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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Der Carabiniere vom Hauptbahnhof


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Vito Fontana

Kreisverwaltungsreferat, Kommunaler Außendienst (KAD)

Als ich zu meinem Termin mit Vito Fontana aufbreche, habe ich ein mulmiges Gefühl. Viele kennen sicherlich die innere Reaktion, die der Anblick eines Ordnungshüters oft auslöst: Ein völlig unbegründetes aber spontanes Gefühl des schlechten Gewissens. Ähnlich geht es mir nun. Denn Vito arbeitet bei der Verkehrsüberwachung. Zwar habe ich kein Auto und habe noch nie in München falsch geparkt, aber als Radfahrerin, die täglich den Marienplatz – natürlich vorbildlich schiebend – überquert, sind mir Vito und seine Kolleginnen und Kollegen natürlich bekannt. Und es stellt sich heraus, dass Vito tatsächlich bei der mobilen Einsatzgruppe (MEG) arbeitet: Wir Radfahrerinnen und Radfahrer sind also seine wichtigste Zielgruppe. Das kann spannend werden!

Als wir uns dann in seiner Dienststelle kennenlernen, ist das Eis schnell gebrochen, und wir erzählen uns gegenseitig unsere Highlights, die wir beim Zusammentreffen mit der jeweils anderen Seite erlebt haben. Und da hat Vito einiges zu berichten: Schließlich hat er im November 2017 sein zehnjähriges Dienstjubiläum bei der Landeshauptstadt München gefeiert.Mit dem Eintritt in den öffentlichen Dienst hat sich für ihn ein lang gehegter Wunsch erfüllt. Zwar hatte Vito in seinem Heimatland Italien zunächst in Catania ein Jurastudium begonnen, er bemerkte aber bald, dass das nicht „sein Ding“ war und brach das Studium ab. Stattdessen machte er sich daran, sein neues Ziel zu verwirklichen: Polizist werden.

Waschechter Sizilianer

Nun kommt Vito nicht nur aus Italien, er ist auch ein waschechter Sizilianer aus Avola. Viele werden diesen Ortsnamen wegen seines guten Weines schon mal gehört haben, des „Nero d'Avola“. Übersetzt bedeutet das, der „Schwarze aus Avola“, weil die Rebsorte dieses Weines besonders dunkle, fast schwarze Trauben trägt. Mittlerweile, so klärt mich Vito auf, kommen aber viele Nero d'Avola-Weine nicht mehr direkt aus Avola, sondern gar aus dem Friaul oder Venetien, aus Norditalien also. Natürlich sei das überhaupt nicht mit den Weinen aus seiner Heimat Sizilien zu vergleichen, denn nur dort gäbe es diese spezielle Sonne, diesen speziellen Boden...Aber zurück zu Vito und seinem Wunsch, Polizist in Italien zu werden. Wer in Italien im öffentlichen Dienst arbeiten möchte, muss einen der landesweit veranstalteten „concorsi“ bestehen. Dies sind aufwendige Bewerbungsverfahren der öffentlichen Verwaltung, die oft Jahre dauern. Trotz der monatelangen Vorbereitungszeit ist der Andrang riesengroß, und es ist schon eine Auszeichnung, überhaupt zur Teilnahme eingeladen zu werden. Vito hat mehrere „concorsi“ absolviert und bestanden, aber aufgrund der Fülle der Bewerbungen kam er nie zum Zuge. „Besonders frustriert hat mich, dass auch solche Kandidaten durchkamen, die zuvor leere Blätter abgegeben hatten oder denen von den Lehrern geholfen wurde.“ Zwar sollen die „concorsi“ gerade Vetternwirtschaft und eine intransparente Stellenvergabe verhindern, aber Vito hat erfahren müssen, dass einige Personen Wege, beziehungsweise das richtige Vitamin B, gefunden haben, diese Hürde zu umschiffen. Ihn hat das auch deshalb wütend gemacht, weil er überzeugt ist, dass es diesen Menschen nur um den „posto fisso“ – also den unkündbaren Arbeitsplatz – gegangen ist. Er dagegen habe aus Leidenschaft für den Job als Polizist an diesen Ausschreibungen teilgenommen. Über das Phänomen des „posto fisso“ wurde 2016 übrigens auch ein Film gedreht („Der Vollposten“ oder Originaltitel „Quo vado?“), der laut Wikipedia der finanziell erfolgreichste italienische Film aller Zeiten ist und vom Leben eines italienischen Provinz-Beamten erzählt.

