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Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende 2019


Jurybegründungen

AKA NYX e.V.: 100 Jahre 100 Pfade 100 Leute – Demokratiemodelle

Im März 1919 wird in Budapest die Föderative Ungarische Sozialistische Räterepublik proklamiert. Einen Monat später, im April 1919 tut es der „Zentralrat Baierns“ mit der Ausrufung einer Bayerischen Räterepublik den ungarischen Nachbarn gleich. Eine Achse der Räterepubliken zwischen Bayern, Österreich, Ungarn und Russland wird angedacht, oder einfach der grenzüberschreitende Versuch, Demokratie zu erproben und eine neue Gesellschaft zu gestalten.

Beide Versuche scheitern und bleiben im historischen Gedächtnis der Nationen mehr oder weniger stark präsent. Zum Jubiläum sowie vor dem Hintergrund aktueller postdemokratischer Kritik und politischer Radikalisierung will das Theaterkollektiv AKA NYX in einer Kooperation mit der ungarischen Gruppe PanoDrama aus Budapest dem euphorischen Zeitgeist der Anfänge der Räterepubliken nachspüren und Demokratie in all ihren Facetten verstehbar und erlebbar machen. In Workshops, Happenings und partizipativen Reenactments sollen auf der Folie der Geschichte demokratische Verfahren und ihre Herausforderungen verhandelt, ausagiert und für heute überprüft werden. In der performativen Erkundung einer internationalen historischen Konstellation mit dem Ziel, einen neuen Blick auf Gegenwart und für die Zukunft zu

gewinnen, sieht die Jury ein anspruchsvolles und wichtiges Vorhaben. Das von beiden Gruppen bereits vielfach praktizierte Zusammenspiel von professionellen Darsteller*innen und Laien bildet dabei außerdem einen so fordernden wie vielversprechenden ästhetischen Ansatz.

Die Jury spricht sich für eine Förderung des Projekts in Höhe von 25.000 Euro aus.

 

Akal, Emre: Welt brennt (AT)

Der Autor und Regisseur Emre Akal ist in der Vergangenheit vielfach durch bemerkenswerte Projekte aufgefallen. Seine Arbeiten offenbaren sich stets als gesellschaftlich relevante, zeitkritische Diagnosen, die unsere krisengeschüttelte Gegenwart mit dem ästhetischen Zeichenmaterial der Kunstform Theater wie unter einem Brennglas sichtbar machen. Seine Arbeiten sind Tiefenbohrungen unter die Oberfläche gesellschaftlicher Erscheinungsformen, die den Blick öffnen für den Innenraum des gesellschaftlichen Bewusstseins. Hat er sich in den vorausgegangenen Arbeiten wie in „Mutterland ...stille“ mit Diktatur und Totalitarismus oder in „Frau F. hat immer noch Angst“ mit gesellschaftlichen Ängsten und radikaler Abschottung auseinandergesetzt, so wird er sich in seinem aktuellen Projekt mit post-politischen und post-demokratischen Szenarien beschäftigen. Ausgehend von einer allgegenwärtig spürbaren Endzeitstimmung fragt Emre Akal danach: Was kommt nach der Apokalypse, nach dem Zusammenbruch der liberalen Demokratie und dem alten Europa, wie wir es kannten? Mit einem Blick nach vorn zurück versucht er, Gegenwart aus der dystopischen Zukunft zu verstehen, deren politische Konzepte und gesellschaftliche Maximen zu durchdringen, um neue Spielarten einer möglichen Gesellschaft von Morgen zu antizipieren. Mit seiner ihn prägenden, hoch ästhetisierten Formsprache kreiert Emre Akal durch Überhöhung der Bildmotive formstarke Tableaus zu einer eigenen (Kunst-)Welt jenseits von sozialem und psychologischem Realismus. Die Sprache der Figuren verdichtet sich dabei zu Textpartituren, die weniger Figurensprache als Bewusstseinsräume freilegen. Das Theater wird in seinen Arbeiten zu einem diskursiven Ort, der durch Distanz und Verfremdung unmittelbar und schonungslos an die Sollbruchstellen der Gesellschaft heranrückt. Da Emre Akals projektbezogene Recherche, sein Gespür für drängende gesellschaftspolitische Fragestellungen und die Suche nach ästhetischer Formfindung in der Vergangenheit in der Kreation originärer Bildwelten einen bestechenden Niederschlag gefunden haben, empfiehlt die Jury, das aktuelle Vorhaben durch eine Projektförderung in Höhe von 98.000 Euro zu unterstützen.

