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Immer mit Herzblut dabei


Herr Pinera vor einem leeren Orchester  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Matias Piñera

Münchner Philharmoniker: Solo-Hornist

So sieht ein gelungener Sonntag aus: Eine Matinee mit ansprechendem Programm in der ausverkauften Philharmonie, draußen lacht die Sonne und lädt dazu ein, nach dem Konzert die ersten Frühlingsstrahlen beim Mittagessen im Freien einzufangen. Lang anhaltender Applaus im Gasteig, die Münchner feiern ihr „Orchester der Stadt“. Gespielt wurde unter der Leitung Valery Gergievs die 3. Symphonie von Anton Bruckner, dem „Haus- und Hofheiligen“ der Münchner Philharmoniker. Schon zu Lebzeiten des Komponisten standen seine Werke oft auf dem Programm des Orchesters und spätestens seit der Ära unter Sergiu Celibidache genießen die Münchner Philharmoniker mit ihren Bruckner-Interpretationen Weltruf.

Vorne auf der Bühne sitzt Matias Piñeira am 1. Horn. Seit September 2015 ist er Solo-Hornist der Münchner Philharmoniker und hat somit mit zarten 26 Jahren eine der begehrtesten Stellen im deutschsprachigen Raum erhalten, die man als professioneller Musiker bekommen kann.

„Das Konzert heute war eine Premiere für mich“, erzählt er beiläufig. Noch nie habe er eine der Symphonien Anton Bruckners gespielt – und dann gleich als Solo-Hornist mit diesem renommierten Bruckner-Orchester. Zudem wurden die Konzerte für Radio (BR Klassik) und Fernsehen (Mezzo TV) mitgeschnitten, da sind gute Nerven nicht von Nachteil. „Schon möglich, dass mir da meine südamerikanische Mentalität hilft“, überlegt Matias Piñeira. „Wir nehmen das Leben gerne locker.“

Mit sieben Jahren erhielt er zum ersten Mal Horn-Unterricht von seinem Großvater, einem ehemaligen Seemann und Polizisten. „Er war sehr streng mit mir. Ich musste jeden Tag mindestens eine Stunde üben, das erste Jahr lang sogar nur Trockenübungen auf dem Mundstück.“ Was natürlich für einen Siebenjährigen nur wenig Spaß bedeutete. Dass Matias Piñeira überhaupt Horn lernte, liege an seiner Familie, denn sowohl sein Großvater als auch zwei seiner Onkel spielten Horn.
 

Horn zu spielen ist in Chile sehr unüblich

Fast jeder Chilene spiele ein Instrument, ein paar Akkorde auf der Gitarre zupfen zu können sei dort Ehrensache und gesungen werde immer gerne, erzählt Piñeira. Das jeweilige Instrument aber wirklich gut zu beherrschen, das sei eher die Ausnahme. Horn zu spielen sei in Chile sehr unüblich, erzählt er. Gitarre, ja, immer gerne, oder auch Maultrommel. Aber Horn? Zumal hauptberuflich? „Ich werde, wenn ich in Chile nach meinem Beruf gefragt werde, oft ungläubig angesehen. Dass man überhaupt ein Instrument zum Beruf machen kann, wissen viele in Chile nicht – und Horn ist dort zudem ein eher ungewöhnliches Instrument.“

Als Jugendlicher war er Mitglied in verschiedenen Jugendorchestern und hat viele Meisterkurse besucht, unter anderem bei German Brass. Mit einer Brass-Band tourte er in den Jahren 2000 und 2005 auch durch Deutschland. „Wir haben bei Blasmusikfesten landauf landab gespielt, es war ein großer Spaß.“ Dabei habe er auch die deutsche Blasmusik kennen- und lieben gelernt. Heute noch spiele er gerne traditionelle Blasmusik, unter anderem zusammen mit seinen Horn-Kollegen der Münchner Philharmoniker.

Als 14-Jähriger begann er neben der Schule sein Horn-Studium an der „Pontificia Universidad Católica de Chile“. „Das war oft hart: Schule bis nachmittags und anschließend zur Universität und danach noch üben“. Die Mühen haben sich gelohnt: Mit nur 19 Jahren wurde er Solo-Hornist beim Orquesta Sinfónica de Chile. Seitdem erhielt er auch Unterricht bei Ignacio García, dem Solo-Hornisten der Staatskapelle Berlin, den er bei einem der vielen Meisterkurse kennenlernte und der zu seinem Mentor und Ziehvater wurde. „Jedes Jahr während der Sommerpause flog ich nach Berlin, um Unterricht von Ignacio zu erhalten und lebte dort bei seiner Familie“, erinnert sich Matias Piñeira. Ein weiterer Lehrer, dem er viel zu verdanken habe, sei Eduard Brown vom Tonhalle-Orchester Zürich. 2014 schließlich ging er ganz nach Berlin und wurde Akademist der dortigen Staatskapelle, bevor er im September 2015 die Stelle als Solo-Hornist der Münchner Philharmoniker antrat.

