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Es musste München sein


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Ruy Alberto Hernandez

Direktorium, Bezirksausschussangelegenheiten, Geschäftsstelle Ost

„In meiner Heimatstadt herrscht eine bunte Mischung an Nationalitäten“, erzählt Ruy Alberto Hernandez. „Durch die vielen Einwanderer aus aller Welt ist São Paulo sehr multikulturell.“ So gesehen ist der 30-jährige Brasilianer, dessen Wahlheimat nun seit vier Jahren München ist und dessen Arbeitgeber die Stadt München, ein ganz typisches Kind der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Mit 21 Millionen Einwohnern im Großraum ist São Paulo im Südosten Brasiliens eine der größten Metropolen der Erde, mit portugiesischen, italienischen und deutschen, libanesischen und japanischen Einflüssen. Die Familie seines Vaters stamme aus Spanien, die seiner Mutter aus Italien, berichtet Hernandez. Er selbst besitzt die brasilianische und die italienische Staatsangehörigkeit.

Ruy Alberto Hernandez wurde also schon in ein internationales Umfeld hineingeboren. Vielleicht liegt es auch daran, dass er immer schon neugierig war auf andere Länder und Kulturen und dass es ihn schon früh hinauszog in die Welt. Aber weder die alte Heimat der Eltern, Italien oder Spanien, noch Deutschland waren zunächst sein Ziel. Mit 16 Jahren ging der Teenager erst einmal für ein Jahr als Austauschschüler auf ein Internat in Großbritannien. „Allein, ohne Eltern, in einem fremden Land – das war eine magische Zeit“, erinnert sich Hernandez. „Ich war richtig glücklich.“ Nicht etwa, dass er verrückte Sachen angestellt habe als Teenager, weit weg vom Elternhaus, beeilt sich der Jurist zu versichern, der im schicken Business-Anzug zum Gespräch gekommen ist. Aber es gab eben auch nicht den Erwartungsdruck des Elternhauses. Als Sohn eines Arztes und Professors lastete dieser Druck zuhause schwer auf ihm. „Im Ausland konnte ich einfach ich selbst sein.“

Als er nach dem Austauschjahr zurückkehrt ins heimische São Paulo beginnt Ruy Alberto Hernandez gleich deutsch zu lernen, konsequent ein bis zwei Stunden pro Woche und das sechs Jahre lang. Denn er wollte gerne in Deutschland studieren. Doch nach dem Abitur begann er zunächst ein Jurastudium in São Paulo. Die Freude war groß, als er später zusammen mit neun weiteren Studentinnen und Studenten aus São Paulo ein Stipendium für ein Austauschjahr an der Ludwig-Maximilians-Universität München erhielt. „Eine Stadt mit einer solchen Lebensqualität hatte ich bis dahin nicht kennengelernt“, schwärmt er von seinem deutschen Studienort. Vor allem die Sicherheit und das kulturelle Angebot schätzt er bis heute.

Etwas für die Gesellschaft tun

„Ich gehe gerne in Museen“; erzählt Hernandez. In München hat er die große Auswahl. Besonders das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst begeistert ihn. Denn die ägyptische Kultur hat den Brasilianer von Kindheit an fasziniert, seit eine Lehrerin im Unterricht von den Ausgrabungen an den Pyramiden erzählt hat. Sein Interesse ist sogar so groß, dass er lernte, Hieroglyphen zu lesen. Auch in seiner Abschlussarbeit für das Jura-Studium beschäftigte er sich mit Ägypten – mit den Themen Menschenrechtsschutz und Glaubensfreiheit. In dem Land zu leben, kann Hernandez sich aber nicht vorstellen. Es fehlt ihm dort an Sicherheit und Rechtssicherheit. Als Ziel kommt das Land für ihn nur im Urlaub in Frage. Da sei er überwältigt gewesen, als er das erste Mal vor einer Pyramide stand, erinnert er sich.

