zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Hauptsache, die Chemie stimmt


Portrait von Nelson Rajendran  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Nelson Rajendran

Referat für Bildung und Sport: Lehrer an der städtischen Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule für Sozialwesen

Ein Chemie-Saal in der städtischen Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule für Sozialwesen: Chemie-Lehrer Nelson Rajendran wirft einen Pfannkuchen aus einer Pfanne in die Luft und fängt ihn unter großem Beifall wieder auf. Diese Showeinlage wäre zwar nicht nötig gewesen, um die Fakten rüberzubringen, aber die Klasse ist begeistert. „Alles, was wir beim Kochen machen, ist Biochemie, denn wir arbeiten immer mit Proteinen, Fetten und Kohlehydraten“, erklärt er. Während des Experiments hatte er bereits die Verkleisterung der Stärke erklärt und die Maillard-Reaktion vorgestellt, die dafür verantwortlich ist, dass Proteine und Zucker bei hohen Temperaturen eine aromatische braune Kruste bilden. Der 43-Jährige versteht es, naturwissenschaftliche Zusammenhänge interessant und unterhaltsam zu vermitteln und ist daher bei Schülerinnen und Schülern sehr beliebt.

Rajendran unterrichtet aber nicht nur an dieser Schule. Als anerkannter Experte in „kulinarischer Chemie“ bildet er in ganz Deutschland andere Lehrerinnen und Lehrer darin fort. „Experimente zum Aufessen“ so lautet der Titel seiner geplanten Doktorarbeit, die er nur noch zu Papier bringen muss, wenn er mal die Zeit dazu findet. Kochen ist auch privat seine Leidenschaft, um so mehr, da er genau nachvollziehen kann, welche chemischen Reaktionen während des Kochprozesses ablaufen. Schon als Teenager versuchte er sich an den ersten Spezialitäten aus seiner pfälzischen Heimat. Dazu gehörten auch Lewwerknepp (Leberknödel), die er bis heute in München noch gerne seinen Gästen vorsetzt.

Aufwachsen in zwei Kulturen

Nelson Rajendran ist in Ludwigshafen in der Pfalz geboren und in Speyer am Rhein aufgewachsen. Auch nach zehn Jahren in München verrät seine Sprache die Pfälzer Herkunft. Seine Eltern, beide katholische Christen, waren vor Nelsons Geburt aus Südindien nach Deutschland eingewandert, seine Mutter schon als ganz junge Frau. Katholische Missionare hatten sie Anfang der 1960er Jahre angeworben, denn es herrschte Personalmangel in deutschen Krankenhäusern und man bot ihr eine Ausbildung und eine Stelle als Krankenschwester an.

Wie viele Kinder von zugewanderten Eltern lebten Nelson und sein Zwillingsbruder Wilson in zwei Kulturen. In der Schule wurden ihnen deutsche Kultur und Werte wie Toleranz, Freiheit und Offenheit vermittelt, zuhause bestimmten Konventionen und Regeln aus der Heimat der Eltern das Leben. Dazu war die Stimmung im Hause Rajendran meist getrübt, denn die Eltern Margaret und Amir verstanden sich nicht. „Es war diese unselige Verheiraterei, die aus meinen Eltern zwei unglückliche Menschen gemacht hat“, sagt er. Seine Mutter war schon acht Jahre in Deutschland, als sie in Indien mit dem acht Jahre jüngeren Amir, der als Diplom-Physiker und Uni-Dozent in Indien bereits ein gewisses Ansehen genoss, verheiratet wurde. Margaret galt trotz ihres Alters von 31 Jahren als gute Partie, vor allem weil sie ihrer Schwiegerfamilie eine Tür nach Deutschland öffnen konnte. Doch Amirs indischer Studienabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt und er musste schließlich als Schichtarbeiter bei der BASF arbeiten. Und dann war er mit einer Frau verheiratet, die er nicht liebte.

