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Lederhose statt Narrenkappe


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Mbungu Kivuvu verantwortet vier Wohngruppen mit Kindern und Jugendlichen

Mbungu Kivuvu

Sozialreferat, Stadtjugendamt, Bereichsleiter im Münchner-Kindl-Heim

Mbungu Kivuvu hat in seinem Leben einen weiten Weg zurückgelegt, beruflich, privat und in Kilometern. Lange hat er nach einer Berufung gesucht und nach einem Ort, wo er sich wirklich niederlassen kann, wo ihm eine unbefristete Festanstellung Sicherheit und Heimat garantiert. All das hat er nun in München gefunden. Der 55-Jährige sitzt an seinem Schreibtisch im städtischen Münchner Kindl-Heim und erzählt von seiner Arbeit, von seinem Leben. Er trägt ein knallbuntes afrikanisches Hemd zur Jeans, extra für die Besucherin, wie er beiläufig bemerkt, und mit offensichtlichem Stolz auf seine Wurzeln. Stolz ist er auch auf das, was er im Münchner Kindl-Heim erreicht hat. Er arbeitet als einer von vier Bereichsleitern im vollstationären Bereich und trägt die Verantwortung für vier Wohngruppen mit Kindern, Jugendlichen und jungen Geflüchteten, die als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen sind. Ihm unterstehen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Kids rund um die Uhr betreuen. „Alle Kinder, die zu uns kommen, brauchen unsere Hilfe“, erklärt er.

Als Führungskraft arbeitet der Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter nicht mehr direkt mit den Kindern, aber er hat ein Mal wöchentlich in jeder Gruppe eine Teamsitzung, bei der über die Entwicklung jedes einzelnen Kindes gesprochen wird. „Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt, von dem mir berichtet wird“, sagt er.Dass er einmal ausgerechnet in München landen würde, hätte Mbungu Kivuvu im Traum nicht gedacht. In der Stadt, von der ihm seine kongolesischen Landsleute dringend abgeraten hatten, als es darum ging, in Deutschland zu studieren. Das sei die Stadt in Deutschland, in der Dunkelhäutige wie er ständig ihren Pass zeigen müssten. „Geh bloß nicht nach München!“, hörte er immer wieder. Und so ging er nach Mainz, in die entspannte rheinland-pfälzische Uni-Stadt mit vielen Weinlokalen, der Fastnacht und dem rheinischen Frohsinn. Sie wurde ihm, dem Studenten, dann auch ganz schnell zur zweiten Heimat. Schon, weil in seiner ersten Heimat, in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, das Leben nicht gerade einfach war.

Abitur bei den Jesuiten

Dort wurde er 1963 geboren und wuchs als zweites von zehn Kindern - alles Jungen - in einer akademisch geprägten Familie auf. Der Vater arbeitete zunächst als Journalist. Doch, weil er den Beruf aus politischen Gründen irgendwann nicht mehr ausüben durfte, studierte er Verwaltungswissenschaften und übernahm später einen Leitungsposten in einer Druckerei. Er hatte als Katholik auf einem Gymnasium der Jesuiten eine gute Schulbildung genossen und legte bei seinen Kindern ebenfalls größten Wert auf Bildung. Auch Mbungu machte bei den Jesuiten Abitur und studierte dann in Kinshasa zunächst Architektur. Nach kurzer Zeit brach er das Studium ab. Er versuchte es dann noch mit der technischen Fachhochschule und danach mit einem Pädagogik- sowie einem Wirtschaftsstudium. Aber das war auch alles noch nicht das Richtige für den jungen Mbungu. Damals waren die Zeiten in Kinshasa zudem politisch unsicher. Es gab immer wieder Studentenproteste, und die Regierung, die nur dem Namen nach demokratisch war, schloss eine Uni nach der anderen, je nachdem, wo sich gerade Widerstand formierte. Doch Mbungus Vater bestand darauf, dass sein Sohn ein Studium beendete, auch wenn es fern der Heimat in Europa sein musste. Doch wie sollte eine Familie mit zehn Kindern ein Auslandsstudium finanzieren? Da musste der Vater erst viele Drähte ziehen. Er hatte als Journalist und Druckerei-Chef („alle Maschinen aus Stuttgart“) gute Kontakte nach Deutschland und schließlich fand sich ein Pastor einer evangelischen Gemeinde in Rheinland-Pfalz, der sich bereit erklärte, das Studium mit 800 DM monatlich zu unterstützen.

