zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Die Stärke von zwei Kulturen


  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Eric Baisi vor seinem Kanalinspektionsfahrzeug

Eric Baisi

Münchner Stadtentwässerung (MSE)

Wo arbeitet ein Kanalinspekteur? Klar, im Abwasserkanal... Leider falsch: Das Treffen mit Eric Baisi findet nicht tief unter der Erde statt, sondern in einer Parkbucht am Rand der Blumenauer Straße im Münchner Westen. Vor einem typischen Gullydeckel parkt ein orangfarbener, blinkender Fünf-Tonner-Kastenwagen. Von außen sieht das sogenannte Kanalinspektionsfahrzeug wie ein klassisches Handwerker-Fahrzeug aus. Hinten in der Ladeklappe sind alle möglichen technischen Geräte, Werkzeuge, Absperrmittel, Wassertank, Umlenkrollen und das wichtigste: eine automatisierte Kanalinspektionskamera, mit Kabeltrommel und Datenübertragungskabel, die über eine Seilwinde in die Kanäle heruntergelassen wird. Wenn man genauer hinsieht, gibt es aber noch eine Tür ins Innere des Kleinlasters. Dort sitzt Eric Baisi vor einem Computerarbeitsplatz mit mehreren Bildschirmen. Der 43-Jährige und sein Kollege kontrollieren darauf die Videolivebilder, die sie mit der Kanalkamera aufnehmen, protokollieren den Ist-Zustand des Kanals in Tabellen, verfolgen Grundrisse und Auffälligkeiten im Kanal und einiges mehr.

Bei genauerem Nachfragen erklärt Baisi engagiert und mit spürbarem Stolz die Details und Hintergründe seines Jobs. Man merkt, dass er seine Arbeit sehr ernst nimmt und Freude daran hat. Aber gibt es denn gar keine Nachteile bei seinem Beruf? „Naja, klar im Winter ist es schon eher ungemütlich. Und natürlich hat man eben immer irgendwie mit Abwasser zu tun. Aber Sie sehen ja selbst: das ist nicht wirklich eklig oder stinkt unglaublich, so wie es sich die Leute vorstellen. Ganz ehrlich: Im Allgäu hat es damals, mit dem Odel und dem Mist, viel schlimmer gerochen ...“

Berge, Wiesen und Kühe – und eine Familie aus Tansania

Allgäu? Besser, wir fangen die Geschichte ganz von vorne an: Eric Baisi wurde am Independence Day, 4. Juli 1975 geboren. Aber nicht in den USA, sondern in Tansania, Ost-Afrika. Er lebte dort mit seinen Eltern und vier weiteren Geschwistern in Bukoba, am Victoriasee, dem zweitgrößten Süßwassersee der Welt. Seine Familie war etwas privilegierter als durchschnittliche Ost-Afrikaner. „Mein Vater und die Familie waren sehr angesehen bei uns“, sagt Baisi. „Immerhin war er in den 50er-Jahren einer der ersten, der nach der Kolonialzeit auf die Schule, bis hin zum Gymnasium durfte“. Und Baisis Vater hatte so gute Zeugnisse, dass er sogar vom afrikanisch-sozialistischen

Staat Tansania zum Studieren ins Ausland geschickt wurde. In Griechenland studierte er dann BWL in Verbindung mit Tourismus. Die Idee seines Heimatlandes war natürlich nicht uneigennützig: Man wollte die besten Tansanier in Europa lernen lassen, und dann ihr Wissen - zurückgeholt ins heimische Afrika – zum Neuaufbau des Entwicklungslandes nutzen.

Nach den Studium in Griechenland erweiterte der Vater in Belgien sein Wissen in Richtung Bankenwesen. 1982 führte ihn sein Auslandsaufenthalt schließlich nach Deutschland. Er empfand das Land als sehr angenehm. So angenehm, dass er 1984 seine Familie, einschließlich Eric, nachholte. Nach einem Jahr in München wurde dem Vater ein Job als Banker im Allgäu angeboten. Und so zogen Eric und seine Familie ins schöne, provinzielle Wangen. Frage: Wenn man sich das so bildlich vorstellt, mit den Bergen, Wiesen und Kühen – und dann die dunkelhäutige siebenköpfige Familie im bäuerlichen Umfeld!? Eric Baisi winkt ab: „Klar waren wir Exoten. Aber das war alles easy. Wir waren voll integriert, da gab es überhaupt keine Probleme. Keiner machte da Unterschiede.“ Beispielsweise war Eric voll dabei im Leichtaltethikverein. Und er war gut. Als Oberallgäuer Meister im Sprinten durfte er sich sogar einmal die Gold-Medaille von der Sportfunktionärs-Legende Gerhard Mayer-Vorfelder umhängen lassen. Kurz gesagt: Laut Baisi gab es im dörflichen Allgäu keinen Rassismus. Erklären kann er sich das nur so: Er und seine Familie waren eben auch die einzigen Schwarzen im Ort, in der ganzen Gegend. Und sie waren voll integriert, lernten bereitwillig die deutsche Sprache. Da gab es noch keine Angst vor der heute oft zitierten „Überfremdung“.

