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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Grünes Licht für ein gutes Miteinander


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Mustafa Erciyas arbeitet daran, dass der Münchner Verkehr reibungslos fließt

Mustafa Erciyas

Kreisverwaltungsreferat,
Verkehrssteuerung

„Achtung Fahrradweg“, warnt mich Mustafa Erciyas, als ich versuche, die Implerstraße kurz vor der Einmündung in die Lindwurmstraße zu überqueren. Ich bin mit ihm auf dem Weg in ein Café, um ihn dort ungestört zu interviewen. Mustafa Erciyas ist Verkehrsingenieur im KVR, Sachgebiet Planung und ÖPNV-Beschleunigung. Der Verkehrsraum München mit seinen 1.100 Ampeln ist ihm sehr vertraut. Er kennt die Staufallen und weiß genau, wo Fußgänger, Autos und Radler zu wenig Platz haben.

Zuvor hatte ich ihn in seinem Büro in der Implerstraße 9 abgeholt. Auf dem Schreibtisch lagen die Pläne seiner aktuellen Projekte. Auf seinem Bildschirm öffnete sich gerade ein Programm, das zeigt, wie lange an der Ecke Ehrwalder- und Garmischer Straße die Radfahrer, Fußgänger und Autos jeweils grün haben.

Ein gutes Miteinander im Verkehr ist Mustafa Erciyas genauso wichtig wie ein friedliches Zusammenleben in München. „Heimat ist da, wo es mir nicht egal ist, was um mich herum passiert“. Dieses Zitat der Bundestagsabgeordneten Margarete Bause verwendet der in der Türkei geborene Ingenieur sehr gern, um zu zeigen, wie wichtig ihm München als seine Heimatstadt geworden ist, in der er seit 2009 lebt. Er bezeichnet München wegen der Nähe zur Natur und zu den Bergen als „Sahnehäubchen unter den deutschen Städten“.

Klingt nach perfekter Integration? Nicht ganz, denn etwas Wichtiges fehlt ihm noch: „Ich darf zwar Münchens Ampeln planen, aber den Oberbürgermeister darf ich nicht wählen.“ Wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann wäre es das kommunale Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger. „Wenn ich nicht über die Volksvertreter meiner Heimatstadt mitbestimmen kann, gehöre ich doch auch nicht wirklich dazu“, meint er. Man sieht ihm an, dass ihn das wirklich betrübt. Natürlich könnte er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, aber als Nicht-EU-Bürger müsste er dann die türkische abgeben. Das sei für ihn jedoch keine Option, weil seine türkischen Wurzeln ein wichtiger Teil seiner Identität darstellten. Und, weil ihm auch hier die Ungleichbehandlung von EU-Bürgern und Nicht-EU-Bürgern ärgere.

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Der Münchner Verkehrsraum ist Mustafa Erciyas' tägliches Spielfeld

Politisch aktiv im Migrationsbeirat

Umso wichtiger ist ihm sein Engagement als Mitglied des Migrationsbeirats, in dem er sich als Vertreter aller Migrantinnen und Migranten und nicht nur einer Gruppe sieht. „Das ist für mich ja die einzige Möglichkeit, mich in München politisch zu engagieren“, erklärt er.

 Die Migrationsgeschichte von Mustafa Erciyas beginnt an einem historischen Datum, am 11. September 2001. Er erhielt sein Visum, als in New York die Türme des World Trade Centers einstürzten. „Nine-Eleven hat die Gesellschaft und den Umgang mit Migrantinnen und Migranten drastisch verändert“, stellt er fest. Das Visum brauchte er, um nach dem Bachelor of Science an der TU Istanbul den Masterabschluss in Deutschland machen zu können.

„Deutschland gilt in der Türkei als Vorbild für die Ingenieurskunst.“ Er nennt den Namen Bruno Taut. Der Architekt und innovative Stadtplaner wurde 1936 Professor für Architektur an der Akademie der Künste in Istanbul. Die Nationalsozialisten hatten ihm seine Professur an der Akademie der Künste in Berlin entzogen, weil sie ihn für einen „Kulturbolschewisten“ hielten, und das einfach nur, weil er kurz in Moskau gelebt hatte und progressive Ideen vertrat. In der Türkei plante Taut den Bau der Universität Ankara und mehrerer Schulen. Als einziger Ausländer und Nicht-Muslim ist Taut auf dem Ehrenfriedhof des türkischen Staates in Edirnekapı, Istanbul, bestattet.

Der Geist von Bruno Taut führte Mustafa Erciyas 2001 nach Deutschland, an die TU Darmstadt. Ein Jahr lang paukte er dort Deutsch, um zum Studium für Master of Science in Bauingenieurwesen zugelassen zu werden. Damals begann er auch, Bücher auf Deutsch zu lesen, unter anderem von Heinrich Böll und Kafkas „Prozess“, denn er wollte die Kultur, in der er nun lebte, besser verstehen. Von Anfang an engagierte er sich in Deutschland auch für den Austausch von Kulturen, organisierte Kulturwochen, besuchte am Muttertag deutsche Altenheime und vernetzte ein Stück Heimat mit den Menschen vor Ort. Für sein soziales und interkulturelles Engagement ist er 2004 mit dem DAAD-Preis (Deutscher Akademischer Austauschdienst) geehrt worden.

