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Auf eigenen Beinen stehen


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Sheela Waziri

Referat für Bildung und Sport, Städtisches Luisengymnasium

Es fühlt sich fast so an wie früher. Die Aula, der Kiosk, der Pausenhof und natürlich die Klassenzimmer. Wer als Erwachsener nach vielen Jahren wieder eine Schule betritt, begibt sich unweigerlich auch auf eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. An einem späten Nachmittag besuche ich Sheela Waziri an Ihrem Arbeitsplatz, dem städtischen Luisengymnasium München.

Der Weg ins Schulsekretariat führt über eine große Treppe vorbei an den Klassenräumen der Oberstufe. Neben der Eingangstür hängen aktuelle Vertretungspläne und Veranstaltungshinweise. Es ist bereits später Nachmittag und der Großteil der Schüler ist schon zuhause, was das Gebäude gleich nochmal etwas größer wirken lässt. Frau Waziri begrüßt mich mit freundlicher Stimme und einem sympathischen Lächeln an der Empfangstheke. Auch das erinnert mich sehr an meine eigene Schulzeit. Für die rund 600 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums sind sie und ihre Kolleginnen und Kollegen im Sekretariat die Hauptansprechpersonen, wenn es um Krankmeldungen, Vertretungsstunden oder die üblichen Formalien im Schulalltag geht. Seit April 2004 arbeitet Sheela Waziri hier und fühlt sich sichtlich wohl. Der Weg dorthin war jedoch nicht immer leicht. In einem spannenden Gespräch erzählt sie mir ihre Lebensgeschichte.

Kindheit in Afghanistan

Geboren und aufgewachsen ist Sheela Waziri in Kabul in Afghanistan. Als jüngste von fünf Geschwistern lernte sie früh, wie wertvoll familiärer Zusammenhalt ist. Mutter und Vater arbeiteten beide als Diplomaten und waren daher viel in der Welt unterwegs. Auch sie verbrachte in ihrer frühen Kindheit drei Jahre mit ihrem Vater in Indien. Den Großteil ihrer Jugend erlebte sie jedoch in Kabul. Von ihrer Heimatstadt bekam sie in dieser Zeit aber nicht sehr viel zu sehen. Waziri leidet seit ihrer Geburt an einer seltenen Knochenkrankheit. Der Fachbegriff lautet „Multiple kartilaginäre Exostosen“, und beschreibt eine Veränderung der Knochensubstanz. Betroffen sind vor allem die Gelenke, was zu einer starken Bewegungseinschränkung führt. Eine Krankheit, die ihr auch heute noch zu schaffen macht. Wo andere Kinder auf Spielplätzen tobten, verbrachte sie ihre Kindheit daheim oder in Krankenhäusern. Davon hat sie sich allerdings nie entmutigen lassen.

Als sie von dieser Zeit erzählt, hat sie ein leichtes Lächeln im Gesicht. Da die Eltern oft unterwegs waren, waren ihre großen Geschwister eine starke Stütze in ihrem Leben - und sind es auch heute noch. Besonders gerne denkt sie an ihre Großmutter zurück, die in Abwesenheit der Eltern die Verantwortung übernahm und sich liebevoll um sie kümmerte. Der Krieg in Afghanistan zwang die Familie ihr Heimatland zu verlassen. Als der Konflikt 1978 begann, war Sheela Waziri gerade einmal neun Jahre alt. Ein Jahr, dass sich fest in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Damals verlor sie auch ihren geliebten Vater, der bei einer Schießerei im Parlament zusammen mit dem damaligen Präsidenten und weiteren Regierungsmitgliedern ums Leben kam. Sie wirkt sehr gelassen, als sie von dieser Zeit erzählt. Man kann nur vermuten, was die Familie in dieser Zeit durchstehen musste. Mit 14 Jahren flüchtete sie schließlich mit ihrer Familie nach Deutschland.

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Neuanfang in Deutschland

Den wichtigsten Rat, als Sheela Waziri nach Deutschland kam, bekam sie von ihrem großen Bruder: „Wir sind neu hier, wir müssen uns anpassen“. Ein Rat, den sie zunächst nicht verstand. Als Diplomatentochter lernte sie früh Englisch zu sprechen und wollte dies auch nutzen. „Nein, wir müssen hier Deutsch reden“, mahnte der Bruder und begann mit ihr vor dem Spiegel die Aussprache der Umlaute ä, ü und ö zu üben. Wie wichtig das war, zeigte sich sehr schnell nach der Ankunft in München. In den Behörden galt damals: Amtssprache ist Deutsch. So erinnert sie sich sehr genau an ihre ersten Behördengänge mit der Familie, bei denen sie als Flüchtlinge registriert wurden. Schon damals sehr kommunikativ sprach sie einen Beamten direkt auf Englisch an. Dieser gab ihr allerdings in einem sehr rauen Ton zu verstehen: „No Englisch, only Deutsch“. Ein Erlebnis, das Spuren hinterlassen hat. Ab diesem Zeitpunkt begann sie eifrig Deutsch zu lernen. Wer zu ihr kommt und Rat sucht, wird mit offenen Armen empfangen. Wenn nötig, auch mehrsprachig. Höflichkeit und Respekt spielen für sie eine große Rolle im Berufsalltag. Sie hilft immer gerne, wo sie kann. Hier können sich viele eine Scheibe abschneiden. Getreu ihres Mottos „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“.

