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Arbeits- und Fortbildungsstipendien für freie Theaterschaffende 2017


Jurybegründungen

Akal, Emre: „Panama Papers“. Rechercheprojekt bezüglich utopischer Angst vor Überfremdung in der Gesellschaft

Mit dem Stipendium möchte Emre Akal sich dem Phänomen der Angst als Ursache für gesellschaftliche Konflikte widmen. Seiner Annahme nach geht dem gesellschaftlichen Verfall, der Zerstörung und den Kriegen stets das Schüren von Ängsten voraus. „Die Zerstörung findet nicht von außen statt, sondern von innen“ schreibt Akal und möchte sich mit dieser Hypothese in den Mikrokosmos deutscher Enklaven in Brasilien begeben. Sein konkretes Forschungsgebiet umfasst die Grundstücke, die der von Überfremdungsängsten getriebene Bürger Stefan Mudry in Brasilien erworben hat und nun stückchenweise an gleichgesinnte deutsche Wutbürger verkauft. Im Gespräch mit den Auswanderern aus Deutschland oder Ausgewanderten in Brasilien erhofft sich Akal Einblicke und Erkenntnisse in die düstere und zugleich groteske Welt von Menschen, deren Zusammenhalt auf der irrationalen Angst vor dem „Fremden“ gründet. Als teilnehmender Beobachter einer deutschen Siedlungsgemeinschaft will Akal Material sammeln, um eine sich als homogen verstehende Gemeinschaft mit ästhetischen Mitteln beschreiben und darstellen zu können. Akal, der in Deutschland als „Migrationsanderer“ wahrgenommen wird, bringt damit sicherlich die nötige Distanz zu den sozialen Prozessen in deutschen Wohnzimmer mit, die es ermöglichen, diese als kontingente Praktiken darzustellen. Aufgrund der Perspektive der Migration, die Akal in seiner künstlerischen Auseinandersetzung stets einbringt, verspricht sich die Jury auch diesmal eine politisch relevante Arbeit. Sie spricht sich daher für die Vergabe eines Arbeitsstipendiums in Höhe von 8.000 Euro aus.

ausbau.sechs: WANNABE (AT). Ein Rechercheprojekt.

„Body Integrity Identity Disorder (BIID)“ ist der medizinische Fachbegriff für eine Körperidentitätsstörung, die – so schreibt das Team Sebastian Linz und Linda Löbel von ausbau.sechs – bewirkt, dass sich „Betroffene mit Teilen ihres gesunden Körpers nicht identifizieren können. Demgegenüber steht die Wunschvorstellung eines als richtig empfundenen, behinderten (amputierten oder querschnittgelähmten) Körpers.“ Der Wunsch nach Amputation gesunder Gliedmaßen führe dabei bis zu inszenierten Unfällen und Selbstverletzungen mit Schusswaffen, oder zum Prinzip des „Pretending“. Als „Wannabes“ nutzen BIID-Betroffene Prothesen oder Rollstühle zum „Rollenspiel“. BIID mag als Exempel und Metapher dienen in einer Zeit, in der Debatten toben um Identität und Exklusion, um Perfektionswahn und moralische Verurteilungen von Schönheits- und Geschlechtsumoperationen. Daneben lassen sich an die Themen Rollenspiel, Als-ob und fehlende Identifikation mit dem eigenen Körper auch Debatten anschließen, die (mal wieder) im Theater virulent sind: die definitorischen Kämpfe rund um Schauspiel und Performance, Mimesis, Als-ob und Identifikation. ausbau.sechs hat bislang mit atmosphärischen, sehr genau gearbeiteten Installationen überzeugt und zum Beispiel in „Die Wutprobe“ und „How to disappear completely“ den Zuschauer/innen ganz eigene Raum- und Körpererfahrungen ermöglicht. Das Stipendium für „WANNABE“ soll dem Team ermöglichen, sich dem Phänomen BIID (natur-) wissenschaftlich, inhaltlich und choreographisch zu nähern, u.a. durch Experimente mit „animatronischen Körperteilen“. Wo verlaufen die Grenzen von Körpern, Identität und Theatralität? Die Jury befürwortet eine Förderung dieses Vorhabens in Höhe von 8.000 Euro.

