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Arbeits- und Fortbildungsstipendien für Freie Theaterschaffende 2018


Jurybegründungen

Khouri, Amahl: Recherche für ein Theaterprojekt zu den Nachwirkungen des „arabischen Frühlings“

Die jordanische Autorin, Performerin und Theatermacherin Amahl Khouri ist seit Anbeginn Mitglied des Open Border Ensembles an den Münchner Kammerspielen. Dort inszenierte sie in der letzten Spielzeit „She He Me“ als szenische Lesung und brachte mit dem Stück die Lebenssituationen Trans- und Homosexueller in der arabischen Welt auf die Bühne. Mit dem Arbeitsstipendium möchte Amahl Khouri nun ihre Auseinandersetzung mit marginalisierten Lebensentwürfen von Menschen aus dem Mittleren und Nahen Osten auf der Grundlage von Interviews weiterentwickeln und Geschichten von Menschen sammeln, die von der Kraft der Liebe in Zeiten des Krieges erzählen können. Dabei geht es Khouri nicht um die queere Version einer Liebesgeschichte a la „Romeo & Julia“. Ausgangspunkt ihrer Recherche ist vielmehr ihre Feststellung, dass die Erlebnisse von Krieg und Zerstörung zwar vielen Betroffenen die Hoffnung nehmen, nicht aber die Gunst der Liebe. Sind Liebesgeschichten vielleicht sogar das einzige, was sich aus dem arabischen Frühling retten lässt? Das fragt sich Amahl Khouri. Mit dem Stipendium möchte sich Khouri auf die Reise zu potentiellen Gesprächspartnerinnen und -partnern begeben, die aus Ägypten oder Jordanien nach Europa geflohen sind. Die gesammelten Geschichten sollen in der Folge als Grundlage für ein Theaterstück mit dem Arbeitstitel „Liebe & Raketen“ dienen. Die Jury ist überzeugt davon, dass das Vorhaben von Amahl Khouri aufgrund ihrer biographischen und literarischen Erfahrungen spannende Ergebnisse bringen wird und befürwortet daher die Vergabe eines Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro.

 

Pandora Pop GbR: Recherche für ein Theaterprojekt „The Wall“ (AT)

Als Deutsche sind wir Experten für die Mauer. Für ihren Bau, ihre tödliche Bewachung, ihre Untergrabung, ihre riskante ebenso wie letztlich friedliche Überwindung – zumindest teilweise. Angesichts der Trump‘schen Wahlkampfversprechen und Pläne, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, beschäftigt sich die Gruppe Pandora Pop mit „der Mauer“, konkret der „Línea“, der Grenzanlage zwischen Tijuana und San Diego. Dort ist, zwischen Zäunen und Metallwänden, der sogenannte Friendship Park eingerichtet, ein Grenzbereich zwischen beiden Seiten, in dem sich getrennte Familien und Liebespaare am Wochenende zum Picknick verabreden können. Gemeinsam mit einem Cutter und einem Künstlerkollegen aus San Diego mit indigen-mexikanischen Wurzeln will Pandora Pop vor Ort recherchieren und Interviews führen. Die Erkundungen sind soziologisch konkret – und sollen zugleich metaphorisch sein und in Verbindung mit den Mauern in Deutschland gebracht werden. Nicht nur der alten innerdeutschen, sondern auch den neuen deutschen Mauereien und Abschottungen gegenüber Geflüchteten – wie etwa der Mauer um ein Flüchtlingsheim in Perlach. Mit einem dramaturgisch aufgerüsteten Team beschäftigt sich die Gruppe Pandora Pop um Anna Winde-Hertling in „The Wall. Ein Versuch, durch Wände zu gehen“ mit der Frage, wann und wieso Abgrenzungen überhaupt nötig erscheinen. Was sind erfolgreiche Modelle und Möglichkeiten, Grenzen zu ziehen, zu überwinden oder zu umgehen?
Die Jury schlägt vor, dieses interessante Projekt mit einem Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

 

Piening, Gesche: Recherche für ein Theaterprojekt „Requien für Verschwundene“

Die 2016 mit dem Murnauer Ödön-von-Horváth-Förderpreis ausgezeichnete Münchner Theatermacherin Gesche Piening hat sich bereits in der Vergangenheit mit kulturkritischen Fragestellungen auseinandergesetzt. Dabei nahm sie insbesondere die Rolle des freischaffenden Künstlers als Prototyp eines neoliberalen Menschenbildes ins Visier. In ihrem neuen Projekt beschäftigt sie sich nun mit dem Wandel des Totenkults in unserer Gesellschaft. Neuerdings trägt man seine Toten ja zwar noch im Herzen, aber nicht mehr unbedingt zum Friedhof. Unter dem Titel „Requien für Verschwundene“ sollen sich wandelnde Bestattungsriten und der sich damit verändernde Umgang mit Toten untersucht werden. In einer Recherche-Phase geht Gesche Piening zunächst der zunehmenden sozialen Anonymisierung des Sterbens in der Großstadt München, sodann den kulturellen Bestattungstechniken in Museen für Sepulkralkultur im deutschsprachigen Raum und schließlich der musikalischen Form des Totenrequiems auf den Grund. Ziel eines später geplanten Theaterprojekts wird es sein, einsam verstorbenen und anonym begrabenen Münchnern ein akustisches Totendenkmal zu setzen. Die Jury empfiehlt eine Förderung dieser Recherchen durch ein Arbeitsstipendium in Höhe von 8.000 Euro.

