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Arbeits- und Fortbildungsstipendien für freie Theaterschaffende 2016


Jurybegründungen

Adwan, Ziad: Rechercheprojekt „Fehler und bewegliche Identitäten"

Vor einem Jahr waren es Griechenland und die Euro-Krise, aktuell sind es die Flüchtlinge. Was den öffentlichen Diskurs bestimmt, wandert naturgemäß schnell auf die Bühnen des politischen Theaters. Das Feld der „Repräsentation“ von Migranten und Flüchtlingen ist indes vermint, wie nicht nur Nicolas Stemanns zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“ anschaulich zeigte. Es herrscht eine regelrechte Erregungskultur darüber, was „politisch korrekt“ ist und was „falsch“ oder „rassistisch“ ist in den „Inszenierungen des Anderen“, ja sogar in den Inszenierungen des Selbst. Die Kriterien indes sind unklar, häufig legitimiert allein durch „biographische Betroffenheit“. Ziad Adwan schrieb seine Doktorarbeit in London über „Mistakes in Cultural Representation“, ging zurück nach Syrien und machte in Damaskus interaktives Theater im öffentlichen Raum, war künstlerischer Leiter der „Invisible Stories“. Nun lebt er in München und versucht, seine Forschungen und Theaterpraxis zu ver­binden. Das Stipendium soll ihn bei Recherchereisen in Flüchtlingslager und in die arabische Welt unterstützen, es geht dabei vor allem um Fragen nach verschobener Darstellung (mis­representation) und verschobener Wahrnehmung (misperception). Stereotype, Vorurteile und „political correctness“ in der Repräsentation von Geflüchteten werden genauso untersucht wie die Frage nach Lücken, Leerstellen, Fehlern – also nach dem was „fehlt“ oder „falsch“ ist. Und wie Performerinnen und Performer und das Publikum damit umgehen. Die Jury er­wartet eine politisch relevante und grundlegende Reflexion der Repräsentanz von Flüchtlin­gen und ihren Geschichten und hält Ziad Adwan aufgrund seiner biographischen, theoreti­schen und künstlerischen Erfahrungen dafür für außerordentlich geeignet. Sie spricht sich daher für die Vergabe eines Arbeitsstipendiums in Höhe von 8.000 Euro aus.


CADAM: Recherche und Erarbeitung eines Konzepts „We'd rather perform our story“

Was bedeutet es heute Feministin zu sein – in Deutschland und im Kosovo? Die drei Münch­ner Künstlerinnen Christina Dattelbacher, Juliane Rahn und Anna Wieczorek von CADAM möchten sich auf Recherchereise begeben und mit dem kosovarischen Performancekollektiv HAVEIT aus Prishtina Fragen an den gegenwärtigen Feminismus – nach einem gleichbe­rechtigten Leben, nach Rechten von Frauen in beiden Ländern – stellen und den Feminis­mus zugleich auch mit kritischer Betrachtung praktizierter Hierarchien reflektieren. Filmisch begleitet wird die Reise durch den Videokünstler und Dokumentarfilmer Friedrich Rackwitz. Bei CADAM klingen die Begriffe „Feminismus“, „Gleichberechtigung“ und „Emanzipation“ nicht nach abgedroschenen Worthülsen. Überzeugend ist ihr Interesse an einer ehrlichen, persönlichen, zeitgemäßen und jungen Auseinandersetzung mit einem Thema, das für Viele als längst ausdiskutiert gilt. Spannend ist die Erweiterung der deutschen Perspektive durch eine kosovarische: in der Betrachtung der Gegensätze und Gemeinsamkeiten aus öffentli­cher und privater Sicht. Gerade die scheinbar großen Unterschiede in der Lebenswirklichkeit von Frauen in beiden Ländern bilden eine interessante Grundlage für die Forschungsidee. Die Jury unterstützt auch den Gedanken der interkulturellen Theaterarbeit und die Idee eines deutsch-kosovarischen Kulturaustauschs zwischen den Städten München und Prishtina, so­wie die damit verbundene Vernetzung, die durch dieses Projekt angestoßen wird. Die Jury befürwortet die Vergabe eines Arbeitsstipendiums für die Umsetzung der Recherchereise und die Erarbeitung eines Konzepts für eine deutsch-kosovarische Performance in Höhe von 8.000 Euro.


GIESCHEand GbR: Recherche für ein „visual poem“- „Nach mir die Hoffnung“ (AT)

GIESCHEand, bestehend aus Alexander Giesche, Aukje Verhoog, Nadia Fistarol und Han­nah Saar, ist eine Gruppe unabhängig arbeitender Künstlerinnen und Künstler, die wiederholt für Kollaborationen zusammenkommen. In den letzten Jahren hat sich die Gruppe durch eine Vielzahl an Arbeiten an verschiedenen Theaterhäusern bemerkbar gemacht. Mit ihrer Arbeit „We disappear“, das auf dem Festival „Spielart“ in München und am Mousontourm in Frank­furt zu sehen war, haben sie bundesweit positive Kritik bekommen. Das Projekt „Yesterday you said tomorrow“ hatte im Oktober 2015 an den Münchner Kammerspielen Premiere, wo GIESCHEand nun für 2015/16 das spielzeitübergreifende Projekt „Future Shock“ plant. Das Arbeitsstipendium möchte die Gruppe für eine künstlerische Recherche nutzen und sich dem Begriff der Hoffnung als eine anthropologische Konstante nähern. In Anlehnung an die Dia­gnosen des Sozialpsychologen Harald Welzer zu Klimawandel, Kriegen und anderen Kata­strophen möchte sich die Gruppe auf die Suche nach positiven Visionen, Zukunftsbildern, Skizzen eines möglichen anderen Lebens, Wirtschaftens und Kooperierens machen – im Austausch mit Tüftler_innen (!) und Geschäftsleuten im Silicon Valey/ USA, dem Geburtsort der Generation Start-Up. Mit Hilfe des Stipendiums sollen unter der Atmosphäre vor Ort neue Hoffnung geschöpft und die globale Übertragbarkeit analysiert werden. Die Jury spricht sich dafür aus, der freien Gruppe GIESCHEand ein Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu gewähren und damit ihre Suche nach der Hoffnung im Silicon Valey zu er­möglichen.