Es macht Nelson wütend, dass diese Tradition der Zwangsheirat in Indien bis heute die Schicksale der jungen Menschen bestimmt. Erst kürzlich traf es wieder eine seiner Cousinen: „Die Inder sagen: Erst wird geheiratet und die Liebe kommt dann schon. Aber bei meinen Eltern war es immer nur ein Geschäftsmodell.“ Scheidung sei für seine Eltern nie infrage gekommen, da die Familie selbst im fernen Deutschland immer unter der Beobachtung des streng katholischen indischen Familienclans stand. Als die Zwillingsbrüder dann das heiratsfähige Alter erreichten, sollten auch sie möglichst schnell in die Ehe gebracht werden. In Indien hielt man schon Ausschau nach geeigneten Kandidatinnen.

Das Indische war völlig abgehakt

Zu diesem Zeitpunkt war den Zwillingsbrüdern aber bereits klar, dass für sie nur die „deutsche Art des Heiratens“ in Frage käme. „Ich habe mich damals zu 100 Prozent als deutsch identifiziert“, erinnert sich Nelson und so nahm er mit 23 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft an. „Das Indische war für mich damals völlig abgehakt.“ Reisen nach Indien waren daher für ihn in dieser Lebensphase viele Jahre kein Thema, schon weil er Geschichten von Heiratsverweigerern gehört hatte, die mit K.-o.-Tropfen betäubt und als verheiratete Männer wieder aufgewacht waren.

Nelson studierte in Mainz Biologie, Chemie und Katholische Theologie, letzteres, weil er herausfinden wollte, wo genau seine Mutter mit ihrem konservativen Katholizismus auf dem Holzweg war. Bis heute sei er aber trotzdem ein gläubiger Mensch. Als Wissenschaftler neige er jedoch dazu, alles auf einen Kern zu reduzieren und dieser sei letztlich bei allen Religionen der gleiche: „Gott ist für mich die Liebe.“ Auch die zwischenmenschliche Liebe ist für ihn ein wichtiges Thema, und auf jeden Fall alles andere als ein Geschäft. Nelson ist heute zum zweiten Mal verheiratet und hat zwei Kinder, eines aus jeder Ehe. Die Scheidung von seiner ersten Ehefrau hat er zügig umgesetzt: „Wir wollten das schnell, sauber und fair machen, nicht so einen lebenslangen Unsinn, wie ihn meine Eltern veranstaltet haben.“

Die Trennung von seiner ersten Frau war dennoch eine Zeit der Neuorientierung für Rajendran. Er spürte, er musste sich als Deutscher mit indischen Wurzeln neu definieren: „Ich kann so Deutsch tun, wie ich will, sogar besser Deutsch sprechen und schreiben als der Durchschnitt, aber ich bin trotzdem natürlich immer irgendwo ein Ausländer. Man muss mich ja nur ansehen.“ Er spürte damals so etwas wie ein Loch in seiner Seele und stellte fest, dass er seinen indischen Anteil nicht länger verleugnen durfte. So machte er sich drei Wochen allein auf eine Rundreise durch Südindien. „Ein Selbstfindungstrip“, wie er seine Reise nennt. Viele Kindheitserinnerungen tauchten wieder auf, von den vielen Heimatbesuchen, die er als Kind mit seinen Eltern gemacht hatte. Die Verwandtschaft besuchte er erst ganz am Ende, denn er wollte Indien mit eigenen Augen sehen lernen. „Es gab ganz viele Dinge, bei denen ich merkte, aha, da gehöre ich nach Indien: Die Liebe zum schwül-heißen Klima, das Kopfwackeln, das katastrophale indische Englisch, richtiger Chai mit Kardamom und Jaggery (unraffinierter Zucker) und die tiefe alltägliche Spiritualität in Verbindung mit der Musik.“ Er hat sich vieles angesehen, nahm die rote Lehmerde mit neuen Augen wahr und genoss den Geruch der Holzfeuer aus den Küchen. In einem Tagebuch hielt er alles fest. Von nun an gehörte Indien wieder zu seinem Leben.

