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Verliebt in München


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Kanae Shirai-Elfeky

Referat für Bildung und Sport: Beschaffung Bereich Neubau und Fachlehrsäle

Kanae Shirai-Elfeky kam 2001 nach München. Geplant war nur ein Monat. Doch es kam anders und nun lebt sie seit 15 Jahren mit ihrem ägyptischen Ehemann und zwei Kindern in der bayerischen Landeshauptstadt.

Freitag, 11 Uhr, auf dem Marienplatz. Die Sonne scheint an diesem Tag auf unzählige Touristen herunter, die im 45-Grad-Winkel nach oben starren. Viele schauen durch Videokameras oder Fotoapparate. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht das Glockenspiel. Pünktlich zur vollen Stunde ertönt das Gebimmel und die 32 Figuren beginnen ihren Tanz. Etwas weiter abseits, am Fischbrunnen, steht die Japanerin Kanae. Sie lacht fröhlich und schaut dem Treiben zu. Vor mehr als 15 Jahren war sie auch Touristin. Allerdings ohne Kamera vor dem Auge und Stadtplan in der Hand. „Japaner schauen immer in den Faltplan oder durch die Kamera. Ich wollte damals aber alles mit eigenen Augen ansehen.“ Während die 40-jährige erzählt, legt sich auf ihr Gesicht ein Lächeln, das nur ganz selten verschwindet. Dabei streicht sie sich immer wieder ihr schwarzes schulterlanges Haar hinter die Ohren. Der gestufte Schnitt erinnert an die vielfach kopierte Frisur von Jennifer Aniston. Das ist wohl eher Zufall, als Absicht, denn die Japanerin legt mehr Wert auf Praktisches und Natürliches als auf Modernes und Auffälliges. „Schminke verwende ich nur zu besonderen Anlässen und dann auch nur dezent“, erklärt sie. Unauffällig ist auch ihr Kleidungsstil. Sie trägt eine dunkle Strickjacke, blaue Jeans, schwarze Turnschuhe, dunkles Shirt mit rotgelben Ornamenten. Ihre tannengrüne Nylontasche baumelt an der linken Schulter. „In Japan musste ich mir immer Gedanken machen, was ich anziehe.“ Schlecht gekleidet und ungeschminkt unter die Leute zu gehen, auch im Alltag, zog in Japan unweigerlich Lästereien nach sich. „In München achten die Menschen zwar auch auf ihre Erscheinung, aber meistens stylen sie sich für sich selbst“, erzählt sie und man merkt ihr die Erleichterung an.

München ist in den vergangenen 15 Jahren Kanaes zweite Heimat geworden. „Das war anfangs so nicht geplant“, lacht die 1,60 Meter große Japanerin herzlich. Lebenshungrig, wie sie es auch heute noch ist, reiste sie damals für einen Monat quer durch Deutschland. „Ich wollte einfach mal weg aus Japan.“ Ursprünglich sollte es für ein Jahr nach Australien gehen. Aber eine Freundin riet: „Wenn Du so viel Geld ausgeben willst, reise nach Deutschland.“ Das Land der „Langnasen“ kannte sie bisher nur von ihrer Liebe zur klassischen Musik, die sie beim Klavier- und Flötenspiel entdeckte. Außerdem galt Deutschland als sehr sicherer Staat – auch für Alleinreisende. Deswegen, treu nach ihrem Motto „gesagt, getan“, buchte sie den Flug nach Düsseldorf, wo sie zunächst mit einer Bekannten verabredet war. Drei Tage später, und mit wichtigen Informationen rund ums Zugfahren ausgestattet, machte sich die damals 25-jährige auf den Weg. Hamburg, Bremen, Berlin und Frankfurt.
 

Auf Entdeckungsreise in Deutschland

„Eine To-Do-Liste, was ich alles anschauen wollte, hatte ich nicht“, erinnert sie sich und blickt in die Ferne. „Ich bin einfach losgegangen, das war schön.“ Wenn sie mal nicht weiter wusste, sprach sie die Leute auf Englisch an. Hilfe bekam sie jedes Mal. Am Ende eines jeden Tages fragte die furchtlose kleine Japanerin immer, wo der Hauptbahnhof ist. Clever, denn von dort fand sie ohne Hilfe den Weg in ihr Hotel. Allein wollte sie sein. Ganz frei und sich an niemanden anpassen. „Das war ein Traum, ich konnte mir anschauen, was ich wollte.“

Dann ging es auch noch nach München und sie kam aus dem Staunen nicht mehr raus. München sei so anders als alle anderen Städte gewesen: „Alles sah so freundlich und hell aus. Ganz anders als in Japan“, erzählt Kanae. Die Augen strahlen dabei. Sie schaut in die Ferne und lacht. So sehr, dass von ihren Augen nur noch die schwarzen Wimpern zu sehen sind.

Nach ihrem Aufenthalt in Bayerns Hauptstadt stand für Kanae fest: „München, ich komme wieder.“ Dass es sehr schnell gehen würde, hätte aber auch sie nicht gedacht. In ihrer Heimat freute sich die Familie, sie wiederzusehen. Nach der ersten Freude und der einen oder anderen köstlichen Nudelsuppe, Kanaes Lieblingsspeise, kam das Fernweh nach München. Die Sehnsucht wuchs von Tag zu Tag. Nach kurzer Zeit wusste die Heimgekehrte: „Ich gehe jetzt drei Monate nach Deutschland, um Deutsch zu lernen.“ Ihre Mutter, eine Hausmeisterin, hoffte, dass ihre Tochter wieder zurückkommen werde. Der Vater, ein Zimmermann, verstand seine Tochter und ihre Sehnsucht. So packte Kanae ihre Sachen, kündigte als Lehrerin einer PC-Firma. Viele bewunderten sie. Elf Flugstunden von zu Hause weg, ganz allein ein neues Leben anzufangen, wenn auch nur vorübergehend, das war sehr mutig.

