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Ich fühle mich als Deutscher


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Julien Chauve

Duales Studium Bachelor of Laws

In Sneakers, Jeans und mit dem obligatorischen Fünf-Tage-Bart verkörpert Julien Chauve den Mann von heute. Ein Hipster, wie er sich in zahlreichen Szene-Lokalen der Stadt zeigt. Jemand mit dem junge Frauen und coole Jungs gerne gesehen werden. So zumindest der erste Eindruck. Der Blick hinter die Fassade zeigt etwas völlig anderes. Peinlich, wie klischeehaft und oberflächlich rein optische Beurteilungen ausfallen können. Nur nach ein paar Minuten ist klar, dass der 23-Jährige nichts von Oberflächlichkeiten hält. Er geht Dingen gerne auf den Grund. Da passte es vielleicht ganz gut, dass er im Rahmen eines seiner Praktika bei der Münchner Stadtentwässerung beschäftigt war. Dort arbeitete er an einem Projekt, das sich mit Personalsicherheit befasst. Heute sitzt er im Europabüro des Referats für Arbeit und Wirtschaft (RAW) und arbeitet bei Themenfeldern mit, die die Stadt München betreffen, zum Beispiel das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP.

Julien Chauve arbeitet und studiert seit 2014 bei der Stadt München. Mit 33 weiteren Frauen und Männern gehört er zum ersten Jahrgang des dualen Studiengangs Bachelor of Laws. Während er montags und dienstags die Schulbank an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) drückt, arbeitet er von Mittwoch bis Freitag in verschiedenen Referaten der Stadt. „Bevor ich zum RAW und zur Stadtentwässerung gekommen bin, war ich schon im Planungsreferat, Sozialreferat und Kulturreferat“, sagt Chauve. Genau das scheint dem Münchner zu gefallen. Bei Julien Chauve macht‘s die Mischung.

Als Sohn eines Franzosen und einer Brasilianerin in Saudi-Arabien geboren, zog er im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern von Riad nach Äthiopien. Nach nur wenigen Monaten ging es dann nach Rio de Janeiro und von da aus drei Jahre später nach Paris. Dort besuchte er die 2. und 3. Klasse der Grundschule, bevor es 2003 nach München ging und er in die 4. Klasse kam.

Ein Schuljahr, das von vielen Münchner Eltern gefürchtet wird, denn es ist die Phase, in der sich entscheidet, wer auf das Gymnasium, die Realschule oder die Mittelschule kommt. „Ich hatte von Anfang an keine Probleme mit der Sprache, denn ich war sehr jung, als ich hierher kam. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich schon zweisprachig aufgewachsen bin“, sagt der Student. Seine Eltern hatten mit der Schule mehr zu kämpfen. Denn auch nach bestandenem Probeunterricht sollte der Junge mit dem Migrationshintergrund auf die Mittelschule geschickt werden, was sie auf gar keinen Fall wollten. Nach vielen Diskussionen durfte er dann letztendlich doch auf die Realschule. Dass dies die richtige Entscheidung war, zeigten die folgenden Jahre. Nach der Mittleren Reife wechselte er auf die Fachoberschule für Sozialwesen in Giesing und schloss diese erfolgreich mit dem Abitur ab.
 

Ein Wegzug aus München kam nicht in Frage

„Ich habe mich danach für das Studium bei der Stadt München entschieden, weil ich fand, dass sich dabei mein Leben in München und eine Ausbildung am besten kombinieren ließen“, erklärt der Student. Ein Wegzug aus der Landeshauptstadt kam für ihn nicht in Frage, weil er hier sein Zuhause gefunden hatte. „In den anderen Städten habe ich immer nur gewohnt, aber hier lebe ich“, sagt der 23-Jährige, der gerne viel Zeit mit seinen Freunden verbringt. Gemeinsam mit diesen geht es am Wochenende zum Feiern in die Clubs an der Sonnenstraße oder ins Glockenbachviertel. Bei schönem Wetter dagegen ist er lieber an der Isar und am Gärtnerplatz. Es müssen aber nicht immer die Hotspots der Münchner Szene sein. „Ich bin jedes Jahr auf der Wies‘n und gehe auch gerne auf die Volksfeste rund um Unterhaching“, erzählt Julien Chauve.

In Unterhaching wohnt seine Familie, die er regelmäßig besucht und sich dabei gerne von den brasilianischen Kochkünsten seiner Mutter verwöhnen lässt. „Ich kann leider niemandem einen Tipp geben, wo es hier in der Umgebung gute Restaurants mit brasilianischer Küche gibt, weil ich immer nur zu Hause esse“, lacht der Münchner. Seine Urlaube verbringt er gerne in Ländern, die eine außergewöhnliche Küstenlandschaft für Wanderungen zu bieten haben, wie beispielsweise Irland. Bergwandern dagegen ist nicht so sein Ding. „Vielleicht liegt das daran, dass ich von meiner Familie früher fast jedes Wochenende in die Berge geschleppt wurde“, sagt Julien Chauve. Jetzt darf er zum Glück selbst bestimmen, wohin es gehen soll.