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In jeder freien Minute Deutsch gelernt

Als Vito dann mit Mitte zwanzig erneut zu einem „concorso“ in Mailand eingeladen wurde, schwor er sich, falls er auch dieses Mal keine Anstellung bekommen würde, seinem Heimatland den Rücken zu kehren. Und tatsächlich ging er wieder leer aus. „Ich wollte dann mein berufliches Glück in einem anderen – gerechteren – Land suchen.“ Die Wahl fiel auf Deutschland, und dies hatte auch ganz persönliche Gründe. Denn in Deutschland hatte Vito bereits als Fünfjähriger mit seinen Eltern kurz gelebt, und zwar in Wiesbaden. „Es war eine schöne Zeit, und ich habe auch ein Jahr lang eine deutsche Schule besucht. Aber von der Sprache sind mir nur die Zahlen eins bis zehn, das typische 'nix verstehen' und der Satz 'Ein Ticket für Kinder, bitte' in Erinnerung geblieben. Das musste ich immer sagen, wenn ich in den Bus gestiegen bin.“

Mit diesen Sprachkenntnissen im Gepäck machte er sich dann mit einem Freund auf den Weg nach Wunstorf. Von Wunstorf ging es ins benachbarte Hannover, wo die beiden rund ein Jahr in einem italienischen Restaurant arbeiteten. Während dieses Jahres hat Vito unter größten Anstrengungen seine Deutschkenntnisse verbessert. Im Restaurant selbst wurde hauptsächlich Italienisch oder aber Deutsch mit extremen Akzent gesprochen, keine große Hilfe also. „Ich fand das sehr merkwürdig. Viele von meinen Kollegen lebten schon seit Jahrzehnten in Deutschland und sprachen immer noch nur brüchig Deutsch. So wollte ich nicht sein.“

Er war von Anfang an überzeugt, dass man die Sprache des Landes, in dem man lebt, bestmöglich beherrschen sollte, um die noch fremde Mentalität besser zu verstehen. Deshalb hat er in jeder freien Minute Deutsch gelernt und sich, auch wenn er nachts erst nach Mitternacht von der Arbeit nach Hause kam, noch hingesetzt und mithilfe von Sprachkassetten, Büchern und deutschem Fernsehprogramm Deutsch gelernt. „Ganz besonders wichtig war mir aber von Anfang an, schnell diesen typischen Italien-Akzent abzulegen, der in vielen italienischen Restaurants so kultiviert wird, damit die deutschen Gäste sich wie in Italien fühlen.“ Er hat sich deutsche Freunde gesucht, mit denen er Deutsch reden konnte und die ihm dabei halfen, sich immer besser im neuen Land zu integrieren. Hilfreich war, dass er – seine Frau bestätigt ihm das regelmäßig – einen deutschen Hang zur Ordnung hat. Er liebt Geregeltes, Gesetze, und nennt ein Beispiel: Ihm ist schnell aufgefallen, dass es in Deutschland eher unüblich ist, Dinge einfach auf den Boden zu schmeißen, während das in Italien zur Tagesordnung gehört. Ist er in Italien und sieht, wie die Leute ihren Müll auf die Straße werfen, regt er sich jedes Mal auf, und seine Frau meint, er sei in dieser Hinsicht schlimmer als jeder Deutsche.

Dabei ist seine Frau in Deutschland aufgewachsen, kommt aber aus einer italienischen Familie. Die beiden haben zwei Kinder: Tochter Naomy ist 14 und Sohn Cesco drei Jahre alt. „Zusammen mit der Malteser-Hündin sind die Frauen in meiner Familie in der Mehrzahl, und obwohl ich mir extra eine App herunter geladen habe, mit der ich den Fernseher bedienen kann, habe ich gegen 'meine Mädels' kaum eine Chance“, lacht er. Aber fürs Fernsehgucken bleibt ihm sowieso kaum Zeit. Seine Wochenenden wechselt er ab zwischen Familienzeit (an solchen Wochenenden wird dann zufällig meist auch die Formel 1 übertragen) und Zeit für seine extravaganten Hobbys: Motorrad fahren (er ist Mitglied eines weltweit organisierten Motorradclubs für Polizisten und Carabinieri), Fallschirmspringen und Krav Maga, wobei letzteres ein für militärische Sondereinheiten entwickeltes Selbstverteidigungssystem ist.