 

Dabinnus, Burchard: Flüsterzettel

Der Münchner Theatermacher und Schauspieler Burchard Dabinnus ist bekannt für seine feinsinnig-hintergründigen Herangehensweisen. Vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Umwälzungen entfalten zunächst ganz private Geschichten hier plötzlich eine ungeheure Sprengkraft. So überzeugte er mit der bissigen und zugleich spielerischen Performance „Reste von gestern“ über Alltagsrassismus ein breites Publikum (2015, Wiederaufnahmen bis 2017).

In der geplanten Produktion „Flüsterzettel“ bildet nun ein Konvolut authentischer kurzer Textmitteilungen aus den 1950er Jahren den Ausgangspunkt. Verfasst wurden sie von zwei Angestellten des späteren Pullacher Bundesnachrichtendienstes, zwischen denen sich allmählich im Verborgenen eine Liebesgeschichte entspinnt. Im Nachrichtenaustausch des heimlichen und mit seiner persönlichen Vergangenheit hadernden Liebespaars werden der Aufbau der jungen Bundesrepublik wie auch des Geheimdienstes transparent. Die Jury empfiehlt dieses vielversprechende mentalitätsgeschichtlich ausgerichtete Vorhaben für eine Förderung in Höhe von 28.500 Euro.

 

FTM – Freies Theater München: Die Hallodus (AT)

Wie frei ist Kunst heutzutage angesichts zunehmender ethischer Imperative? Ist die alte Gleichung, nach der progressive Kunst im politisch linken Spektrum zu verorten ist, nach wie vor gültig? Der von Antisemitismus-Vorwürfen überschattete Münchener Auftritt der Rocklegende Roger Waters oder die Kontroversen um das Dessauer Konzert von „Feine Sahne Fischfilet“ im vergangen Jahr zeigen, dass derlei Zuordnungen mittlerweile problematisch sind.

Das seit 1970 bestehende Theaterkollektiv „Freies Theater München“ (FTM) wird sich in seiner nächsten Produktion mit diesem Widerspruch auseinandersetzen. Auf der Grundlage des mit Songs und Limericks durchsetzten Theatertextes des 1981 in München geborenen Titanic-Autors Markus Riexinger soll die politische Verortung von Kunst in Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch in der Zukunft anhand der Geschichte der Musikband „Die Hallodus“ in einer multimedialen Performance ausgelotet werden.

Bereits 2017 kreierten das FTM-Team und Riexinger mit der Text-, Musik- und Bewegungscollage „Jacky“ über einen Serienkiller in der Halle Mucca einen Überraschungserfolg jenseits aller künstlerischen Klischees und ethischen Zuschreibungen. Die Jury votiert für die Fortsetzung dieser spannungsgeladenen Zusammenarbeit und empfiehlt eine Förderung dieses brisanten Projekts im Spannungsfeld von Ethik und Ästhetik in Höhe von 56.436 Euro.

 

Geiersberger, Ruth: mit Pflanzen

Der italienische Philosophieprofessor Emanuele Coccia hat zuletzt mit seinem viel beachteten Buch „Die Welt der Pflanzen“ einen radikalen Gegenentwurf zum maßgeblich prägenden Naturbild der Moderne geschaffen. Ausgehend von seiner Beobachtung, dass Pflanzen hochkomplexe Kommunikationssysteme entwickeln, die als vegetatives Netzwerk das grundlegen, was wir gemeinhin als Welt bezeichnen, plädiert er für ein Umdenken im Zusammenspiel von Pflanzen, Welt und Dasein. Die Münchner Performerin Ruth Geiersberger wandelt in ihrem jüngsten Projekt auf den Spuren Emanuele Coccias und geht der Frage nach, was der Mensch von den Pflanzen lernen kann, wie sich Natur, Mensch und Kultur wieder in ein ausbalanciertes Gleichgewicht setzen können. Eine Fragestellung, die in Zeiten von Naturzerstörung, Umweltkatastrophen und Klimaveränderung zu den dringlichen Problemstellungen unserer Tage gehört. Im Vorfeld hat Ruth Geiersberger durch eingehende Recherchen neue Wissens- und Erfahrungsräume erschlossen. Kollaborative Allianzen ist sie mit den Botanikforschern Stefano Mancuso und Dieter Volkmann eingegangen, hat den Dialog mit Gärtner*innen gesucht und Praxiserfahrung in Blumenläden und im Botanischen Garten in München gesammelt. Die gewonnenen Erkenntnisse wird sie durch die Förderung des Kulturreferats in eine mehrtägige performative Versuchsanordnung in Botanischen Gärten in München, Bonn und Florenz übersetzen. Es ist ein formaler Hybrid aus wissenschaftlichen Lectures, performativen Elementen und einem der Pflanzenwelt abgelauschten Klangkörper, um sinnliche Denk- und Erfahrungsräume zu öffnen. Bereits in den vorausgegangenen Projekten hat sich Ruth Geiersberger stets mit großer Wissbegierde auf die Suche nach alternativen Erzählstrategien, hybriden Kunstformen und neuen performativen Formaten begeben, was von der Jury sehr geschätzt wird. Aus Gründen inhaltlicher Relevanz und der Befürwortung des Erprobens formal ästhetisch entgrenzter Formate schlägt die Jury vor, das Projekt „mit Pflanzen“ von Ruth Geiersberger in Höhe von 58.500 Euro zu fördern.