Mbungu, nun bereits 27 Jahre alt, ging nach Mainz, um Mineralogie zu studieren. Aber bevor das Studium richtig beginnen konnte, vergingen noch einmal Jahre. Denn zunächst musste er für die Aufnahmeprüfung des Studienkollegs Deutsch lernen. Das Studienkolleg müssen alle ausländischen Studenten zur Vorbereitung auf ein Studium in Deutschland absolvieren. Zwei Jahre später bestand er die Aufnahmeprüfung im zweiten Anlauf. Das Studienkolleg selbst wollte er nicht in Mainz oder im angrenzenden Hessen machen, da er inzwischen festgestellt hatte, dass man dort Dialekt - und auf jeden Fall „nicht das richtige Deutsch“ - sprach. Also ging er nach Hannover. Dort, so hatte er gehört, könne er gutes Deutsch lernen. In Hannover lernte er dann tatsächlich Hochdeutsch, aber sonst war sein Aufenthalt nicht so erfreulich. Erstmals begegnete er offener Ablehnung und Diskriminierung. „Als Dunkelhäutiger hatte man es zu dieser Zeit in Hannover nicht leicht“, berichtet er. Es war das Jahr 1992 und Mbungu war inzwischen 29 Jahre alt. Er erzählt, dass er als Schwarzafrikaner mit den Drogendealern in der Innenstadt in einen Topf geworfen wurde. „Ich wurde auf offener Straße beschimpft.“

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Mbungu Kivuvu erzählt von seinem Arbeitsalltag

Einstieg in das Sozialwesen

In dieser Zeit starb in Kinshasa sein Vater mit nur 55 Jahren. Mbungu macht sich bis heute Vorwürfe, dass er damals wegen der bevorstehenden Abschlussprüfungen des Studienkollegs nicht gleich nachhause geflogen ist, als sein Vater ihm am Telefon erzählte, dass es ihm nicht gut gehe. Die Todesursache ist bis heute nicht geklärt. Der Vater hatte die Symptome einer Vergiftung. Mbungu glaubt, dass es ein politisch motivierter Mord gewesen sein könnte, weil sich sein Vater in der Opposition engagiert hatte. Drei Jahre später starb auch noch seine Mutter mit nicht mal 52 Jahren. Der junge Kongolese studierte inzwischen Agrarwirtschaft in Mainz und war gerade mitten in der Zwischenprüfung. Der Tod der Mutter traf ihn so heftig, dass er zwei Jahre nicht mehr studieren konnte. Er entwickelte eine Depression und kapselte sich ab. Dass er schließlich wieder ins Leben zurückfand, hat er einem Studentenpfarrer der evangelischen Kirche in Bingen am Rhein zu verdanken. Der nahm sich seiner an und vermittelte ihm einen Job als Fahrer für Kinder mit Behinderung beim Malteser Hilfsdienst, damit er wieder unter Menschen kam. „Das war eine große Hilfe und mein Einstieg in das Sozialwesen“, sagt er heute. Mbungu hängte sein Studium der Agrarwirtschaft an den Nagel und begann, in Wiesbaden Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Heimerziehung zu studieren.

Mit 37 Jahren hatte er dann seinen Abschluss in der Tasche. Er durfte sich von nun an Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter nennen. Schon während des Studiums hatte er immer wieder pädagogisch gearbeitet. Nicht nur im Rahmen von Pflichtpraktika, sondern auch als Studentenjob, in einer Jugendwohngruppe, als Streetworker, in der Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität und in einem integrativen Sportprogramm. Mbungu erzählt, dass er immer schnell von schwierigen Jugendlichen akzeptiert werde. „Auch bei der gefährlichsten Jugend-Gang in Mainz konnte ich mich durchsetzen. Die habe ich dann alle im Griff gehabt“, sagt er nicht ohne Stolz. Doch trotz seiner Erfolge bekam er nach dem Studium nicht die versprochene Festanstellung beim Jugendamt der Stadt Mainz. Als Grund wurde ihm ein Einstellungsstopp genannt. Man fand dann eine Lösung in Kooperation mit der evangelischen Kirche, so dass er für ein zeitlich befristetes Projekt doch übernommen werden konnte. Zum Glück, denn ohne Job hätte er in sein Heimatland zurückkehren müssen. Er hatte auch inzwischen geheiratet und war Vater einer Tochter geworden. Es galt also, eine Familie zu ernähren. Doch es sollte so ungewiss weitergehen. Das Projekt wurde nicht verlängert und Mbungu ging 2005 nach kurzer Arbeitslosigkeit in das nahegelegene Darmstadt, um in einer Tagesstätte psychisch kranke Menschen zu betreuen. Eine Arbeit, die ihm große Freude machte. Sein Vertrag war auf zwei Jahre befristet, wurde aber anschließend noch mal ein Jahr verlängert. Danach stand er wieder vor dem beruflichen Nichts, gleichzeitig hatten er und seine Frau sich getrennt. Die Tochter war damals fünf Jahre alt.