Von seiner Entscheidung für die Stadt München ist er auch nach zwei Jahren immer noch zu hundert Prozent überzeugt. Denn nicht nur der Aufbau seines Studiengangs gefällt ihm, sondern auch die Möglichkeiten, die die Stadtverwaltung bietet. „Ich finde es sehr gut, dass die Stadt sich dafür stark macht, dass jeder die gleichen Chancen erhält und dies unabhängig von Herkunft und Hautfarbe.“ Mit ihrem Ziel, mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu beschäftigen, gehe die Stadt anderen Arbeitgebern in München mit gutem Beispiel voran. In der Praxis bestehe allerdings teilweise noch Optimierungsbedarf. So könnte das daraus resultierende Potenzial noch viel besser genutzt werden. Denn eines steht für Julien Chauve fest: „Je mehr Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenkommen, desto mehr außergewöhnliche Ideen entstehen.“ Leider würden die Ressourcen noch nicht optimal eingesetzt. Dafür fehle es dem großen Verwaltungsapparat an Flexibilität und teilweise auch an Elan. Dies betreffe allerdings nicht nur das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, sondern auch viele andere, die in Bereichen tätig seien, die nicht ihre Kernkompetenzen ausmachen.

„Ich zum Beispiel, spreche fließend portugiesisch, französisch, englisch und deutsch. Doch leider konnte ich diese Fähigkeiten bisher nur in einer Stelle einbringen. So wie mir geht es dabei aber auch vielen anderen“, erklärt der 23-Jährige, der die brasilianische und französische Staatsbürgerschaft besitzt. Er würde sich freuen, wenn er seine sprachlichen Kenntnisse bald einsetzen könnte.

Insgesamt sei die Stadt München auf einem guten Weg. Er wünsche sich für die Zukunft, dass man von den Kulturen anderer Länder auch mehr in die Arbeitsweise übernimmt. Dafür müssten sich die Beteiligten allerdings darüber bewusst werden, dass es in anderen Ländern häufig ganz anders, aber nicht schlechter funktioniere. So bewundere er beispielsweise die Lässigkeit der Amerikaner oder auch Afrikaner, aber auch die Sorgfalt und Zielstrebigkeit vieler Asiaten. Wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Führungsetagen der Verwaltung zu finden wären, könnten solche kulturellen Eigenheiten besser in die Arbeitsabläufe einfließen.

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Die Verwaltung ist weltoffen

Und was könnten andere Kulturen von uns lernen? „Jede Menge. Von der Stadt München kann jeder lernen, was es heißt, ein sozialer Arbeitgeber zu sein. Außerdem zeigt die Verwaltung mit ihrem Engagement, was Weltoffenheit bedeutet“, sagt Chauve. Genauso weltoffen wie die Stadtverwaltung könnten allerdings nicht nur fremde Kulturen sein, sondern auch viele Münchnerinnen und Münchner. Dass diese häufig lieber unter sich bleiben und nicht unbefangen auf Menschen aus anderen Ländern zugehen, beobachtet Julien Chauve oft nach Feierabend. „Im Vergleich zu anderen Städten finde ich es schon sehr komisch, dass sich die Bevölkerung bei uns nicht stärker mischt, obwohl wir in München einen hohen Ausländeranteil haben“, wundert sich der Student. So sei er beispielsweise in seinem Freundeskreis der Einzige mit einem Migrationshintergrund.

Die fehlende Mischung bestätigt auch die Statistik. Innerhalb der Stadt gibt es bei der Verteilung von Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund und von Ausländern erhebliche Unterschiede. Während beispielsweise im Stadtbezirk Milbertshofen-Am Hart mehr als jeder Zweite einen Migrationshintergrund hat, ist der entsprechende Anteil in dem Stadtteil Allach – Untermenzing und Pasing - Obermenzing mit 26,7 Prozent gerade einmal halb so hoch.
Wer häufig in München unterwegs ist, braucht keine Statistik, um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Grillen die Türken vorwiegend im Westpark und Hirschgarten, treffen sich die Deutschen dafür lieber an der Isar. „Vielleicht kann hier die Stadt versuchen, dass sich das noch etwas besser verteilt, dann würde die Angst vor dem Fremden vielleicht etwas weniger werden“, sagt Julien Chauve. Denn, dass diese bei vielen noch besteht, erlebt er fast täglich.

„Es ist schon komisch, dass sich viele Leute in der U-Bahn erst gar nicht neben einen setzen oder aufstehen, wenn ich mich neben sie setze“, erzählt der Student. So würden viele auch ihre Taschen festhalten, wenn er ihnen zu nahe komme. Außerdem werde er von der Polizei viel häufiger kontrolliert als seine Freunde. Doch das ist kein typisches Münchner Phänomen. „Als wir in Paris gelebt haben, wurden wir sehr rassistisch behandelt und das einfach nur, weil meine Mutter Brasilianerin ist und ich etwas dunkler vom Typ“, sagt der 23-Jährige. In Rio dagegen habe er viele positive Vorurteile erlebt. Dort ist er „der Deutsche“, der immer pünktlich und zuverlässig ist. Hier ist er der Brasilianer, der bestimmt super Samba tanzen und Fußball spielen kann.

Über solche oberflächlichen Urteile kann Julien Chauve meistens lachen, manchmal nerven sie aber auch: „Ich fühle mich als Deutscher. Natürlich kenne ich meinen brasilianischen und französischen
Hintergrund, der zeigt sich aber eher in meinem Musikgeschmack und bei meinen Lieblingsgerichten.“


Autorin: Tanja Wolff