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stadt | bau | plan - 850 Jahre Stadtentwicklung München


1918 bis 1945: Von Krieg zu Krieg

Die Modernisierungsoffensive der zwanziger Jahre im Wohnungsbau endet mit der Weltwirtschaftskrise. Die Nationalsozialisten übernehmen das Krisenmodell der Kleinsiedlung und nutzen es zur "Gleichschaltung "der Siedler. Ihr Hauptinteresse aber gilt dem Umbau Münchens zur monumentalen "Hauptstadt der Bewegung". Die Realisierung scheitert am Krieg.

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

In München fanden Angriffe auf das Weimarer System besonders starke Resonanz, nachdem Revolution und Räterepublik tiefe Ängste im Bürgertum hinterlassen hatten. Als starker Mann präsentierte sich Gustav von Kahr (1920 bayerischer Ministerpräsident, 1923 Generalstaatskommissar). Die von ihm proklamierte "Ordnungszelle Bayern" war ein Magnet für das völkisch-rechte Lager. Dazu gehörte die Deutsche Arbeiterpartei (DAP, seit 1920 NSDAP). In ihr fand Hitler seine Plattform und das Instrument gewaltsamer Machteroberung.

Revolution im Wohnungswesen

Nach dem Ende der Monarchien erhielten nicht nur Reich und Länder eine neue politische Ordnung, sondern auch die Gemeinden. Die Stadtverwaltung nutzte das im Krieg geschaffene und danach erweiterte Instrument der Wohnungszwangswirtschaft im Vergleich zu anderen Städten weitgehend aus. Von 1918 bis 1921 ordneten die Behörden in München 12.000 Einquartierungen in Privatwohnungen an. Damit sollten die fehlenden Bauleistungen der Kriegs- und Inflationszeit ausgeglichen werden. Nach Kriegsende war der Wohnungsbedarf durch nachgeholte Eheschließungen sehr hoch.

Kleinsiedlung in der Anton-Will-Straße (Aufnahme von 1951)  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Kleinsiedlung in der Anton-Will-Straße (Aufnahme von 1951)
© LHM

Reichskleinsiedlung

Die Regierung des Reichskanzlers Brüning legte 1931 das Kleinsiedlungsprogramm auf, um "die Sesshaftmachung der Bevölkerung auf dem Lande zu fördern, um die Erwerbslosigkeit zu vermindern und Erwerbslosen den Lebensunterhalt zu erleichtern." Die künftigen Siedler sollten mit der Errichtung ihres eigenen Heimes beschäftigt werden und durch Gartenbau und Kleintierhaltung ihre Versorgung in der Wirtschaftskrise verbessern.

Die Nationalsozialisten übernahmen das Modell, weil es in ihre antimoderne und großstadtfeindliche Ideologie passte. In München entstanden 1932 die Siedlungen Freimann, Am Perlacher Forst und Zamdorfer Straße, 1933 bis 1937 die Siedlungen Am Hart, Neuherberg und Kaltherberg. Seit Mitte der dreißiger Jahre wandte sich die Wohnungspolitik wieder verstärkt dem Geschossbau zu, der sich rationeller und billiger bewerkstelligen ließ.

Die Mustersiedlung Ramersdorf

In Ramersdorf entstand 1934 eine Anlage, die nicht der typischen NS-Kleinsiedlung entsprach. Als "Mustersiedlung" sollte sie im Rahmen der "Deutschen Siedlungsausstellung" geeignete Wohnformen für den Mittelstand präsentieren. Die Initiative ging von dem städtischen Wohnungsreferenten Guido Harbers aus, der Nationalsozialist, aber auch begeisterter Architekt war. Ausgerechnet von einem Paradestück der Neuen Sachlichkeit, der Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927, hatte er sich zu der Idee einer gebauten Siedlungsausstellung anregen lassen. Etliche NS-Politiker lehnten die "Mustersiedlung" gerade deswegen ab.

Die nationalsozialistische Siedlungsideologie

Nach der "Machtergreifung" wurde auch das Siedlungswesen im Sinne nationalsozialistischer Ideologie ausgerichtet und zu einem Instrument der Bevölkerungspolitik gemacht. Als Siedlungsanwärter wurden nur noch "Volksgenossen" zugelassen, die "deutsche Reichsangehörige, deutschen oder artverwandten Blutes, politisch zuverlässig, rassisch einwandfrei, gesund und erbgesund sind." Die Siedlerstellen sollten nicht lediglich Wohnstätten sein, sondern die Siedlerfamilien an den NS-Staat binden und ihm hohe Nachwuchsquoten sichern.