 

Huber, Christiane: Zehn Vaterunser

Christiane Huber arbeitet als Künstlerin mit verschiedenen Medien wie Theater / Performance, Video, Dokumentarfilm und Sound. Sie interessiert sich für gesellschaftliche Bewegungen. Ihre aktuellen Arbeiten behandeln Themen wie Krieg, Gewalt und Grenzen. Das Stück “Zehn Vaterunser" (AT) ist eine Weiterführung des partizipativen Projekts “Ein Dorf philosophiert”, das Christiane Huber 2018 mit dem Ansatz der Geschichtsvermittlung in den drei benachbarten oberbayerischen Dörfern Halsbach, Dorfen und Asten in den Landkreisen Altötting und Traunstein realisiert hat. Sie hat ein Oral History-Archiv erstellt über die Zeit zwischen 1939 und 1945, als Zwangsarbeiter auf Höfen eingesetzt wurden. Beschäftigt hat sie dabei insbesondere die Geschichte eines polnischen Zwangsarbeiters, der nach Kriegsende ermordet wurde.

Dafür führte sie Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen vor Ort in Bayern. Die Ergebnisse aus den Interviews und die gesammelten Materialien sollen nun in eine Bühnenarbeit übersetzt werden. „Zehn Vaterunser“ beginnt inmitten einer Soundinstallation aus klingenden Mistgabeln, landet über dokumentarische Erzählstränge in einer Stube aus dem Jahr 1945 und endet in der Gegenwart, in der sich die Zuschauer*innen als Teil eines Tribunals wiederfinden.

Die Jury empfiehlt, das Projekt von Christiane Huber in Höhe von 49.962, Euro zu fördern.

 

Maas, Caitlin van der: Der Stille Dirigent (Schweigen)

In dem Projekt „Der Stille Dirigent“ zeigt Caitlin van der Maas Strategien auf, mit denen Kunst im Zuge ihrer medialen Thematisierung ideologisch vereinnahmt wird. Das Thema erscheint der Jury sehr aktuell und zugleich auch ästhetisch gewagt, da es zunächst eine Art „Thesentheater“ erwarten lassen könnte. Der Antrag kann allerdings vollumfänglich überzeugen, da die Künstlerin mit dem Beispiel des Philharmonia Hungarica Orchesters einen historisch spezifischen Einsatz im Volksaufstand in Ungarn 1956 wählt. Geschickt werden dabei die eindeutigen Zuordnungen von Kunst und (westlicher) Freiheit aufs Spiel gesetzt. Zu den zweifelsfrei sich andeutenden aktuellen Bezügen im Zeichen einer Wiederkehr der Zensur künstlerischer Freiheiten kommt so eine zusätzliche Dimension, die allzu eindeutige Wirkabsichten unterminieren wird. Die Jury war zudem sehr angetan von der Wahl der Bühnenbildnerin, Nanako Oizumi, die durch formstrenge Bühnenräume eine weitere Übersetzung des historischen Materials erwarten lässt, so dass den Zuschauer*innen und Zuhörer*innen des Theaterabends im Köşk eine ästhetische Erfahrung der Problematik von medialer Vereinnahmung ermöglicht wird. Die Jury empfiehlt, das Projekt von Caitlin van der Maas in Höhe von 65.672 Euro zu fördern.

