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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Arbeits- und Fortbildungsstipendien für Theater 2014 der Landeshauptstadt München


Jurybegründungen

Emre Akal: Forschungsprojekt „Cüs - ein Selbstversuch“

Weshalb verlassen eigentlich jedes Jahr zigtausende bestens ausgebildete junge Deutsch-Türken das Land, um sich wieder in der Heimat ihrer Vorväter anzusiedeln und dort beruflich Fuß zu fassen? Welche Konsequenzen hat die Remigration der zweiten und dritten Genera­tion für Deutschland und wie trägt dieses Eindringen der „Doyçländer“ umgekehrt zur Verän­derung der türkischen Gesellschaft bei? Diese Fragen stellt sich der türkisch-bayerische Theatermacher Emre Akal. Um Antworten jenseits der gängigen Klischees oder offiziellen Verlautbarungen zu finden, plant er, in einem mehrmonatigen Selbstversuch in Istanbul an den dortigen Stammtischen der „Doyçländer“ und in der deutsch-türkischen Kunstszene zu recherchieren. Das so zusammengetragene Material bildet die Grundlage für eine im nächs­ten Jahr in München projektierte Inszenierung oder Installation im öffentlichen Raum über solche neuen transnationalen Lebensrealitäten. Idealerweise könnte aus diesem empirisch-künstlerischen Forschungsprojekt eine besondere Variante des sog. „postmigrantischen Theaters“ hervorgehen, das sich nicht allein auf die bisherigen „inländischen“ deutschen Dra­maturgien beschränkt. Auf Grund seiner Sprachkenntnisse und der bereits bestehenden ein­schlägigen Kontakte zur Istanbuler Kunst- und Theaterszene bringt der Antragssteller hierfür die idealen Voraussetzungen mit.


Die Jury spricht sich daher für eine Förderung dieses „Selbstversuchs“ durch ein Arbeitssti­pendium in Höhe von 4.000 Euro aus.


Ana Zirner: Erarbeitung eines künstlerischen Konzepts für ein internationales
Theaterfestival in München

Die junge Regisseurin Ana Zirner hat einen Antrag für eine Weiterbildung zur Festivalmana­gerin beim „Atelier for Young Festivalmanagers“ in Edinburgh gestellt. Mit den dort gewonne­nen Management-Kenntnissen möchte sie ein internationales Festival in München initiieren, in dem deutsche Theatergruppen mit Theatern aus Partnerländern wie Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Israel u. a. zusammentreffen und sich in Workshops, Gesprächen, Podiums­diskussionen gegenseitig austauschen. Dies wiederum soll zu einer Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen theatralen Arbeits- und Sichtweisen der anderen führen und konstruk­tiv zur eigenen Arbeitsweise beitragen, sie gar verändern. Das geplante Festival soll jeweils unter einem Thema stehen, damit man sieht, wie die verschiedenen Länder mit dem glei­chen Thema umgehen. Der Austausch soll zu einem wertvollen Netzwerk ausgebaut werden.

Ana Zirner, die an der Folkwangschule Essen ihr Regiestudium absolvierte, wird im Februar in München ihr eigenes Projekt „brothers in arms“ über junge iranische und israelische Sol­daten inszenieren. Diese wurden im Iran und in Israel von deutschen Schauspielern befragt, die selbst Teilnehmer des Projekts sind. Die dokumentierten Gespräche bilden die Grundlage der Inszenierungsarbeit.

Ana Zirner hat bereits im Sommer 2013 bei PATHOS München für das erfolgreiche polnisch-deutsche TRANSPORT>festival „TU JEST POLSKA“ am Festivalmanagement mitgewirkt. Eine weitere Qualifizierung in diese Richtung erscheint sinnvoll, sodass sich die Jury für die Gewährung eines Arbeits- und Fortbildungsstipendiums in Höhe von 4.000 Euro an Ana Zirner zur Teilnahme am „Atelier for Young Festivalmanagers“ der European Festivals Association (EFA) in Edinburgh ausspricht.
 

Ines Honsel: Erarbeitung eines Konzepts für einen Erzähltheaterabend für Gehörlose und Hörende

Die am Max-Reinhardt-Seminar in Wien zur Schauspielerin und an der Universität der Künste in Berlin zur Theaterpädagogin ausgebildete Ines Honsel beschäftigt sich mit Inklusion im Theaterbereich und hat zu diesem Thema bereits Workshops bei der Pfennigparade und beim integrativen Theaterfestival „Grenzgänger“ im renommierten TamS (Theater am Sozialamt) geleitet. Ihre Erfahrung, dass Erzähltheaterprojekte zum Beispiel für Blinde und Sehende gleichermaßen funktionieren können, brachte sie auf den Gedanken, eine theatrale Formensprache zu entwickeln, die sowohl Hörende als auch Gehörlose anspricht.
Als einen Schritt auf dem Weg zu einem Konzept für ein inklusives Erzähltheater wird Ines Honsel einen Kurs in Gebärdensprache belegen. Sie will die Möglichkeiten und Grenzen der Gebärdensprache für das Theater ausloten, um sie in künftige Projekte einbeziehen.
Die Jury ist der Meinung, dass Ines Honsel mit diesem Konzept nicht nur das gesellschaftliche Anliegen der Inklusion befördert, sondern damit auch ästhetisch neue Wege beschreiten kann, und befürwortet daher die Vergabe eines Arbeits- und Fortbildungsstipendiums in Höhe von 4.000 Euro.