Wohnungspolitik und "Endlösung"

Im Verteilungskampf um den zu knappen Wohnraum geriet die jüdische Bevölkerung ins Visier. Ihr stand nach NS-Ideologie kein Recht auf menschenwürdige Wohnungen zu. Nachdem man die Juden bereits um ihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft gebracht hatte, sollten sie seit der "Reichskristallnacht" vom November 1938 auch ihre Wohnungen für "Volksgenossen" räumen.

Nach einer Phase der "wilden Arisierungen" folgte im April 1939 die gesetzliche Grundlage für die Entmietung der Juden. In Pflegeanstalten, Stiften und "Judenhäusern" rückten die Gekündigten gezwungenermaßen auf engstem Raum zusammen. 1941 mussten die Münchner Juden zudem ihr eigenes Ghetto errichten, die "Judensiedlung Milbertshofen". Die NS-Schergen nutzten das Lager als Sammelstelle für den Transport in den Tod. Von Milbertshofen aus rollten die Deportationszüge in den Osten. Die rund 1.800 Wohnungen, die die Juden in München räumen mussten, wurden an "Abrissmieter", Fürsorgefälle und besonders "verdiente Volksgenossen" vergeben.

Kriegszerstörung am Mariahilfplatz (Aufnahme von 1946)  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Kriegszerstörung am Mariahilfplatz (Aufnahme von 1946)
© LHM

Das Ende der "Hauptstadt der Bewegung"

klicken für eine vergrößerte Darstellung! Der Luftkrieg war die neuartige Dimension des Zweiten Weltkriegs. Die strategischen Bombardierungen begannen mit deutschen Angriffen auf die Städte Warschau, Rotterdam und London.

München traf der erste schwere Angriff der Royal Air Force im September 1942. Bei 30 Großangriffen bis zum April 1945 verloren 6.500 Menschen ihr Leben, 300.000 wurden obdachlos, rund 60 Prozent der Münchner Altstadt lagen danach in Trümmern. Die zahlreichen Evakuierungen entvölkerten die Stadt. Die Zurückgebliebenen erlebten den Verlust von Angehörigen, die Zerstörung ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen, den Untergang von Kulturgut, die Angst bei Sirenengeheul.

Wenn sie nach den schweren Angriffen von 1944 aus den Luftschutzkellern kamen, bot sich den Münchnern ein Bild des Grauens: Tote und Verletzte, unzählige Trümmer, schwelende Brände und Rauchschwaden.

Sozialer Wohnungsbau der zwanziger Jahre

Nach 1924 blühten die Baugenossenschaften und Wohnungsgesellschaften mit Hilfe der von den Hausbesitzern erhobenen Hauszinssteuer auf. In München engagierte sich auch die Stadt politisch und finanziell bei Bauprogrammen. Gemeinnützige Gesellschaften führten die großen Anlagen in Zeilenbauweise aus, die zum Markenzeichen des sozialen Wohnungsbaus in der Republik wurden. Auf der anderen Seite setzte die Stadt nur verhaltene Zeichen was das "Neue Bauen" anging (z.B. Vorhoelzers Postbauten, Ledigenheim Bergmannstraße). Ein Experimentierfeld der Moderne - wie Berlin oder Frankfurt - wurde München nicht.

Aufrüstung und Lager

Der Erste Weltkrieg gab einen starken Impuls zum Ausbau des Industriestandortes München. Er begünstigte den Aufschwung von Rüstungsbetrieben, die allerdings nach dem Krieg zum Teil schnell wieder verschwanden. Vor allem für den Münchner Norden wirkte der Industrialisierungsschub aber nachhaltiger. Dafür stehen u. a. die Anfänge des späteren BMW-Konzerns mit dem Bau von Flugmotoren in Moosach.
In der Staatskonjunktur der Nationalsozialisten kam es zu einem weiteren Industrialisierungsschub. Viele Betriebe stellten lange vor dem Krieg auf Rüstungsproduktion um. BMW baute Flugmotoren und Motorräder für Heereszwecke, die Süddeutschen Bremsenwerke fertigten Geschützrohre und Gewehrläufe, Krauss-Maffei stellte Panzer her.

Während des Krieges ließ sich die Produktion nur noch mit ausländischen Zwangsarbeitern aufrechterhalten, die aus den von Deutschland besetzten Gebieten verschleppt wurden. Zeitweise lebten 80.000 "Fremdarbeiter" unter unwürdigen Wohn- und Arbeitsbedingungen in München. Ein Netz von Lagern überzog die Stadt.

Stadtplanung und Stadtentwicklung 1938 bis 1945

Der Gauleiter und bayerische Innenminister Adolf Wagner entwickelte 1937 weitreichende Pläne, die Stadt zu einem "Reichsgau München" auszubauen. Die Einflusssphäre Münchens sollte sich über Eingemeindungen bzw. die Gründung eines Zweckverbands bis zum Ammersee erstrecken. Obwohl die Realität deutlich dahinter zurückblieb, fanden 1938 bis 1942 zahlreiche Eingemeindungen statt, die das Stadtgebiet um etwa die Hälfte vergrößerten.