 

Thönnes, Yana Eva: „Alternative Rights“ und „Men going their own way“ – Recherche für ein Performanceprojekt zu rechten Männerbewegungen in den USA

Die Künstlerin Yana Eva Thönnes ist bisher als Mitglied des Münchener Performance-Kollektivs „The Agency“ aufgefallen. Gemeinsam mit den anderen Performerinnen und Performern hat sie in immersiven Versuchsanordnungen Narrative der Gegenwartskultur ausgeleuchtet – angefangen von Narrativen des Neoliberalismus, der romantischen Gefühls- und Liebeskultur bis hin zum Optimierungskult in Leistungsgesellschaften. Narrative, die kollektive Bewusstseinsräume widerspiegeln und als psychopolitische Handlungsmuster den Gesellschaftskörper durchziehen. Im Rahmen des Recherchestipendiums wird sie sich auf eine Forschungsreise in die Südstaaten der USA begeben, um dort auf der Grundlage von Interviews Narrative weißer Männlichkeit und deren Einschreibung in politische Konzepte zu erforschen. Gezielt richtet sich ihr Interesse auf das Männlichkeitsverständnis und die politischen Einstellungen in rechten Bewegungen wie der „Alternative Rights“ und der „Men going their own way“-Bewegung. Ihr Forschungsvorhaben gilt ebenso dem Zusammenhang von Remaskulinisierung und Nationalisierung, wie er sich zurzeit in den restaurativen Bestrebungen vieler Staaten abzeichnet, wie auch der Frage nach der gegenseitigen Bedingtheit von „toxischer Männlichkeit“ und strukturellem Sexismus. Besonders hervorzuheben ist, dass im Vordergrund nicht etwa eine phänomenologische Status-Quo-Bestimmung im Kontext von #metoo-Debatte und Trumpismus steht, sondern ein mit den Mitteln des Theaters kreierter Entwurf einer alternativen Gegenbewegung von Männlichkeit, der ein Männlichkeitsverständnis jenseits biologischer Identität und Heteronormativität entwickelt. Die Erkenntnisse der Recherchereise sollen als Grundlage für ein nachfolgendes künstlerisches Projekt durch „The Agency“ unter dem Titel „Take it like a man“ fruchtbar gemacht werden. Da das Vorhaben durch seine gesellschaftliche Relevanz und durch den Versuch, mit den Mitteln des Theaters ein utopisches Zukunftsszenario einzuüben, sehr überzeugt, empfiehlt die Jury, an die Performancekünstlerin Yana Eva Thönnes ein Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro für die künstlerische Recherche und Erarbeitung eines Konzepts für ein Nachfolgeprojekt zu vergeben.


Oliver Zahn: Künstlerisches Forschungsvorhaben „Nonfiction“ (AT)

Der Regisseur und Performer Oliver Zahn gilt als ausgewiesener Spezialist für performative Essays an der Schnittstelle zwischen Forschung, Theater und der Generierung alternativen Wissens. Seinen künstlerischen Arbeiten gehen stets investigative Recherchephasen voraus, in denen er sich ein differenziertes Wissen aneignet. Hat er sich in der Vergangenheit beständig mit kulturellen Zuschreibungsmustern und -praktiken im semantischen Feld von Postkolonialismus und Nationalsozialismus und deren performativer Demaskierung und Dekonstruktion auseinandergesetzt, wird er sich im Rahmen des Arbeitsstipendiums mit der Form und der ästhetischen Figur des „nonfiction“, der Verschränkung von Realität und Fiktion im Alltäglichen, beschäftigen. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf Inszenierungen des Alltags, kulturell eingeübte Gewohnheiten, deren realer Präsenz verdeckt fiktionale Prozesse und künstlerische Strategien zugrunde liegen, aber als real und nicht als fiktional wahrgenommen werden. Exemplarisch wird er in einer ausgedehnten Recherchephase die Sportart des Professional Wrestlings, dessen Handlungsvorgänge stets auf einem ausgefeilten Plot basieren, und ausgewählte, auf kollektiver Fiktion beruhende traditionelle Maskenbräuche erforschen. Beide kulturellen Erscheinungsformen repräsentieren eine Form von Theater im Alltag, für deren Realfiktion die zentrale Rolle des Publikums und ihre rituelle Affirmation konstituierend ist. Oliver Zahns Forschung zielt dabei nicht auf eine selbstreferentielle Auslotung von Theater und Performance, sondern auf eine Reflexion gesellschaftlicher Diskurse im Kontext von Populismus, Fake News, nationaler Fiktionen sowie Verschwörungstheorien. Wie in dem vorausgegangenen, vielfach gelobten Projekt „Versuch über das Turnen“ geht Oliver Zahn von einer konkreten kulturellen Figuration und deren körperlicher Präsenz aus und analysiert anhand dessen gesellschaftlich prägende Denkfiguren. Auch wenn die Rechercheprojekte von Oliver Zahn stets ergebnisoffen sind, verspricht das neue Forschungsvorhaben eine weitreichende Analyse über gesellschaftliche Konstruktionsmechanismen fiktionaler Narrative, die ihre potenzierte Wirkmacht im Politischen entfalten. Aufgrund der bemerkenswerten, konzise recherchierten Arbeiten in der Vergangenheit, der nachhaltigen Weiterentwicklung seiner diskursiven Felder und durch den originellen Zugang zum Thematischen empfiehlt die Jury, das Recherchevorhaben „Nonfiction“ (AT) von Oliver Zahn mit der Vergabe eines Stipendiums in Höhe von 8.000 Euro zu unterstützen.