Vom Arbeitsamt zum Glück gezwungen

Mbungu war von dem langen Hin und Her und den wiederholten Tiefschlägen so entmutigt, dass er nun Deutschland endgültig verlassen wollte. Freunde in Irland hatten ihn eingeladen und ihm angeboten, sich dort ein neues Leben aufzubauen. In dieser Phase kam das Angebot vom Münchner-Kindl-Heim. „Das Arbeitsamt Darmstadt hat mich gezwungen, mich dort zu bewerben“, berichtet er. Die Bewerbung war erst einen Tag weg, da meldete sich schon Christa Schuster, die heutige Leiterin und damalige Stellvertreterin, und lud ihn zu einem Vorstellungsgespräch ein. Da er schon andere Pläne hatte und auf keinen Fall nach München wollte, sagte er erst mal „Nein“. Das dritte Terminangebot nahm er dann aber doch an. „Ich dachte, ich gebe der Sache mal eine Chance.“ Dann fuhr er nach München, wo er sogar einen Freund hatte, einen Landsmann, der bei BMW als Softwareentwickler arbeitete. Dieser ermutigte ihn darin, nach München zu gehen, beteuerte, dass alles nicht so schlimm sei, wie sie es früher gehört hatten. Und als Mbungu die Stelle, endlich sogar eine unbefristete Festanstellung, sofort bekam, überlegte er nicht lange. Denn München war schließlich nicht so weit entfernt wie Irland, wenn es darum ging, seine Tochter zu besuchen, die mit ihrer Mutter in Rüsselsheim lebte.

Im April 2009 startete er dann als Gruppenpädagoge im Münchner Kindl-Heim. Er bezog zunächst eine Wohnung in der Einrichtung und musste einen speziellen Führerschein für Gruppentransporte machen. Nach drei Monaten, er war noch in der Probezeit, wurde er gefragt, ob er Gruppenleiter werden wolle, weil es in der Gruppe keine Sozialpädagogen mehr gab, nur Erzieher. Das kam für Mbungu total überraschend, aber er sagte sich „Warum eigentlich nicht?“ Genug Erfahrung in dem Bereich hatte er ja.“ Er hatte auch schon in Mainz und Darmstadt eine Führungsposition angestrebt, aber ohne Erfolg. Und in München kam das jetzt von ganz allein. „Hier wird der Mensch nicht nach seinem Aussehen, sondern nach seiner Leistung beurteilt“, stellte er erfreut fest.

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„Hier wird der Mensch nicht nach Aussehen, sondern nach Leistung beurteilt"

„München ist anders!“

Nachdem er dann einige Jahre als Gruppenleiter gearbeitet hatte, wurde die Stelle der Bereichsleitung vakant, und er wurde von seinem Vorgesetzten vorgeschlagen. „Das war eine extreme Anerkennung. Das hat mich sehr gerührt. Da sage ich wirklich Chapeau, München ist anders!“ Schon als er Gruppenleiter geworden war, hatte er die Stadt als seine neue Heimat angenommen. „Ich habe meine Karnevalskostüme an den Nagel gehängt und mir ein Trachtenoutfit gekauft.“ Natürlich inklusive bayerischer Lederhose. „Jetzt kann ich mich mit München identifizieren.“ Auch privat lief in München alles bestens. Er ist wieder verheiratet. Mit zwei weiteren Töchtern lebt die Familie nun in Pasing. Mit Stolz sagt er: „Meine beiden Töchter sind ja Münchnerinnen“, denn sie sind in München geboren. Seine Frau ist eine gebürtige Kongolesin mit kanadischer Staatsbürgerschaft. Er hatte sie in Belgien auf einem Fest von Kongolesen kennengelernt.

Er kann gar nicht aufhören, von seiner neuen Heimat zu schwärmen: „München fasziniert mich, denn man wird bei der Arbeit gleich akzeptiert.“ München weise niemanden ab, besonders, wenn es eine Fachkraft sei. „Ich habe hier noch nie die Fragen gehört: Wie lange sind Sie hier und wann kehren Sie in Ihr Land zurück?“ Fragen, die ihm in seinen früheren Wohnorten oft gestellt wurden.

Und wie ist es mit den Polizeikontrollen? Ist er tatsächlich mal in eine hineingeraten, wie es ihm seine kongolesischen Freunde einst prophezeit hatten? Er sagt ja, aber „nur zwei Mal“ in den knapp zehn Münchner Jahren. Ganz am Anfang mal am Hauptbahnhof, mit einem deutschen Pass sei das überhaupt kein Problem gewesen. Denn bereits in Mainz wurde er deutscher Staatsbürger. Das zweite Mal passierte es in der unteren Passage am Stachus: „Da sind zwei Polizisten auf mich zugekommen, ich habe gelacht und freundlich Grüß Gott gesagt.“ Die Polizisten hätten dann festgestellt, dass ihr Gegenüber gut Deutsch spricht und einen deutschen Pass besitzt. „Sie haben sich den gar nicht richtig angesehen.“ Mbungu Kivuvu sitzt in seinem spartanisch eingerichteten Büro und lacht. Mit einer Handbewegung wischt er den ganzen Zwischenfall beiseite. Nichts kann heute sein positives Bild von München trüben.

Autorin: Heike Pöhlmann

Fotos: Michael Nagy