Bardutzky, Raphaela, Seraphin, Theresa: Einrichtung einer Textwerkstatt für Autorinnen und Autoren von Theatertexten

Die Antragstellerinnen, beide Diplom-Dramaturginnen der Bayerischen Theaterakademie, haben im Herbst 2016 die Gründung eines „Netzwerk der Münchner Theatertexter/innen“ initiiert. Anfang Dezember 2016 fand im Theater „HochX“ eine Auftaktveranstaltung statt, die bei zahlreichen Autor/innen, Dramaturg/innen und Theatermacher/innen der Freien Szene auf große Resonanz gestoßen ist und zur Gründung einer Theater-Textwerkstatt führte. Hintergrund des Projekts ist der Tatbestand, dass im Zuge der Diskussionen um „postdramatische“ und „performative“ Theaterformen der Stellenwert des Theatertexts zunehmend in den Hintergrund geraten ist. Gerade im Hinblick auf zeitgenössisches Dokumentartheater oder Performances auf der Grundlage von nicht-künstlerischen Texten stellt sich aber für viele Theatermacher/innen nach wie vor die dringliche Frage, welche sprachlichen Qualitäten einen Text eigentlich „bühnentauglich“ und für das Publikum auch nachvollziehbar machen. Da es in Bayern (im Gegensatz etwa zu Berlin oder Hildesheim) keine entsprechenden Studiengänge für szenisches Schreiben gibt und Münchner Theatertexter/innen bei den einschlägigen Dramatiker/innen-Wettbewerben zudem deutlich unterrepräsentiert sind, ist die Gründung eines entsprechenden Forums für die aktuelle Münchner Theaterlandschaft wünschenswert. Die Antragsstellerinnen wollen zunächst im Frühjahr 2017 im „HochX“ eine Fachtagung für die bisherigen Mitglieder des Netzwerks und weitere Interessent/innen mit einschlägigen Fachreferenten zum Thema Theatertexte im szenischen Kontext durchführen. Die Jury empfiehlt, dieses Vorhaben mit einem Theater-Stipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

La Shut: „Eutopist/innen aller Länder, vereinigt Euch!“

Spätestens seit dem Brexit befindet sich die Europäische Union in einer tiefen Krise. Sie scheint den Nationalismen gegenwärtiger rechtspopulistischer Strömungen keine überzeugende Vision einer demokratischen Staatengemeinschaft mehr entgegensetzen zu können, die ihre zentralen Werte und Ziele teilt. Das neu gegründete Kollektiv darstellender Künste La Shut – bestehend aus der Regisseurin Theresa Schlichtherle, der Autorin Theresa Lydia Seraphin und der Dramaturgin Martina Missel – will sich in dem Arbeitsstipendium deshalb auf die Suche nach einer möglichen europäischen Utopie begeben, die von Solidarität, Pluralismus und demokratischen Grundwerten getragen ist. Angesichts der Komplexität des Themas überzeugt ihr Anliegen, die Recherche von drei Seiten her anzugehen: Neben der Untersuchung gegenwärtiger Initiativen, Verbände, Bürgerbewegungen und Institutionen, die an einem positiven und produktiven europäischen Entwurf arbeiten, sollen sowohl die europäische Historie sowie die räumlichen und strukturellen Manifestationen solidarischer und pluraler Utopien in den Blick genommen werden. La Shut greift mit ihren Nachforschungen zu den Möglichkeiten transnationaler Zukunftsversionen ein virulentes Thema auf, das von zentraler gesellschaftspolitischer Tragweite ist, und verspricht eine vielschichtige und reflektierte Analyse des Status quo. Überzeugend und gut durchdacht erscheint auch, dass die Recherchen in einem weiteren Schritt zu einem Think-Tank aus Wissenschaftler/innen, Künstler/innen und Aktivist/innen führen soll, die 2018 gemeinsam ein Projekt umsetzen. Die Jury befürwortet deshalb die Vergabe eines Arbeitsstipendiums in Höhe von 8.000 Euro für Recherchereisen und Kontaktaufnahmen mit relevanten staatlichen und zivilen Akteur/innen sowie die Bündelung der Informationen und Kommunikationsstränge in einem Online-Laboratorium.