Noch mehr Qualifikationen im Sicherheitsbereich

Aber zurück nach Hannover. Dort sehnte er sich trotz seiner Liebe zu Deutschland nach mehr Nähe zu Italien. „Da fiel mir ein Cousin ein, der in München wohnte.“ Nur kurze Zeit später, 1998, zog er zu diesem nach München. Nach verschiedenen Jobs in unterschiedlichsten Bereichen näherte er sich wieder seinem eigentlichen Interessengebiet, den Regeln und Gesetzen: Er arbeitete als S-Bahn-Kontrolleur und im Sicherheitsdienst. Nebenbei qualifizierte er sich in diesem Bereich weiter und schloss beispielsweise die Waffensachkundeprüfung und die Sachkundeprüfung gemäß §34a der Gewerbeordnung erfolgreich ab. Die Sachkundeprüfung ist vorgeschrieben für besonders konfliktträchtige und sensible Bewachungstätigkeiten. Sie ist die Basis, um in speziellen Bereichen der Sicherheit – zum Beispiel Geld- und Werttransport, Personenschutz oder den bewaffneten Objektschutz – arbeiten zu können. „Mit dieser Qualifikation hätte ich auch meine eigene Sicherheitsfirma gründen können, und ich habe darüber ernsthaft nachgedacht. Aber in dem Gewerbe herrscht ein ungeheurer Konkurrenzdruck. Das war mir letztendlich zu riskant“, erzählt er.

Stattdessen sprach er eines Tages einfach eine Mitarbeiterin der Verkehrsüberwachung an und erkundigte sich bei ihr, wie und wo er sich für diesen Job bewerben könne. Und wie der Zufall es wollte: „Sie sagte mir, dass just zu dem Zeitpunkt eine Stelle ausgeschrieben worden sei, auf die ich mich bewerben könne.“ Das tat er und bekam den Job im November 2007. Seitdem arbeitet Vito bei der Landeshauptstadt München bei der Kommunalen Verkehrsüberwachung (KVÜ). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KVÜ kontrollieren, dass Verkehrsteilnehmer die Regeln der Straßenverkehrsordnung im ruhenden Verkehr einhalten, überwachen auch den fließenden Verkehr und geben die Parkausweise für die Stadtgebiete aus. „Ich bin sehr froh, einen Arbeitsplatz bei einem so sozialen Arbeitgeber wie der Landeshauptstadt München gefunden zu haben. Mir gefällt meine Tätigkeit sehr, und besonders schätze ich die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“

Mitte 2017 wechselte Vito innerhalb der KVÜ zur neu gegründeten Mobilen Einsatzgruppe (MEG). Diese wurde extra für die Kontrolle des fließenden Verkehrs in Fußgängerzonen und auf Gehwegen gegründet. Eine spezialisierte Einsatzgruppe wurde nötig, weil immer mehr Münchnerinnen und Münchner auf das Rad umsteigen und somit auch die Regelverstöße zunehmen. „Wir achten beispielsweise darauf, ob jede und jeder, die oder der mit dem Auto durch eine solche Zone fährt, auch die entsprechende Genehmigung besitzt. Und natürlich passen wir auf, dass die Radfahrer die für Fußgänger ausgewiesenen Flächen respektieren und vom Rad absteigen“, erklärt er.

Und da gibt es viel zu tun, denn es gibt viele, die die Regeln nicht beachten. Gefühlt hat Vito sicher schon jede Ausrede gehört, die einem im Falle des Erwischtwerdens einfallen könnte. „Ganz vorne in der Hitliste steht der drängende Notfall, der es nötig macht, durch die Fußgängerzone zu radeln, oder die Frage: 'Wo steht das denn? Ich habe gar kein Schild gesehen.'“ Oder das Navi sei Schuld. Einige fänden auf Knopfdruck ihre Tränendrüse, wenn sie hören, dass sie zehn Euro für diese Ordnungswidrigkeit zahlen müssen. „Dabei ist das doch kein Vermögen und oft reicht es, einfach ein oder zwei Kaffee weniger zu trinken. Oder eben rechtzeitig abzusteigen“, wundert er sich. Ein ihm mittlerweile bekanntes Muster ist auch der Stimmungslagenwechsel von anfangs überrascht-belustigt, über ernst-bestürzt bis hin zu aggressiv-wütend. „Die Kunst dabei ist es, auch beim hundertsten Verkehrssünder, der sich bereits in der aggressiv-wütenden Phase befindet, weiterhin korrekt und professionell zu bleiben.“

