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Arbeits- und Fortbildungsstipendien für Freie Theaterschaffende 2020


Jurybegründungen

Bongers, Jonny: „Tann oder wem gehört der Wald“ - Recherche für eine Stückentwick­lung

In der geplanten Stückentwicklung „Tann oder wem gehört der Wald“ von Jonny-Bix Bongers wird der Wald als aktuell bedrohter Lebensraum aufgefasst, nicht zuletzt durch den Menschen als Jäger. Dem bekannten und jüngst medial sehr präsenten Ausmaß der Vernichtung von Wäldern nähert sich dieses Vorhaben mit der Hypothese, das Nutzergruppen der Wälder, die einst gegenläufige Interessen verfolgten, zusammengebracht werden müssten, um eine neue ästhetische Wahrnehmung des Kulturraumes Wald zu erlangen: indigene Bewohner der Ama­zonaswälder etwa ebenso wie ehemals adlige Großgrundbesitzer in Deutschland könnten ihre Erzählung vom Wald beisteuern. Von Interesse für die Jury war dabei auch, dass die Recher­che den Möglichkeiten einer Repräsentation nicht-menschlicher Akteure nachgeht. Die Jury empfiehlt, dieses interessante Vorhaben mit einem Arbeitsstipendium in Höhe von 8.000,00 Euro zu unterstützen.

 

Burki, Dominik: Studium neuer Techniken des clownesken Theaters und Erarbeitung ei­ner clownesken Figur

Dominik Burki ist seit 2014 Leitungsmitglied und Schauspieler der Münchner „compagnie nik“, die 2019 mit dem Kinder- und Jugendtheater-Preis des Inthega-Vorstands ausgezeichnet wur­de. Burki verbindet in seinen Inszenierungen komödiantische und clowneske Elemente mit ge­sellschaftlich brisanten Fragestellungen für ein junges und gleichzeitig auch für ein erwachse­nes Publikum. Um diese spezifische, bislang auf tradierten komischen Figuren basierende Theaterästhetik weiter zu entwickeln, plant Burki sein Repertoire durch eine Weiterbildung bei dem renommierten Clown und Comedian Peter Shub zu vergrößern. Shub selbst absolvierte seine Ausbildung in Frankreich bei Etienne Decroux, dem deutschen Publikum wurde er durch Auftritte mit Loriot und im Zirkus Roncalli bekannt. Burki wird zunächst im Mai 2020 eine zehn­tätige Masterclass bei Shub besuchen und anschließend mit diesem in Einzelcoachings seine eigene clowneske Figur erarbeiten. Die Jury befürwortet diese Weiterbildung und spricht sich für die Vergabe eines Arbeitsstipendiums in Höhe von 8.000,00 Euro aus.

 

Dabinnus, Burchard: „Weil Du mir gehörst“ - Recherche für ein Theaterprojekt

Der Stipendiumsantrag „Weil du mir gehörst“ des Münchener Theatermachers und Schauspie­lers Burchard Dabinnus setzt sich mit den Fragen nach häuslicher Gewalt und gesellschaftli­cher Verantwortung auseinander. Entlang eines realen Falls aus dem persönlichen Umfeld des Antragsstellers soll recherchiert und rekonstruiert werden, wie eine tödliche – sogenannte – „Beziehungstat“ geschehen konnte und welche blinden Flecken Gesellschaft und Justiz bis heute dabei aufweisen, solange die Tat nicht einem migrantischen Umfeld entspringt. Für die umfangreiche Recherche und Textarbeit sowie das Ausarbeiten einer theatralen Form schlägt die Jury die Vergabe eines Stipendiums in Höhe von 8.000,00 Euro vor.

 

Galonska, Tomma: Strafe, Mahnmal, Trost – Studie zu kulturellen Reflexions- und Verar­beitungsweisen von Terroranschlägen

Nicht nur in der medialen Berichterstattung, sondern auch im Dokumentartheater und im fiktio­nalen Genre ist die Darstellung von Terroranschlägen oder Amokläufen überwiegend durch eine Fokussierung auf die Täter- oder Opferperspektive geprägt. Dem versucht die Münchner Theaterkünstlerin Tomma Galonska eine andere Sichtweise entgegen zu setzen, nämlich die der Hinterbliebenen. Sie hinterfragt, wie Theater und Kunst jenseits der Sensations- und Af­fektlogik als ritueller Partizipationsraum für Bewältigungsstrategien und damit auch als Ort der Resilienz gegenüber derartigen Gewalterfahrungen fungieren können.