van der Maas, Caitlin: Projektentwicklung für ein Musiktheater „Die goldene Lüge"

Im Zeitalter der sozialen Medien, in denen jede Nutzerin und jeder Nutzer über Twitter oder Facebook sich in den journalistischen Diskurs einschalten kann, in dem Ereignis und Nach­richt bzw. Kommentar über dieses Ereignis immer mehr in eins fallen, hat die Frage danach, was objektive Berichterstattung, was Propaganda ist, was Lüge, was Wahrheit – und ob es so etwas wie „Wahrheit“ als Kategorie für die Wiedergabe vermeintlicher Realität in den Medien überhaupt geben kann – eine brisante Relevanz bekommen. Das (Un-) Wort von der „Lügenpresse“ ist in aller Munde, das Misstrauen „der Bürger“ in „die Medien“ so groß wie vielleicht noch nie – und deshalb erscheint der Jury das Recherchevorhaben der jungen Re­gisseurin Caitlin van der Maas, eben diesen von ihr skizzierten Fragen in Form eines Selbst­experiments nachzuspüren, spannend und fördernswert. Denn sind nicht auch wir Künstle­rinnen und Künstler, Theatermacherinnen und Theatermacher, Geschichtenerzählerinnen und Geschichtenerzähler, „Phantasten“/ „Lügner“, die sich der Realität bedienen, um sie ver­fremdet, verzerrt wiederzugeben? Das fragt sich van der Maas.
Was aber unterscheidet die Lüge von einer guten Geschichte? Und sind nicht auch Journa­listinnen und Journalisten darauf angewiesen, ihre Berichterstattung in kleine, konsumierbare „Geschichten“ zu verpacken, die notwendigerweise eine manipulierende Dramaturgie aufwei­sen, weil allein schon der selbstgewählte Fokus auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit immer den Ausschluss anderer möglicher Perspektiven impliziert? Warum aber überzeugen uns diese Geschichten qualitativ immer weniger? 31 Tage lang möchte Caitlin van der Maas je­den Tag eine Kurzgeschichte entwickeln; sie setzt sich also für jede dieser sogenannten „Ein­wegsgeschichten“ , inspiriert von der medialen Berichterstattung des jeweiligen Tages oder auf Eigenbeobachtungen fußend, eine Deadline und versucht damit, die Bedingungen des journalistischen Arbeitens zu rekonstruieren. Ihre subjektive, manipulierende, fiktionalisieren­de Perspektive aber soll dabei unter literarischen oder propagandistischen Strategien der Verschleierung verschwinden. Caitlin van der Maas möchte lügen, aber überzeugend. Dar­aus soll ein satirischer Text als „Ode an die Phantasie“ entstehen, der die Kunst des Lügens zelebriert. Die Jury möchte diese Entwicklungsarbeit mit einem Arbeitsstipendium in Höhe von 8.000 Euro fördern und hofft, dass der Text zur konkreten Vorlage für die theatrale Umset­zung einer spannenden Nachwuchsregisseurin wird, die nicht zuletzt mit Projekten wie „Face me“ (2015) oder „Doktor Faustus Lichterloh“ (im Werkraum der Münchner Kammerspiele, 2014) bewiesen hat, dass sie sich auf sinnliche, ästhetisch elektrisierende Musik-/Text-/Raum-Inszenierungen versteht.


Samay, Raphael / Thomas, Patrik: Projektrecherche und -entwicklung „About Reality"

In Ihrem Projektvorhaben „About Reality" erforscht das sechsköpfige Künstlerkollektiv um Raphael Samay und Patrik Thomas die Realität des Virtuellen sowie Grenzen, Überschnei­dungen und Abweichungen von körperlichem Raumerlebnis, visueller Wahrnehmung und psychischer Imagination. Im Zentrum ihrer künstlerischen Experimente an der Schnittstelle von bildender Kunst, Theater, Performance und Tanz steht dabei ein selbst entwickelter VR-Helm (Integralhelm). Er zeigt vorab aufgezeichnete Filmsequenzen, die das reale Umfeld des/der Trägers/in aus einer subjektiven Perspektive wiedergeben und von ihm/ihr mit Hilfe von Handlungsanweisungen durchschritten und erkundet wird. Der/die Träger/in des VR-Helmes wandelt sich so gleichzeitig zum/zur Performer/in im Raum und spürt in seinen/ihren Bewegungen den bewussten Brüchen von Erlebtem und Gesehenen nach.
In einer Weiterentwicklung des Projekts sollen in dem VR-Helm die subjektiven Kameraein­stellungen durch Perspektivwechsel und Close-ups gebrochen und in eine narrative Struktur eingebettet werden. Dabei steigern sich die Bewegungen des/der Performers/in zu einer Art Tanz-Choreographie, die durch eine Maske auf dem Helm, eine spezielle Bühnenbeleuch­tung und Soundeinsatz für andere Betrachtende eine theatrale Rahmung erhält. Die Jury be­wertet diese medienübergreifende ästhetische Erforschung virtueller Realitäten, in der auch Bezüge zu den Imaginationsräumen des japanischen Nō-Theaters geschlagen werden, als spannendes und innovatives Experiment und empfiehlt die junge Künstlergruppe mit einem Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu unterstützen.