Seit Ende des Jahres 1938 lag die Kompetenz für die Stadtplanung bei der Behörde des Generalbaurats Hermann Giesler. Das wichtigste Element der Verkehrsplanungen war ein Autobahnring, der in einem Durchmesser von 20 bis 25 Kilometer um die Stadt herumführen und die neuen Autobahnen verbinden sollte.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten

Am 9. März 1933 übernahm die Nationalsozialistische Partei die Macht in Bayern. An Münchens Stadtspitze trotzte Oberbürgermeister Karl Scharnagl von der Bayerischen Volkspartei noch eine Weile den braunen Machthabern, musste aber am 20. März "der Gewalt weichen". An seine Stelle trat der Nationalsozialist Karl Fiehler, der seit 1924 NSDAP-Stadtrat in München war.

Fiehler war Stadtoberhaupt von 1933 bis 1945 und sorgte dafür, dass die Wünsche Hitlers möglichst wortgetreu in München umgesetzt wurden. Das galt für die Stadtplanung ebenso wie für die Entrechtung und Verfolgung der Juden. Hitler ernannte München zur "Hauptstadt der deutschen Kunst" (1933) und zur "Hauptstadt der Bewegung" (1935). Die Nationalsozialisten nutzten München als Forum ihrer Kulturpolitik, für Inszenierungen und Machtdemonstrationen. Auch Architektur und Stadtplanung wurden darauf ausgerichtet, die Partei und ihren Führer nach außen zu repräsentieren und ihren Herrschaftsanspruch sichtbar zu machen.

Haus der Kunst (Aufnahme aus dem Jahr 1967)  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Haus der Kunst (Aufnahme aus dem Jahr 1967)
© LHM

"Haus der Deutschen Kunst"

Für die Nationalsozialisten sollte München die führende Kunststadt des Reiches sein. Eines der ersten Bauprojekte nach der Machtübernahme war daher die Errichtung des "Hauses der Deutschen Kunst" nach Plänen des Architekten Paul Ludwig Troost. Der 1931 abgebrannte Glaspalast an der Sophienstraße sollte durch einen nationalsozialistischen "Kunsttempel" ersetzt werden. Hier war der totalitäre Anspruch auf die "richtige Kunst" zu verwirklichen. Zur Eröffnung des Hauses wurde 1937 die erste große "Große Deutsche Kunstausstellung" präsentiert.

Die Parteizentrale am Königsplatz

Bereits 1930 erwarben die Nationalsozialisten das Barlow-Palais an der Brienner Straße. Paul Troost gestaltete es zum "Braunen Haus" um, dem Sitz der Reichsleitung der NSDAP. Damit war der Anfang für ein Parteiviertel gemacht, das die Maxvorstadt bald beherrschte.

Im Zentrum stand der Königsplatz mit den Parteibauten an der Arcis- und heutigen Meiserstraße, die 1937 fertiggestellt waren. Schon 1935 nahmen so genannte Ehrentempel die Toten des Hitlerputsches von 1923 auf und rangierten fortan als Kultzentren. Unauffälliger beherrschte der bürokratische Apparat der NSDAP die Umgebung des Königsplatzes. Berüchtigt war allerdings die Gestapo-Zentrale im Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße, in der viele Gegner des Regimes inhaftiert und gefoltert wurden.

Nach nicht realisierten Plänen sollte der Ausbau der Maxvorstadt zum Parteiviertel noch weitergehen. Gegenüber der Alten Pinakothek war ein riesiges Kanzleigebäude zum "Braunen Haus" geplant, daneben ein Forum und eine "Halle der Partei".

Die "Große Achse"

Im Zentrum von Hitlers Umbauplänen für München stand die Ost-West-Achse. Ähnlich dominante "Große Straßen" waren auch für andere Städte vorgesehen und sind kennzeichnend für die totalitäre Stadtplanung. Zur Entwicklung dieser Pläne ernannte Hitler im Dezember 1938 einen Generalbaurat für München, Hermann Giesler.

Mit der Verschiebung des Hauptbahnhofs nach Laim griffen die Nationalsozialisten eine alte Idee auf. Ihre Ausführung stand jedoch ganz im Zeichen der Megalomanie. An Stelle des Bahnhofs war ein riesiges "Denkmal der Bewegung" geplant: ein Pfeiler - doppelt so hoch wie die Frauenkirche und gekrönt von Adler und Hakenkreuz - auf einem gewaltigen Sockel. Von dort erstreckte sich die Achse über den neuen Hauptbahnhof hinaus bis zu einem "Forum der SA" in Pasing.

Text: Ulrike Haerendel, 2008

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