Ausgehend von aktueller Forschungsliteratur zur Psychotraumatologie, aber auch von literari­schen Werken, wie etwa der Gedichte der Lyrikerin Cecilie Løveid, die als Reaktion auf das At­tentat in Norwegen 2011 entstanden, wird zunächst ein Impulsvortrag zum Thema realisiert. Hierzu ist ein Rechercheaufenthalt in Norwegen und ein Arbeitstreffen mit Cecilie Løveid ge­plant. In einem zweiten Schritt soll die Struktur für eine mögliche performative Umsetzung er­arbeitet werden.

Die Jury empfiehlt, dieses innovative Vorhaben durch ein Arbeitsstipendium in Höhe von 8.000,00 Euro zu fördern.

 

Geiger, Jan: „Eisbären“

Der Autor und Mitglied der Münchener Theatertexter*innen Jan Geiger möchte den Fall „Sigi Mauser“ – ehemaliger Präsident der Münchner Hochschule für Musik und Theater, der wegen Nötigung und sexuellen Missbrauchs zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde – in dem Projekt „Eisbären“ dokumentarisch aufarbeiten. Neben der Lokalität und zugleich Exemplarik ist für den Autor der kritikwürdige Umgang mit dem Fall im Rahmen der Festschrift aus Anlass des 65. Geburtstages für den Verurteilten Anlass zur Beschäftigung mit dem Thema. In einem neu zu schreibenden Theatertext will Geiger ausgehend vom Münchner Fall über Täternetzwerke, mediale Vermittlung von Missbrauch sowie die Wahrnehmung der Opfer nachdenken. Im Zen­trum der Auseinandersetzung steht der diskursive Umgang mit sexuellem Missbrauch in unse­rer Gesellschaft. Jan Geiger, der bereits mit Vorgängerprojekten und -texten in München posi­tiv aufgefallen ist, plant für sein Stück einen dokumentarischen Ansatz, der auf Interviews, Er­fahrungsberichte, mediale Berichterstattung sowie Prozessakten zurückgreift. Aufgrund der Relevanz des Stoffes, der einerseits lokal verortet, zugleich aber von allgemeinem Interesse ist, und aufgrund der nachvollziehbaren Wahl der dokumentarischen Methode empfiehlt die Jury eine Unterstützung des Vorhabens durch ein Recherche-Stipendium in Höhe von 8.000,00 Euro.

 

Balsei Barbara/Behrens, Astrid: „No Archiv“ - Recherche unter Gender-Gesichtspunkten zur Spielzeit 2019/20 an den Münchner Theatern

Mit dem Arbeits- und Fortbildungsstipendium „No Archiv“ wollen Barbara Balsei und Astrid Behrens etwas Neues versuchen. Sie probieren einerseits eine andere Form der Aufbewah­rung bzw. Aufbereitung aus, und möchten andererseits die Unmöglichkeit einer neutralen Per­spektive und objektiven Archivierung offenlegen. Deshalb dokumentieren sie die Spielpläne al­ler Münchner Staats- und Stadttheater und freien Bühnen in der Spielzeit 2019/2020. Aller­dings werden nur Inszenierungen archiviert, die einen Bechdel-Wallace-Test mit drei Fragen bestehen: 1. Stehen zwei Frauen in zentralen Rollen auf der Bühne, die 2. substantiell bzw. über 60 Sekunden miteinander interagieren und 3. über etwas anderes als einen Mann spre­chen. So entsteht ein Archiv jenseits der klassischen Repräsentation und des üblichen Kan­ons. Ziel ist es, die wichtigen Themen einer Spielzeit abzubilden. Die Methode, die bei der Auswahl angelegt wird, soll mit einer profunden Auseinandersetzung mit den Gesetzen, Pra­xen und Paradoxien des Archivierens gepaart werden. Die Jury ist auf eine Sichtbarkeit der Er­gebnisse gespannt und schlägt vor, diese Recherche mit einem Stipendium in Höhe von 8.000,00 Euro zu fördern.