Ein Ehrgeiz, den man in ihren Augen bis heute deutlich erkennt. In München angekommen besuchte sie zunächst die Realschule. Immer noch stark durch die Knochenkrankheit beeinträchtigt, musste sie auf eine behindertengerechte Schule. Wichtig war, dass im Notfall schnell ein Arzt verfügbar war. Die mittlere Reife schaffte sie mit Bravour. Bildung war schon immer ein wichtiges Gut in ihrer Familie. Nach der Schulzeit begann sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, die sie ebenfalls sehr erfolgreich abschloss. Im Erwachsenenalter begann sie nun auch, ihrer gesundheitlichen Einschränkung entgegenzuwirken. Ein Leben im Rollstuhl oder auf Krücken kam für sie nicht in Frage. Sie wollte im wahrsten Sinne des Wortes auf eigenen Beinen stehen. Das ist ihr letztlich auch gelungen. Heute kann sie sich ohne Gehilfen fortbewegen. An dieser Stelle erzählt sie nur sehr kurz von den damals notwendigen Operationen und Reha-Maßnahmen. Man kann auch hier nur ansatzweise erahnen, was sie durchmachen musste. Aber genau das charakterisiert Sheela Waziri. Nicht jammern, sondern weitermachen und das Ziel vor Augen. Der Wille macht stark.

Heimat München

Nach der Ausbildung wechselte sie zur Stadt München, in das Referat für Bildung und Sport. Dort kümmerte sie sich in der Zentrale um die Finanz- und Anlagenbuchhaltung. Seit 2004 ist sie Schulsekretärin im Luisengymnasium. Die Schülerinnen und Schüler haben es ihr besonders angetan. Wenn sie von ihnen erzählt, leuchten ihre Augen. Während unseres Gesprächs klingelt es an der Tür. Ein Junge meldet sich über den Fernsprecher, er sei zu spät zum Musikunterricht. Waziri antwortet mit warmer Stimme „Komm rein, mein Junge. Draußen ist es kalt“. So eine Antwort wünscht man sich in dieser Situation. Für sie ist es jedoch eine absolute Selbstverständlichkeit. Im Anschluss erzählt sie lächelnd ein paar Anekdoten aus dem Schulleben. Man könnte ihr stundenlang dabei zuhören. Für die Schülerinnen und Schüler des Luisengymnasiums ist sie eine wichtige Bezugsperson und Ratgeberin in allen Lebenslagen. So kommt es nicht selten vor, dass sie auch auf der Straße von ehemaligen Schülern oder Eltern angesprochen wird, auf eine liebevolle Art à la „Kennen Sie mich noch?“. Auf die Frage was die kreativste Ausrede war, die sie bisher von einem Schüler zu hören bekommen hat, lacht sie nur. Das sei noch nie vorgekommen: „Die sind alle brav.“ Einen großen Anteil hat sie dabei natürlich auch selbst, was sie aber nie zugeben würde. Trotz ihrer bewegten Lebensgeschichte ist sie immer eines geblieben: bescheiden. Über die Jahre hat sich Waziris Familie über die ganze Welt verteilt.

Auch hier gäbe es viele spannende Geschichten zu erzählen. So wurde ein Bruder ein sehr erfolgreicher Arzt in der Krebsforschung. Auch davon erzählt sie sehr gerne. Familie ist ihr sehr wichtig. Möglichkeiten umzuziehen gab es also viele. Sheela Waziri hat sich jedoch entschieden, in München zu bleiben. Ihre Heimat, in der sie aufgewachsen ist. Hier fühlt sie sich zuhause und angekommen. Vor wenigen Jahren ließ sie sich von ihrem Mann scheiden. Auch davon erzählt sie ruhig und gelassen und spart sich die Details. So etwas gelingt nur jemanden, der völlig mit sich und seiner Welt im Reinen ist. Das Leben geht weiter. Ihr Lieblingsort ist Schwabing, dort gibt es ihrer Meinung nach die schönsten Cafés und Lokale der Stadt. Generell ist sie ein sehr aktiver Mensch. So engagiert sie sich an den Wochenenden ehrenamtlich auch in der Flüchtlingshilfe. Deutschland habe ihr nach der Flucht aus Afghanistan Geborgenheit gegeben, deshalb möchte auch sie ihren Landsleuten helfen, sich hier zurechtzufinden. Unter anderem unterrichtet sie Deutsch oder betreut ein Welcome Café in den Kammerspielen. Einmal pro Jahr fliegt sie in den Urlaub nach Amerika, um ihre Familie zu besuchen. Nach Feierabend geht sie regelmäßig ins Theater oder besucht andere kulturelle Veranstaltungen. Vor kurzem war sie auch in einer Radiosendung zu Gast und beantwortete Fragen zum Thema Flucht. Man findet selten Menschen, die eine solche Energie ausstrahlen wie Sheela Waziri. Und ihre Krankheit lässt sie sich sowieso nicht anmerken. Es motiviert sie eher. An dieser Stelle fällt mir ein Zitat von Mahatma Gandhi ein, der einmal sagte: „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamen Willen“.

Ein Vorbild für uns alle


Von Sheela Waziri geht eine schier unendliche Lebensfreude aus. Trotz vieler Rückschläge in ihrem Leben, wie die Flucht aus Afghanistan oder die angeborene Knochenkrankheit, hat sie ihren Optimismus nie verloren. Noch vor ein paar Jahren konnte sie sich nur im Rollstuhl bzw. mit Gehhilfen fortbewegen, nun schafft sie es ohne. Auch wenn es manchmal wehtut, ist es ihr Wille, der sie vorantreibt. Auf die Frage, ob es irgendetwas in ihrem Leben gibt, das sie zornig macht, fällt ihr nichts ein. Auch bei der Frage nach Träumen, die sie sich noch verwirklichen will, bleibt sie bodenständig und wünscht sich vor allem Gesundheit. Ich habe selten Menschen in meinem Leben getroffen, die eine so positive und motivierende Persönlichkeit haben. Für mich ist Sheela Waziri vor allem eines: ein Vorbild.

Autor: Andreas Sigl