 

Monster Truck GbR: NOT FUNNY

Die Gruppe Monster Truck überkreuzt in ihrem klugen Konzept „Not Funny“ geschickt kulturelle Klischees und spielt mit kontroversen Bewertungsschemata. Interessant findet die Jury den Ansatz, zwei Typen der Maskierung aufeinander zu beziehen, die nicht disparater sein könnten: die des Horrorclowns und die der verschleierten, muslimischen Frau. So wird das Spannungsfeld zwischen konstruierter Bedrohung und gespielter Toleranz sehr anschaulich gemacht. Zielführend erscheint insbesondere der szenische Ansatz, bestehende Inszenierungspraxen zu übernehmen. Die ausschweifenden und oft populistisch angeheizten Debatten um die Anerkennung und die Grenzen der Toleranz werden damit szenisch greifbar und anschaulich gemacht. Die Jury begrüßt besonders die bewährte spielerische Form, mit der die Gruppe den Diskurs um das bedrohliche Fremde szenisch umsetzt und zugleich ad absurdum führt, sind doch die jeweiligen Konstruktionen des bedrohlichen Fremden offensichtlich ganz anders gelagert. Die Jury empfiehlt, das Projekt von Monster Truck GbR in Höhe von 71.000 Euro zu fördern.

 

Piening, Gesche: Requiem für Verschwundene – Ein künstlerischer Trauerakt

2017 fanden in München 605 Bestattungen „von Amts wegen“ statt: geringer Aufwand, schmucklos, keine Trauergäste. Wenn es keine Angehörigen von Verstorbenen gibt oder sie nicht ausgemacht werden können, veranlasst das Gesundheitsamt solche Bestattungen. Diese stehen wie ein Sinnbild für die Tendenz der zunehmenden Vereinsamung und Isolation vieler Menschen in den Städten.

Für Gesche Piening werden teils nur sehr bruchstückhaft überlieferte Biografien von sechs verstorbenen Münchner*innen, die von Amts wegen bestatten wurden, zum Ausgangspunkt für ihr Theaterprojekt „Requiem für Verschwundene – Ein künstlerischer Trauerakt“. Die Theatermacherin möchte das einsame Leben und Sterben der Stadtbewohner*innen am Rande unserer Gesellschaft würdigen, indem sie in einer Aussegnungshalle sechs Kurzrequien von unterschiedlichen Komponist*innen für die Verstorbenen aufführen lässt. Die musikalische Form wird ergänzt von Textsequenzen, die nicht als Trauerrede angelegt sind, sondern Interviews, statistische Daten, weiteres Quellenmaterial und die Form des Requiems verarbeiten und verhandeln. Bereits im Jahr 2018 unterstützte die Landeshauptstadt München die Recherche zu dem Stoff durch ein Stipendium. Das nun von der erfahrenen Regisseurin eingereichte Theaterprojekt überzeugte die Jury neben der Themenstellung wegen der originellen, bereits sehr differenzierten und absolut schlüssigen ästhetischen Konzeption. Sie empfiehlt eine Förderung in Höhe von 68.200 Euro.

 

Schmidt, Klaudia: Verpasste Kunstprojekte – best of ungefördert – 2019

Das erstmals bereits 2018 erfolgreich durchgeführte Format stellt eine Art Theaterkommentar dar. Nicht bewilligte Anträge sollen an einem Abend im Theater Blaue Maus öffentlich von den Antragsteller*innen verhandelt werden und Ideen damit auch geteilt werden. Dieser Ansatz überzeugte die Jury, da somit eine ästhetische Reaktion an Stelle der häufig zu hörenden Rede im „Jammerton“ gegeben wird, die ihre Ursache in den noch immer knappen Ressourcen für das Freie Theater hat. Bei Bewilligungsquoten von ungefähr 10 Prozent und einer zeitintensiven Professionalisierung der Antragsarbeit war für die Jury nachvollziehbar, dass Schmidts Projekt einen Nerv der Szene trifft und eine ironisch angemessene Reaktion darstellt. Dass mit diesem Antrag zugleich über Bande das Selbstverständnis der Jury aufs Spiel gesetzt wird, eine Bestenauslese nach bestem Gewissen zu treffen, war Gegenstand der Entscheidung. Denn in der Tat zählt es zur Qualität dieses Projekts, ein Dilemma der Entscheidung aufzuzeigen: Würde man den Antrag ablehnen, wäre dies „Wasser auf die Mühlen“ der nicht förderungswürdigen Antragssteller*innen und der Abend würde etwas länger werden.

Nimmt man ihn an, wird der Abend kürzer, aber es stellt sich die Frage nach den Kriterien der Projektförderung. Dieser Fragehaltung will die Jury Vorschub leisten, weshalb das Projekt zur Förderung in Höhe von 8.610 Euro empfohlen wird.