Wie bereits angedeutet, wollte Tansania um die 90er-Jahre herum wieder seine „Auslandsschäfchen“ zurückhaben. Und so ereilte auch Erics Vater der Ruf zurück in die afrikanische Heimat. Für den Vater war es durchaus ehrenhaft, jetzt Tansania wieder mit aufbauen zu können bzw. wollen. Und so war die Entscheidung für Vater, Mutter und die kleineren Geschwister schnell gefallen. Aber Eric war damals 15 Jahre alt, machte gerade die Realschule, hatte viele Freunde, spielte Fußball, war im Sportverein … Die Baisis hatten sich damals die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. „Doch für mich und dann auch für meinen Vater war klar: Mein zwei Jahre älterer Bruder und ich können auch in Deutschland bleiben“, erzählt Baisi. Die Entscheidung viel zudem leichter, weil die Familie schon seit jeher auch im kirchlichen Umfeld Freunde, Bekannte – ja Halt hatten. Und so nahm ein befreundetes Lehrerehepaar aus München die beiden Jungs bei sich in einem Haus in Solln auf – zusammen mit den beiden eigenen Söhnen.

 

  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Baisi holt die Kanalkamera aus dem Einsatzwagen

Wo sind deine Wurzeln?

Als Eric Baisi mit 17 seine Schullaufbahn beendete stand er wieder vor einer Entscheidung: Welcher Beruf würde zu ihm passen? Was soll er lernen? Doch diesmal waren die Worte und die Meinung seines Vaters klar und bewusst gewählt: „Überleg dir gut was du machst, entscheide nicht vorschnell. Wo sind deine Wurzeln?“ Ja, Eric hatte – wie er zugibt – sogar seine Sprache verlernt. So entschied man gemeinsam, dass er für eine gewisse Zeit zurück in die tansanische Heimat kommen solle. Er fuhr lange Zeit im Land herum, lernte wieder Swahili bzw. Kisuaheli (die Bantusprache und die am weitesten verbreitete Amtssprache Ostafrikas). Eric genoss diese Zeit sehr. Doch nur rumreisen? So entschied er sich, ein Jahr bei einem deutschen Entwicklungsdienst mitzuarbeiten. Rückblickend sagt er dennoch: „Irgendwie war es seltsam: Ich habe mich eigentlich nicht als Einheimischer gefühlt. Eher wie ein Tourist oder eben Ausländer.“

Also ging er zurück nach Deutschland – eine Lehre machen. Schon in Tansania hatte Eric bei Auto-Werkstätten geholfen, sich mit dem Metier befasst und Gefallen daran gefunden. Die Entscheidung zu einer KFZ-Mechaniker-Ausbildung war für ihn somit logische Konsequenz. Bei der Suche nach einer Lehrstelle wurde er nach eigenen Worten das erste Mal so richtig mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Im Münchner Umland musste er sich Dinge anhören wie „Ich will nicht, dass ein Neger an meinem Auto rumschraubt“. Obwohl die Lehrherren glaubhaft beteuerten, er würde super (probe-) arbeiten und sie hätten nichts gegen ihn und seine Hautfarbe – beugte man sich einfach der Ablehnung der Kundschaft. Und so war er froh, nach diesen negativen Erfahrungen, bei dem viel weltoffenerem SAAB-Händler und seiner Kundschaft im Münchner Norden ein wohlwollendes Umfeld zu finden.

Zu dieser Zeit lernte Eric Baisi auch seine Frau kennen. Er verliebte sich in seine Nachbarin, die im gleichen Wohnhaus in der Nähe vom Goetheplatz wohnte. Das verrückte an der Geschichte: Er hatte die junge Österreicherin bereits bei dem Entwicklungshilfe-Jahr in Tansania kennengelernt. Mehr nicht. Und dann, Jahre später wohnt sie, Anna, zufällig im gleichen Haus. „Unglaublich“, sagt er mit einem breiten Grinsen.

Wie ging es ihm und seiner Frau in München? Bekam das gemischte Pärchen schräge Kommentare zu hören? „Es waren eher die Blicke. Das gab‘s immer wieder. Aber konkrete Anfeindungen und Fremdenhass waren sehr selten. Immer wenn man mich reden, antworten hörte, waren die Vorurteile plötzlich weg.“ Eric Baisi glaubt, dass Sprache und das Sich-Einbringen enorm wichtig seien. Nach längerem Nachdenken fügt er jedoch hinzu, dass er ganz deutlich in den 90er-Jahren merkte, wie die Stimmung etwas schlechter wurde. Der Zusammenbruch der DDR, Flüchtlinge, viele Dunkelhäutige. Es war auch die Zeit von Techno und Drogen, der berüchtigten Ghana/Nigera-Connection. Da wurde er in der Tat auch schon fünf Mal an einem Tag von der Polizei im Auto gefilzt.