Wo er leben möchte, nachdem er sein Jura-Studium in Brasilien abgeschlossen und sein Anwaltsexamen gemacht hat, ist für Hernandez ganz klar: In München. „Ich wollte nicht einfach nach Europa oder nach Deutschland, es musste München sein“, betont er. Sein Studienjahr hier hatte das München-Fieber in ihm geweckt. Und auch die Stadt als Arbeitgeber suchte er sich ganz bewusst aus. „Ich wollte etwas für die Gesellschaft tun“, sagt er, „und gleichzeitig eine Tätigkeit mit einer vernünftigen Work-Life-Balance.“ Hernandez bewirbt sich und wird genommen. Zunächst arbeitete er im Referat für Bildung und Sport als Sachbearbeiter im Amt für Ausbildungsförderung. Er traf dort auf nette Kollegen, schätzte die tolle Teamarbeit.

Mittlerweile hat Hernandez die Stelle gewechselt. Im Direktorium arbeitet er nun in der Abteilung für Bezirksausschussangelegenheiten und kümmert sich dort um die Anliegen des Bezirksausschusses 17 Obergiesing – Fasangarten. „Das heißt, ich bin gewissermaßen das Bindeglied zwischen den Bürgervertretern vor Ort und der Verwaltung“, erklärt er. Zu seinen Aufgaben gehört es unter anderem, die Anfragen des Gremiums an die Verwaltung zu bearbeiten und bei den Sitzungen des Bezirksausschusses Protokoll zu führen. „Da alles immer richtig zu verstehen, in einer fremden Sprache, das ist schon eine Herausforderung“, erzählt Hernandez. Bei so einer Sitzung wird ja gerne auch mal heftiger diskutiert und durcheinander geredet. „Aber es ist auch sehr interessant“, findet er.

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Schwierige Zeiten im Winter

Und er hat das große Glück, ganz in der Nähe seiner Arbeitsstätte, die im Technischen Rathaus an der Friedenstraße liegt, eine Wohnung gefunden zu haben. „Ich kann jeden Tag zu Fuß zur Arbeit gehen“, freut sich Hernandez. Münchner Lebensqualität. Außerdem gehört zu seiner Erdgeschosswohnung auch noch eine kleine Terrasse. „Ein Traum“ für den Brasilianer. So hat er sein kleines Stück Natur direkt vor der Nase. Denn was für ihn einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Deutschland und seiner Heimat Brasilien ist, das ist der Wechsel der Jahreszeiten. „In São Paulo gibt es das ja nicht, da liegen die Temperaturen regelmäßig um die 20 Grad.“ Dass es hierzulande anders ist, sieht der junge Mann mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der Winter sei schon hart, gibt er zu. Das sei für ihn eine schwierige Zeit. Mindestens einmal im Jahr fliegt Hernandez deshalb auch nach Hause, wo es immer sommerlich warm ist. Andererseits lebe man hier aber doch viel mehr im Rhythmus der Natur, auch beim Essen. Jedes Obst und Gemüse hat hier seine Saison, in Brasilien sind Ananas, Mangos, Papayas ständig verfügbar. Der Hobbykoch mag es, den Wechsel der Jahreszeiten auch auf den Teller zu bringen. Er kocht gern für Freunde: „Das ist wohl meine italienische Ader“, vermutet er. Die mediterrane Küche liegt ihm auch mehr als die stark auf Fleisch ausgerichtete brasilianische. Seine Freunde, das sind hauptsächlich Deutsche.

Aber, dass er auch mehr von der brasilianischen Lebensart geprägt ist, als er früher selbst dachte, das ist Hernandez erst in München richtig bewusst geworden. „Zuhause in Brasilien ist man ja immer mit anderen Menschen zusammen, alle sind offen und freundlich, es herrscht Lebensfreunde pur“, erzählt er. „Ich galt da eher als schüchtern.“ Hierzulande, wo es oft ernster zugehe, sehe das keiner so. Hier fühlt er sich eher als der Genussmensch. So ist München für ihn inzwischen zur Wahlheimat geworden, die ihn mit offenen Armen empfangen habe. Er betont, wie dankbar er dafür sei. Und fügt nachdenklich hinzu: „Ich hoffe, dass diese offene Atmosphäre erhalten bleibt.“

 

Autorin: Gabi Vögele