Nelson Rajendran (Referat für Bildung und Sport) im Chemie- Unterricht  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Die Wurzeln neu entdecken

Zurück in Deutschland ging er mit noch mehr Freude zum Bollywood-Dance. Dieser schweißtreibende Modetanz aus indischen Kinofilmen ist eine Mischung aus klassischem indischen Tanz, Hip Hop und Jazz Tanz. Zu Beginn hatte er gleich festgestellt, dass sein Körper die meisten dieser Rhythmen schon kannte, und zwar aus seiner Kindheit. Die indischen Tanzfilme aus den Bollywood-Studios liefen in seinem Elternhaus rauf und runter, denn sie vermittelten seinen Eltern ein wenig indisches Lebensgefühl im fremden Deutschland. „Ich mochte die Filme mit ihren rührseligen Handlungen eigentlich nicht, aber die Musik hat mir immer schon gefallen.“

Gleichzeitig wurden auch Nelsons Kochkünste ein wenig indischer. So nahm er in sein Repertoire ein paar indische Gerichte auf, allerdings kocht er bis heute lieber Schweinsbraten und Wiener Schnitzel. Baji (Linsenkrapfen) und Chicken Curry, so heißen seine indischen Lieblingsgerichte, die schon seine Mutter immer zubereitet hat. Die Zutaten kauft er in einem indischen Lebensmittelgeschäft, wo man ähnlich wie im Asialaden, den Reis in Säcken kaufen kann, und natürlich jede Menge original indische Gewürze. Aber egal, ob Indisch, Bayerisch oder Pfälzisch, wenn Nelson Rajendran kocht, gibt es nichts aus der Dose, es muss alles selbst gemacht werden, „bis hin zur Preiselbeerbirne zum Hirsch oder den selbstgemachten Spätzle“, deren Zubereitung er von seiner zweiten Frau gelernt hat, einer Schwäbin aus Ravensburg.

Nach München kam er aus beruflichen Gründen. Als Lehrer für Biologie, Chemie und Katholische Religion hatte er zunächst in Bad Bergzabern an der französischen Grenze in einer Gesamtschule unterrichtet. „Dann kam der Rappel, mal etwas anderes machen zu wollen, recht früh“, gesteht er. Am liebsten wäre er in den Auslandsdienst gegangen, nach Spanien oder Südamerika, doch dann nahm er ein Angebot der Europäischen Schule in München an. Das war vor elf Jahren. Als das Engagement turnusgemäß nach neun Jahren auslief, sah er sich nach etwas Neuem um. Das Ausland kam jetzt nicht mehr in Frage, denn seine zweite Frau war als Klarinettistin im Münchner Rundfunkorchester an München gebunden.

Eine Schule, die für Toleranz und Offenheit steht

Seit September 2014 ist er nun in städtischen Diensten. „Ich bin der einzige Dunkelhäutige unter den Lehrern, aber es gibt noch einige mit Migrationshintergrund“, sagt er. Die Schule bilde München sehr gut ab, denn sie stehe für Toleranz und Offenheit, wie auch ihr Namensgeber Rainer Werner Fassbinder. Dieser habe immer den Finger in die Wunde gelegt und die Menschen mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. „Das finde ich genau richtig, das ist genau mein Ding“, sagt Rajendran mit Nachdruck. „Es steht zwar nicht im Lehrplan, aber mir ist es wichtig, mit meinen Schülerinnen und Schülern über den Namensgeber zu sprechen, denn die meisten haben noch nie etwas von ihm gehört.“

Rajendran ist sehr gerne Lehrer. Ursprünglich wusste er nicht, ob er Mediziner, Genforscher oder Lehrer werden sollte. Er wollte auf jeden Fall etwas mit Biochemie zu tun haben. Nachdem er aber in der zwölften Klasse bei einer Exkursion zur BASF den Alltag eines Genforschers kennengelernt hatte, war dieses Thema vom Tisch. Der Umgang mit jungen Menschen gab schließlich den Ausschlag für seine Entscheidung, Lehrer zu werden. „Das bereue ich bei all dem Stress und den verlorenen Nerven bis heute nicht.“ Es mache ihm einfach Freude, viele verschiedene Individuen mit ihren Träumen und Plänen ein bisschen begleiten zu dürfen und vielleicht ab und zu auch Infos, Erinnerungen oder Einstellungen für deren weiteres Leben anzubieten. „All das würde mir bei einem trockenen Forscheralltag sehr fehlen.“

Autorin: Heike Pöhlmann