 

Leitner, Matthias: „Propheten träumen – Zukünfte vergehen“ (AT) - Recherche zu einem Performanceprojekt bayerischer Propheten zur Zukunft der Welt

Matthias Leitner nimmt sich ein noch selten untersuchtes Thema vor: Esoterik auf dem Lande. Er beginnt mit einer Analyse seiner Familiengeschichte, mit Interviews, Dokumentrecherche und einer Kartographie des „magischen Netzwerks“ seiner Großmutter. Danach möchte er der lokalen Historie von Seher*innen aus Bayern, vor allem Alois Irlmaier und Mühlhiasl, in Ober- und Niederbayern vor Ort auf die Spur gehen, Interviews mit Experten und lokalen Historikern führen, Archive durchforsten und auch heutige „Propheten“ aufspüren. Anschließend ergänzt er die historischen Erkenntnisse mit Material aus anderen Bereichen, beispielsweise durch In­terviews mit Wissenschaftlern, die zu Parawissenschaften forschen, oder ein Gespräch bei der „Parapsychologischen Beratungsstelle“ in Freiburg. Außerdem holt er von Experten Einschät­zungen zu den Funden ein, die das Feld der Esoterik und Prophetie aus verschiedenen Per­spektiven beleuchten: von der Religion über die Psychologie bis hin zur Soziologie. Mathias Leitner möchte auf Basis einer strukturierten und intensiven Recherche seine Einreichung zur Debütförderung für das Jahr 2021 vorbereiten. Dieses Vorhaben unterstützt die Jury und schlägt die Vergabe eines Stipendiums in Höhe von 8.000,00 Euro vor.

 

Penzkofer, Gina und Duran, Demjan: „Das Turbofolk“- Recherche zur Gesangsikone Lepa Brena in Ex-Jugoslawien

Gina Penzkofer und Demjan Duran starten ihre Recherche zu Gemeinschaft und Nationalis­mus unter dem Titel „DAS TURBOFOLK“ bei der jugoslawischen Musikikone Lepa Brena und der Musikrichtung des sogenannten Turbofolk. Aufkeimender Nationalismus gefährdet aktuell die Idee der Europäischen Union – das Bild Jugoslawiens als funktionierender Vielvölkerstaat, wie in der Musik Brenas beschworen, wurde durch den Krieg der 90er Jahre jäh zerstört. Ent­lang der unterschiedlichen Musikrichtungen und ihrer ikonografischen Darstellungen arbeiten Penzkofer und Duran Identitäten und Zugehörigkeitsgefühle im migrantischen Umfeld ehemali­ger Jugoslaw*innen heraus und spüren Fragen nach Parallelitäten und Diskontinuitäten in der Konstruktion von Gemeinschaft heute in Europa und früher in Jugoslawien nach. Ziel ist eine theatrale Umsetzung der Ergebnisse im Sinne des Theaters als Ort der Gemeinschaft. Um diese Recherche zu unterstützen, empfiehlt die Jury die Vergabe eines Stipendiums in Höhe von 8000,00 Euro.

 

Zimmer, Oliver: „Du bist so Cis“- Recherche für ein Theaterprojekt zu Homosexualität, Transgender, Queerness

Homosexualität, Transgender, Queerness haben in den letzten Jahren immer mehr – vor allem mediale – Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Was nicht heißt, dass Ablehnung im All­tag verschwunden wäre oder große Teile unserer Gesellschaft nicht doch höchst verunsichert und gereizt darauf reagieren würden. Nicht zuletzt sind das Reflexe, die auf Unwissenheit und Unsicherheit beruhen, meint der Theatermacher Oliver Zimmer. Gemeinsam mit dem briti­schen Autor Kit Redstone will er deshalb dieses fehlende Wissen, die zahlreichen Missver­ständnisse und die grundlegende Verunsicherung in einem Theaterprojekt abbauen. Durch thematische Aufklärung, aber auch durch die Erforschung neuer Sprachformen, in denen sich transidente oder queere Menschen ebenfalls repräsentiert fühlen. Die Zusammenarbeit des er­fahrenen Regisseurs Zimmer mit einem Autor, der selbst transident ist und in Vorgängerprojek­ten das Thema bereits auf höchst intelligente, ästhetisch reichhaltige und dabei immer unter­haltsame Weise verhandelt hat, soll dabei nicht in einen didaktisch-belehrenden Theaterabend münden. Angepeilt ist eine Mischung aus Ernst und Unterhaltung, die die Themen für ein brei­tes Publikum zugänglich macht.

Das relevante Thema, der Ansatz zur internationalen Kooperation sowie der Vorsatz, ein ge­wichtiges Thema in breitenwirksamer Tonlage und Ästhetik anzugehen, haben die Jury davon überzeugt, dass Arbeitstreffen in München und London, Recherchen und die Erarbeitung einer ersten Stückfassung durch ein Stipendium unterstützt werden sollten. Sie spricht sich deshalb für die Vergabe eines Stipendiums in Höhe von 8.000,00 Euro aus.