Am liebsten sind ihm diejenigen, die die Situation sportlich und mit einer Prise Humor nehmen. Er kann ja schließlich nichts dafür, dass die anderen sich nicht an die geltenden Regeln gehalten haben, sondern achtet im Sinne der allgemeinen Sicherheit darauf, dass Verstöße geahndet werden. Allerdings hat er beobachtet, dass oft gerade die, die eben noch von einem dringenden Notfall sprachen, sehr viel Zeit darauf verwenden, mit ihm oder seinen Kolleginnen und Kollegen über die Sinnhaftigkeit der Strafe zu diskutieren.

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Neue Aufgabe beim Kommunalen Außendienst

Vitos Erfahrung ist auch, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen der Verkehrsüberwachung oft weniger respektiert werden als die Polizei. „Bei denen steht Polizei auf der Uniform, bei uns nur Verkehrsüberwachung, Landeshauptstadt München und das Münchner Kindl. Das flößt weniger Respekt ein“, bedauert er. Bei Vito kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Trotz seiner nahezu perfekten Deutschkenntnisse kann man doch einen leichten Akzent heraushören. „Viele der 'Erwischten' sind dann sehr misstrauisch und bezweifeln, ob ich denn wirklich für die Verkehrsüberwachung arbeite.“ Er hat beobachtet, dass dies bei seinen deutschen Kollegen deutlich seltener der Fall ist. Wie in allen anderen Fällen, so ist auch hier Vitos wichtigste Waffe sein Humor: „Ich sage dann manchmal: 'Nein, es ist Fasching' und zeige dann aber meinen Dienstausweis, oder 'Ja, es ist wirklich wahr, der Italiener muss jetzt hier in Deutschland abkassieren'“.

Inzwischen hat Vito eine neue Aufgabe beim Kommunalen Außendienst (KAD) übernommen, den die Stadt München seit Juli 2018 als neuen Ordungsdienst einsetzt. „Ich bin darüber sehr glücklich“, freut sich Vito. „Ich habe mich sofort beim KAD beworben, als die Stellen für diesen neu geschaffenen Bereich ausgeschrieben wurden. Nach den vielen Jahren in der KVÜ reizte es mich, etwas Neues auszuprobieren, und gleichzeitig weiter in meinem Spezialgebiet arbeiten zu können. Außerdem bieten sich mir jetzt bessere Aufstiegschancen“, erklärt er.

In anderen Städten nennt man den KAD auch „Stadtpolizei“. Die Hauptaufgabe liegt in der Ermittlung, Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten. Der KAD ist im Bereich rund um den Hauptbahnhof bis zum Sendlinger-Tor-Platz Tag und Nacht unterwegs. Zum Einsatzgebiet gehören auch der Alte Botanische Garten, die Feiermeile auf der Sonnenstraße, der Nußbaumpark und das südliche Bahnhofsviertel. „Wir unterstützen die Polizei bei ihrer Arbeit und können besonders bei Problemen mit Drogenabhängigen und alkoholisierten Leuten schnell einschreiten und auch Bußgelder verhängen“, erklärt Vito. „Meine Kenntnisse im Krav Maga sind also in diesem Fall von Vorteil“, schmunzelt er. „Im Laufe der Zeit werden wir mit Sicherheit auch in der Fußgängerzone eingesetzt, um die schwierige Bettlersituation besser in den Griff zu bekommen.“ Im Moment nimmt er an verschiedenen Seminaren teil, die ihn auf die vielfältigen Aufgaben vorbereiten und wird dann die Bayerische Verwaltungsschule besuchen. Nach erfolgreichem Abschluss der Prüfungen des Angestelltenlehrgangs I kann er dann seinen neuen Job voll ausüben.

Autorin: Gesine Beste