Isabel Kott: Weiterbildung als Performerin und Schauspielerin durch Teilnahme an sprech- und bewegungstechnischen Workshops und Seminaren

Isabel Kott, Darstellerin und Performerin, hat bereits während ihres Theaterwissenschaftsstudiums einen Schwerpunkt auf praxisbezogene Projekte gelegt, die durch die Studiobühne der LMU gefördert wurden. Seit Abschluss des Studiums arbeitet sie regelmäßig als Regieassistentin und als Schauspielerin an der Seite von Anette Spola im TamS.
In der freien Theaterszene hat sie in manchen absurd-wunderbaren Performances von Stefan Kastner mitgespielt, stets überzeugend und tief berührend. „Die junge Isabel Kott“ schreibt die Kritikerin Sabine Leucht, "ist eine Darstellerin, die nicht nur wunderbar singen, sondern auch, wenn sie einfach so auf der Bühne sitzt, schon eine Entdeckung ist“ (Münchner Feuilleton)
Isabel Kott beantragt ein Fortbildungsstipendium für den Besuch sprech- und bewegungstechnischer Workshops und Seminare, um ihre performativen und darstellerischen Fähigkeiten zu erweitern. Diese Techniken werden an Schulen wie z.B. der berühmten Royal Central School of Speech and Drama in London gelehrt. Das Stipendium soll dazu dienen, ihr die Teilnahme an diesen Kursen zu ermöglichen, zum einen, um die Reisekosten zu den von ihr ausgesuchten Workshops und Kursen auch im Ausland zu finanzieren, zum anderen, um die dafür anfallenden, teilweise hohen Teilnahmegebühren tragen zu können.
Die Jury ist davon überzeugt, dass Isabel Kott ihre neuen Kenntnisse in Projekte der freien Theaterszene Münchens einfließen lassen und dadurch ihr eigenes Spiel wie auch die Produktionen, an denen sie mitwirken wird, bereichern wird. Die Jury schlägt daher vor, Isabel Kott ein Stipendium in Höhe von 4.000 € zu gewähren, um ihr die Teilnahme an Ausbildungsprojekten zur Erweiterung und Vertiefung ihrer künstlerischen Ausdrucksfähigkeit zu ermöglichen.

Christiane Mudra: "Archivum 2.0"

Die Münchner Regisseurin und Schauspielerin Christiane Mudra möchte mit diesem Stipendium unterschiedliche Techniken und Möglichkeiten aktueller Archivierungsstrategien erforschen.
Dabei beruft sie sich auf bereits existierende künstlerische Praktiken des Archivierens und zieht als Beispiele den Galeristen Jan Winkelmann, den Künstler Christian Boltanski und den Soziologen Niklas Luhmann heran, die sich mit Archivierungsprozessen beschäftigten. Archive in der Bandbreite zwischen Zettelkasten und Festplatte, zwischen analog und digital, sollen recherchiert und nach folgenden Fragestellungen untersucht werden: Welche Speicherformate und Ordnungsstrukturen sind effizient? Welche Suchfunktionen arbeiten sicher und verlässlich? Welche Primär- und Sekundärgliederungen sind zielführend?
Christiane Mudra möchte im Rahmen des Stipendiums unterschiedliche Formen und Orte des Archivierens aufsuchen, analysieren und dokumentieren. Die Jury sieht die Aktualität des Themas und schätzt ihren präzisen wie fundamentiert künstlerischen Forscherdrang. Mit ihrem Projekt "yoUturn" - ein Überwachungsexperiment im Stadtraum, gefördert von der Landeshaupt-stadt München im Rahmen der Einzelprojektförderung - hat sie 2013 eine beeindruckende und vielbeachtete Aufführung über Überwachung und Überwachtwerden in der Stadt realisiert, die mittlerweile auch in Berlin erfolgreich gezeigt wurde.
Die Jury empfiehlt deshalb die Vergabe eines Arbeits- und Fortbildungsstipendiums in Höhe von
4.000 Euro an Christiane Mudra für ihr Recherchevorhaben "Archivum 2.0".

Jurymitglieder

Der Jury Freie Theatergruppen gehören als Fachjurymitglieder Prof. Cornel Franz (Bayerische Theaterakademie) Hermann Hiller (Architekt), Dr. Katharina Keim (Theaterwissenschaftlerin), Prof. Dr. Anke Roeder (Theaterwissenschaftlerin), und Christiane Wechselberger (Theaterkritikerin), sowie von Seiten des Stadtrates Eva Caim, CSU-Stadtratsfraktion, Kristina Frank, CSU-Stadtratsfraktion, Julia Schönfeld-Knor, SPD-Stadtratsfraktion, Christian Vorländer, SPD-Stadtratsfraktion und Dr. Florian Roth, Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/Rosa Liste.