Wir wollen einfach nur dazugehören

Nach dem Studium zog es ihn in die bayerische Landeshauptstadt, die er von seinen Ferienjobs bei Infineon kannte. Der Berufseinstieg klappte sofort und er startete seine berufliche Karriere in Neuhausen bei einem Ingenieurbüro für Verkehrsplanung. Dort arbeitete er eng mit der Auftraggeberin Landeshauptstadt München zusammen. 2016 wechselte er dann ganz zur Stadt, um eine neue Perspektive kennenzulernen. In der Verkehrssteuerung im Kreisverwaltungsreferat kann er nun gestalten und muss nicht mehr nur Aufträge ausführen. Aufenthaltsrechtlich hat er eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, mit der fast alles möglich ist. Nur wählen darf er eben nicht, und er kann auch nicht Beamter werden.

München ist für ihn keine Touristenattraktion, sondern eine Stadt zum Leben. Er schätzt die Stadt München als Arbeitgeberin, die ihm die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtere. Aktuell arbeitet er in Teilzeit, die er bis 2020 beantragt hat, um Zeit für seinen einjährigen Sohn Tarık Kerem zu haben, dem er wünscht: „Später soll er ganz selbstverständlich in Frieden und in einer toleranten Umgebung leben.“

Seit der Debatte um die Bücher von Thilo Sarazzin sei dies nicht mehr ganz so selbstverständlich, wie es einmal war, weil sich das Klima verändert habe. Er beschreibt, wie seltsam fremd ihm manchmal seine Heimat München erscheint. Seine Frau Nesrin, Doktorandin der Philosophie, liebt klassische Musik. In Konzerten zieht sie viele Blicke auf sich, weil sie als gläubige Muslima ein Kopftuch trägt. „Warum?“, fragt er. „Sind wir unerwünscht? Wir möchten einfach nur normal dazugehören und nicht erklären müssen, woher wir kommen oder warum meine Frau ein Kopftuch trägt.“ Das Kopftuch gehöre einfach zu ihrer Identität und ihrem Glauben, sagt er.

Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Plakat des Sozialreferats mit dem Satz „Herzlich willkommen“, und das in vielen verschiedenen Sprachen. An seinem Arbeitsplatz in der Implerstraße ist er auch wirklich sehr willkommen, als Mensch und als gesuchte Fachkraft. An türkischen Feiertagen bringt er gerne Kuchen mit ins Büro. 

Seine Expertise als gut ausgebildeter Verkehrsingenieur wird dringend benötigt, denn durch den enormen Zuzug in die Stadt wird eine gute Verkehrssteuerung immer wichtiger. Erciyas gestaltet und plant Ampelschaltungen und Radwege an wichtigen Münchner Kreuzungen und sorgt so dafür, dass der Verkehr fließen kann.

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Freie Fahrt für Radlerinnen und Radler – auch da hat er seine Finger im Spiel

Nachbarn und Freunde sind herzlich eingeladen

Auch in seiner Freizeit beschäftigt ihn das optimale Miteinander von Fußgänger-, Rad- und Autoverkehr. An der Universität der Bundeswehr in Neubiberg promoviert er gerade zum Thema „Umweltfreundliche Verkehrsteuerung - Grüne Welle für Radfahrer“. Er testet in Feldversuchen, ob an staugeplagten Straßen die Grüne Welle für Radfahrer eine gute Alternative zum Auto wäre.

Den Satz „Herzlich willkommen“ hat er sich auch persönlich zu eigen gemacht. So spiegelt dieser auch die gute Beziehung zu seiner Nachbarschaft wieder. Erciyas erzählt, dass er nach dem Umzug in seine neue Wohnung nicht - wie in der Türkei üblich – gewartet habe, bis die Nachbarn kommen und Essen mitbringen. Er ist zu den Nachbarn gegangen, hat geklingelt und sich vorgestellt. Zum Opferfest oder Fastenbrechen sind seine Nachbarn und Freunde immer herzlich bei ihm eingeladen. Denn, er ist sich bewusst, dass für ein gutes Miteinander einfach jede und jeder etwas beitragen muss.

Mustafa Erciyas hofft, dass sich der Wunsch, ganz dazu zu gehören, in Zukunft noch erfüllen wird. Er glaubt, dass zumindest seine Enkelkinder einmal echte Münchner sein werden, weil dann wahrscheinlich beide Eltern hier geboren sind. Dennoch ist es ihm wichtig, dass sein Sohn, auch wenn er qua Geburt ein echtes Münchner Kindl ist, seine türkischen Wurzeln nicht verliert. Daher soll er zweisprachig erzogen werden. Zunächst wird er nur Türkisch lernen, weil Mustafa und Nesrin nur in ihrer Muttersprache miteinander sprechen. Sobald er in den Kindergarten kommt, wird er dann auch Deutsch lernen. „Zweisprachig aufzuwachsen ist das größte Geschenk, das Eltern ihrem Kind machen können,“ glaubt Mustafa Erciyas.

Am Ende unseres Gesprächs erzählt der Verkehrsingenieur noch, dass er ein halbes Jahr länger arbeiten muss als seine deutschen Kolleginnen und Kollegen. Das hat allerdings nichts mit einer Benachteiligung als ausländische Arbeitskraft zu tun. Die Ursache dafür liegt weit zurück. „Weil ich offiziell ein halbes Jahr jünger bin“ erzählt er. Er sei auf dem Land, in einem Dorf in der Nähe von Ankara, geboren. Die Hebamme, die ihm auf die Welt geholfen hat, durfte jedoch keine Geburtsurkunde ausstellen. Sein Vater meldete ihn erst sechs Monate nach der Geburt offiziell an. „Seitdem bin ich offiziell ein halbes Jahr jünger als ich wirklich bin.“ Das sagt er mit einem Lächeln. Man kann das ja auch positiv sehen.

Autorin: Monika Niedermayer
Fotos: Sonja Dursch