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Mittendrin im Multikulti

Die Integration in Deutschland habe von Anfang an bestens funktioniert. Er habe zwar kaum ein Wort Deutsch gesprochen, ehe er 2014 nach Berlin zog, die Sprache zu lernen sei aber kein Problem gewesen. „Berlin ist so multikulti, wie ein großer Flughafen, ich habe mich da von Anfang an wohlgefühlt.“ Matias Piñeira steckt mittendrin im Multikulti - egal ob Klassik, traditionelle deutsche Blasmusik oder lateinamerikanischer Folk. In Berlin lernte er vier weitere junge Chilenen kennen, mit denen er seitdem als „Los Pitutos“ auftritt. Sie vereinen populäre Boleros, Cumbias und Peruanisch-Chilenische Walzer mit Eigenkompositionen und treten mehrmals pro Monat auf – und haben es mit einem Gastauftritt bei „Blechschaden“ immerhin bis in die Berliner Philharmonie geschafft. „Jeder von uns spielt mehrere Instrumente, dadurch ist unsere Musik sehr abwechslungsreich. Schon möglich, dass das typisch Chilenisch ist: viele Dinge gleichzeitig machen, sich nur ungern auf eines konzentrieren – was man natürlich positiv und negativ sehen kann –, aber immer mit Herzblut dabei sein.“

Die deutsche Kultur habe ihm schon früh gut gefallen, berichtet er. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Deutsche nach Chile aus und pflegten dort ihre Kultur weiter, weshalb die westliche, europäische Kultur in Lateinamerika durchaus zum Alltag gehört. „Ich kam also schon früh damit in Berührung. Vor allem faszinierte es mich, welch hohen Stellenwert die klassische Musik in Europa hat – ganz im Gegensatz zu Chile. Es war daher immer mein Traum, eines Tages in einem europäischen Spitzenorchester zu spielen.“ Ein Traum, der für Matias Piñeira bereits mit 26 Jahren in Erfüllung ging. „Sogar gleich zwei Mal“, lächelt er. „Ich durfte bereits ein Jahr in der Staatskapelle Berlin spielen und habe jetzt eine feste Stelle bei den Münchner Philharmonikern.“

Sich in Deutschland einzugewöhnen, fiel ihm aus mehreren Gründen nicht schwer und das nicht nur, weil ihm die westeuropäische Kultur schon lange vertraut war. Er habe zudem das Glück gehabt, in seinem Lehrer und Mentor Ignacio García auch einen persönlichen Freund und Weggefährten gefunden zu haben. „Seine Familie hat mich mit offenen Armen aufgenommen, wenn ich während der Sommerpause des Orquesta Sinfónica de Chile nach Berlin kam, um Unterricht von ihm zu bekommen.“

Auch das deutsche Klima sei ihm nicht fremd, meint er, es ähnle dem Klima seiner Heimatstadt Santiago de Chile sehr. „Dort ist es auch immer grün, die Temperaturen sind ähnlich und es regnet relativ viel.“ Da Santiago ja auf der Südhalbkugel liege und dadurch die Jahreszeiten kalendarisch um ein halbes Jahr versetzt sind, habe er jahrelang keinen richtigen Sommer mehr gehabt. „Den ersten Sommer, in dem ich dann ganz in Berlin gelebt habe, habe ich richtig genossen!“ Er sei gespannt auf seinen ersten Sommer in München. „Wenn nur die Hälfte von dem, was mir meine Kollegen hier im Orchester vom Münchner Sommer vorschwärmen, stimmt, dann habe ich ja allen Grund, mich auf den Sommer hier zu freuen.“ Chilenen würden von sich behaupten, Weltmeister im Grillen zu sein und jede noch so spontane Gelegenheit zum Grillen werde genutzt. Weltmeister im Grillen? „Ja, ich weiß“, lacht Matias Piñeira. „Die Deutschen bezeichnen sich auch gerne als Grillweltmeister. Ich nehme die Herausforderung an!“


Autorin: Monika Laxgang