 

Petroschkat, Katrin: „The Angry Garden“

2013 veröffentlichte der Anthropologe Eduardo Kohn ein viel beachtetes Buch mit dem Titel „How Forests Think“. Es beruht auf Studien im Amazonasgebiet Ecuadors und beschreibt am Beispiel einer der hier lebenden indigenen Gemeinschaften – der Runa – eine Form des Denkens, das sich jenseits des menschlichen Denkens ausdehnt und das Eduardo Kohn „sylvan thinking“ nennt. Es ist ein Denken, das in den tropischen Regenwäldern zu Hause ist und ein Denken, das den Wald als Subjekt setzt. Dieses Denken ist keines, das sich in ein distanziertes Verhältnis zu dem komplexen Ökosystem des Regenwalds setzt, sondern dieses als etwas begreift, das vollständig aus lebenden Identitäten und ihren kommunikativen Relationen besteht. In ihrem Projektvorhaben „Angry Garden“ greift die Künstlerin Katrin Petroschkat solche Gedanken auf. Ästhetisch zwischen Konzert, Vortrag und szenischer Arbeit angelegt, soll es sich unserem Verhältnis zur Natur sowie der Verständigung mit dem Fremden annähern. Dabei kritisiert es unsere gängige Kommunikation mit der Natur und dem Anderen, die auf sezierenden, trennenden und objektivierenden Methoden beruht und plädiert für eine Neuerfindung der Kommunikation, in deren Rahmen wir lernen, mit den Dingen und dem Anderen zu sprechen. Nach Einschätzung der Jury verspricht das Projekt von Katrin Petroschkat eine ebenso originelle wie ästhetisch interessante Erarbeitung und Umsetzung eines Themas, das angesichts vielfältiger ökologischer und politischer Krisen im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozän quer durch viele Disziplinen hindurch diskutiert wird. Aus diesem Grund empfiehlt sie die Projektentwicklung von „The Angry Garden“ mit einem Arbeitsstipendium in Höhe von 7000 Euro zu unterstützen.

Recke, Anta Helena: „Afropunk“ (AT). Recherche und Erarbeitung eines Konzepts über kulturelle Aneignung in Deutschland und Südafrika

Die Münchner Performancekünstlerin Anta Helena Recke arbeitete in der Vergangenheit mit bedeutenden Künstler/innen der Freien Szene wie Gintersdorfer/Klaßen, Ana Borralho & João Galante oder Turbo Pascal zusammen. Ihre im Rahmen der Treibstoff Theatertage in Basel entwickelte Performance LOVEPIECE über Togetherness wurde zu zahlreichen Festivals in Bern, Berlin und an die Münchner Kammerspielen eingeladen. Ihre auf Konzeptkunst basierenden transdisziplinären Performances beschäftigen sich mit Fragen von gesellschaftlicher Markierung, Marginalisierungsprozessen und der Reproduktion von Normativität und Rassismus. In dem transdisziplinären Projekt „Afropunk“ (AT) beabsichtigt sie, sich mit cultural appropriation – der Aneignung identitätsbildender Kulturformen durch die weiße privilegierte Mehrheitskultur – in der deutschen und afrikanischen Musikkultur auseinander zu setzen und ihr Augenmerk gezielt auf popkulturelle Phänomene als machtgestützte, kodierte Zeichensysteme zu richten, die Aufschluss über Identitätskonstruktionen, Deutungshoheiten und Zuschreibungsmuster geben. Anta Helena Recker interessiert sich besonders für die performativen Prozesse, die zu kultureller Übersetzung und Aneignung in der Musikkultur führen. Der überzeugende dramaturgische Kunstgriff ihres Projekt-Ansatzes ist darin begründet, dass sie – nicht etwa wie beim deutschen Hip Hop – die Übernahme von identitätsstiftenden Inhalten und Ästhetiken von afroamerikanischen Gruppen durch weiße deutsche Jugendliche beleuchtet, sondern sie ganz im Gegenteil die Übernahme einer weißen Musikkultur durch afroamerikanische Gruppen wie im Punk untersuchen will, um die Opfer-Perspektive in eine Täter-Perspektive zu wandeln und den Diskurs kultureller Aneignung für neue Sichtweisen zu öffnen. Das Stipendium soll genutzt werden, um gemeinsam mit der Dramaturgin Anna Froelicher und einem Videokünstler eine Recherchereise in die Punkszene von Soweto in Südafrika zu unternehmen, um dokumentarisches Material als Grundlage des nachfolgenden Projekts zu entwickeln. Da das Vorhaben durch seine gesellschaftliche Relevanz im Kontext postkolonialer Aufklärung und durch die bestechende Betrachtungsperspektive sehr überzeugt, empfiehlt die Jury, der Performancekünstlerin Anta Helena Recke ein Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro für die künstlerische Recherche und Erarbeitung eines Konzepts für kulturelle Aneignung in Deutschland und Afrika zu gewähren.