Aus vorübergehend wurde für immer. Kanae lernte ihren heutigen Mann kennen. „Mein Mann arbeitete in der Residenz. Er zeigte mir München und half mir bei allen Fragen rund um den Alltag.“ Bei einem ihrer Besuche in der Münchner Residenz hatten der Ägypter und die Japanerin länger miteinander gesprochen. Dann trafen sie sich öfters, kamen sich näher und zogen zusammen. Für beide war es selbstverständlich, wer zusammenlebt, sollte auch heiraten. Seine Familie lebt in Kairo, Rom und Saudi-Arabien, also in der Welt verstreut. Kanaes Eltern, Großeltern und ihr älterer Bruder mit seiner kleinen Familie leben 250 km westlich von Tokio. Das sind keine Katzensprünge von München. Darum heirateten beide nach einem Jahr ohne ihre Familien. „Einfach, aber unvergesslich“, strahlt die Japanerin.
 

Kopftuch nur in Ägypten

Der Zeitpunkt ihrer Hochzeit war auch aus einem anderen Grund bedeutend. Konfessionslos, aber mit ihrem Mann nach muslimischem Glauben lebend, entschied sich die Japanerin Muslimin zu werden. „In Japan haben wir eigentlich keine Religion. Es gibt zwar Christen und Muslime, aber auch viele Konfessionslose“, so Kanae. Sie habe sich zum einen wegen ihres Mannes für den Islam entschieden, zum anderen aber, weil sie viele Muslime kennengelernt hat, die sehr aufrichtig, nett, gelassen und ausgeglichen sind. „Deswegen gefällt mir der Glaube“, erklärt sie und spielt dabei an ihrer goldenen Kette mit den Anhängern von Allah und dem Auge gegen den bösen Blick.

Ein Kopftuch trägt sie allerdings nur in Ägypten. Nicht weil die angeheiratete Familie es so möchte, sondern weil es gut als Hitzeschutz funktioniert und weil sie unbemerkter durch die Straßen gehen kann. Unbemerkt, weil eine Japanerin mit Kopftuch nicht auffällt. Dennoch versteht sie die Frauen, die gerne ein Tuch tragen. „Für sie ist es ein Kleidungsstück wie bei uns zum Beispiel ein T-Shirt. Ohne fühlen sie sich nackt.“

Harmonieren japanische und ägyptische Wurzeln miteinander? „Ich bin flexibler als mein Mann. Anpassen fällt mir deswegen leichter“, sagt Kanae nach kurzem Überlegen. An den verschiedenen Traditionen und Kulturkreisen läge es aber nicht, sondern an den unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Mittlerweile ist München auch Kanaes berufliche Heimat. Nachdem sie ein Jahr Deutsch gelernt hatte, studierte sie fünf Jahre an der Universität München transkulturelle Kommunikation, Sozial-
psychologie und Japanologie. Japanologie? „In dem Fach habe ich gelernt, wie andere uns Japaner und unsere Kultur sehen. Das war richtig interessant.“ Nach dem Studium machte sie eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung und schloss diese sehr gut ab. Seit ein paar Jahren arbeitet die Münchner
Japanerin im Referat für Bildung und Sport. Sie liebt ihren Job und freut sich jeden Tag auf ihr Team. Ganz besonders, weil alle zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, wenn mal Not am Mann ist. Und das kommt schon mal vor, denn inzwischen sind Kanae und ihr Mann Eltern von
Zwillingen. Tochter und Sohn wachsen in drei Kulturen auf: japanisch, ägyptisch und bayerisch.
Meine Kinder sollen sich frei fühlen

Auf die Frage, was die 40-Jährige macht, wenn die Kinder groß sind und genau wie ihre Eltern eine andere Stadt als ihre neue Heimat entdecken, kommt die Antwort: „Meine Kinder sollen sich frei fühlen. Sie sollen sich selbst entscheiden können, ob Deutschland, Ägypten oder Japan oder vielleicht ein ganz anderes Land ihre Heimat werden soll.“

Damit die Kleinen aber die Wurzeln ihrer Eltern verstehen lernen, halten Kanae und ihr Mann mit ihren Familien Kontakt. Allerdings reist es sich nicht so leicht mit zwei kleinen Kindern nach Japan. Darum waren die Großeltern inzwischen zwei Mal in München zu Besuch. Ansonsten gibt es zum Glück Skype, und das bedienen die Zwillinge fast wie Profis. Nach Ägypten ging es vor nicht so langer Zeit. Ein Erlebnis für die ganze Familie – vor allem wegen des Meeres.

Gibt es nach 15 Jahren noch einen Grund München zu verlassen? „Nach Japan würde ich nur wegen meiner Familie und nach Ägypten wegen meines Mannes gehen.“ Aber vielleicht bleibe sie für immer. „München ist jetzt meine zweite Heimat, nach Japan. Ich würde es sehr vermissen.“

Ein Wunsch liegt Kanae jedoch am Herzen: München soll so weltoffen bleiben, wie es in den letzten Jahren war – ganz besonders aber so, wie im September 2015 am Hauptbahnhof. Denn das mache die Stadt mit ihrem hohen Prozentsatz an „Zugroasten“ aus. „Ich fühle mich seit 15 Jahren hier geborgen und akzeptiert“, erklärt sie. „Es wäre sehr schade, wenn in München die Stimmung kippen würde und nicht mehr alle willkommen wären. Denn ich bin sicher, dass es kaum jemand bei den Neuankömmlingen gibt, der die Münchnerinnen und Münchner und ihre Stadt nicht ins Herz schließen möchte.“
 

Autorin: Antje Jörg