “Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse” benannt hat. Freud zufolge waren die Entdeckungen von Darwin, Kopernikus und von ihm selbst – zum Sonnensystem, zur „animalischen Natur“ des Menschen und zum Unterbewusstsein – schmerzhafte Erkenntnisse darüber, dass die Menschheit weniger wichtig und mächtig ist, als bislang angenommen. In ihrem Vorhaben will Recke diese Reihe nach einer vierten Kränkung befragen und dabei ausloten, ob Postkolonialismus und Kritische Weißseinsforschung möglicherweise eine Analogie zu den Freud’schen Kränkungen bilden, da sie ebenfalls grundsätzlich an einer etablierten Erzählung von Geschichte und dem Selbstbild des weißen Menschen rütteln. Mit Perspektivverschiebungen zwischen Publikum und Bühnenraum sowie “Tableaux Vivants” aus Körpern, Objekten und Pflanzen, die drei wichtige Gemälde der Kunstgeschichte in Verbindung zu den drei Kränkungen Freuds setzen, will Recke nicht nur die Möglichkeit einer vierten Kränkung verhandeln, sondern auch ergründen, wie man schwarze Körper in den weißen Kunstkanon einschreiben kann.

Die Jury ist überzeugt davon, dass die Inszenierung einen ungewöhnlichen Beitrag zur ästhetischen Auseinandersetzung mit der Deutung von Geschichte und Gegenwart aus postkolonialer Perspektiven leisten wird, und spricht sich dafür aus, dieses auch gesellschaftspolitisch relevante Theaterprojekt in einer Höhe von 75.370 Euro zu fördern.