Bei seiner Frau bewundert Eric immer, wie sie mit teils verletzenden Kommentaren, wie „Negerschlampe“, umgeht und befremdliche Blicke einiger Mitmenschen an sich abprallen lässt. „Ich glaube, dass man mit sich im Reinen sein muss und einen eindeutigen Standpunkt beziehen sollte, um mit diesen Anfeindungen zurechtzukommen“, sagt er mit seinem typisch selbstbewussten Blick.

Vom KFZ-Mechaniker zum Kanalinspektor

In den Jahren 2006 bis 2008 ging es der Autobranche auf einmal schlecht. Viele Firmen reduzierten das Personal, ja, sein Autohaus, mittlerweile ein VOLVO-Händler, musste sogar Insolvenz anmelden. Das war für den damals 33-Jährigen ein harter Schnitt. Baisi musste umsatteln. Er bewarb sich als Mechaniker bei Siemens, Kraus-Maffei und anderen großen Unternehmen. Letztendlich hat es dann 2009 bei der Stadt, der Münchner Stadtentwässerung (MSE) geklappt. Die Stellenausschreibung eines Kanalinspektors in der SZ sprach ihn an. Er hatte das geforderte technische Verständnis, eine abgeschlossene Lehre und freute sich (nach der KFZ-Krise) auf einen sicheren Arbeitsplatz. „Mir hat der Job des Kanalinspektors vom ersten Tag an gefallen“, sagt Baisi beim Gespräch während der Brotzeitpause im Kanalinspektionsfahrzeug. „Ich mache hier eine komplexe Arbeit, die nie langweilig wird. Man braucht zum Überprüfen und Dokumentieren der Abwasserkanäle logisches Denken, technischen Verstand und Know-how.“ Nach knapp zwei Stunden Arbeits- und Interviewzeit ist der erste Inspektionsort abgeschlossen. Es geht ein paar hundert Meter weiter, zum nächsten Kanal.

  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Eric Beisi bittet spontan eine interessierte Rentnerin mit aufs Bild

Kommunikativ und frei von Berührungsängsten

Als wir aussteigen, kommt eine alte Frau mit Hund und sieht, dass wir Fotos von Eric Baisi und dem Fahrzeug machen. Die Frau schaut interessiert und lacht erfreut, als er sie samt Hündchen lebhaft einlädt, doch mit „aufs Foto“ zu kommen. Baisi ist einfach sehr kommunikativ und hat keinerlei Berührungsängste.

Apropos: Wie geht es seinem 14-jährigen Sohn und seiner 16-jährigen Tochter in München, im Alltag. „Mei die beiden sind eben Mischlingskinder“, sagt Baisi mit seinem leicht bayerischem Akzent. Und damit meint er diese positive Kraft: „Die sind was anderes. Wenn es Probleme gab, habe ich ihnen immer wieder gesagt: Ihr habt die Stärke von zwei Kulturen, der von Afrika und der von Europa!“

Alle zwei Jahre fliegt die deutsch-österreichische Familie Baisi dann auch nach Tansania, um die afrikanische Verwandtschaft zu besuchen und den Kindern die Wurzeln zu zeigen. Im Wechsel geht es dann auch in die Steiermark, der Heimat seiner Frau Anna.

Was ist eigentlich aus seinen vier Geschwistern geworden? „Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Ich habe fünf Kinder in der Hand‘ (Eric Baisi verschließt mit einem starken, selbstbewussten Gesichtsausdruck die fünf Finger der rechten Hand zu einer Faust, dann öffnet er groß gestikulierend wieder die Faust) – aber ich lass sie auch wieder los‘“. Jetzt sind die Geschwister weit verstreut auf der Welt: der jüngste Bruder ist in Chicago, USA; die ältere Schwester in Passau, die jüngere in Tansania, sein älterer Bruder ist letztes Jahr bei einem Autounfall gestorben. Nach der tansanischen Tradition sei er jetzt auch „der Vater“ der drei Kinder seines Bruders, die durch seinen Tod Halbwaisen geworden sind. „Ich bin verantwortlich für sie. Sie stecken mitten in der Schulausbildung, was auch finanziell belastend ist.“ Der sonst so muntere Eric wird kurz etwas nachdenklich und sagt mit einem irgendwie traurigen aber gleichzeitig auch zufriedenen Blick: „Wissen Sie: Ich glaube selbst meine Geschwister im Ausland fühlen sich immer noch wie echte Tansanier. Nur ich nicht. Ich bin einfach am längsten weg von Zuhause. Aber für mich ist Heimat hier, bei meiner kleinen Familie.“

Autor und Fotos: Jürgen Liebherr