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Kunstprojekte im öffentlichen Raum


    Ausganggszustand  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Netztrafostation an der Alten Allee vor der künstlerischen Gestaltung im ...
    © Dr. Rüdiger Schaar

    Netztrafostation Alte Allee

    Alles begann mit einem Antrag im Bezirksausschuss am 02.10.2018, der von der SPD-Fraktion eingebracht und vom Bezirksausschuss einstimmig beschlossen wurde. Im Antragstext hieß es:

    "Das Stromverteilerhäuschen steht gegenüber dem ehemaligen Wohn- und Bürohaus des Architekten August Exter. Seit Jahren ist es mit Graffiti verunstaltet. Durch die eine künstlerische Gestaltung könnte erreicht werden, dass die Flächen nicht mehr so leicht mit Graffiti besprüht werden."

     

    Modell Südseite von Wolfgang Haller  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Der Entwurf des Künstlers Wolfgang Haller für die Südseite
    © Wolfgang Haller

    Auswahl des Künstlers

    Mehrere Künstler wurden durch Mitglieder des Unterausschusses Kultur und Heimatpflege angesprochen, Entwürfe für die Gestaltung der Netztrafostation 3304 einzureichen und vorzustellen. Einstimmig entschied sich der Unterausschuss für den Entwurf von Wolfgang Haller, der seit vielen Jahren als freischaffender akademischer Künstler und Kirchenrestaurator Erfahrung in der Sanierung und Bemalung von denkmalgeschützten Gebäuden besitzt.

    Seine Idee, die Lage der Netztrafostation in der Nähe der Kolonie von August Exter, ganz zentral in den Gestaltungsentwurf einzubeziehen, überzeugte die Mitglieder des Unterausschusses in der Sitzung am 29.05.2019. In seinem Konzept schrieb Wolfgang Haller: 

    "Eine Überlappung zweier Zeitströme: der erste ist der aus der Erbauungszeit (1890er/um 1900) und auch eine Würdigung August Exters, dessen Portrait an der Nordostecke nicht nur sein altes Büro betrachtet. [...]
    Alle Zeichnungen sind der originalen Mappe Exters entlehnt und werden ähnlich einem Grisailles, monochrom aber nicht unbedingt schwarzweiß interpretiert, sondern mit changierenden Farben, aber luftig gehalten.

    Vor allem das Portrait wird an den Rändern verpixelt, eine Verbindung in unser digitales Zeitalter. Gleiches wird hie und da den räumlichen Darstellungen der Entwürfe aus der Mappe an den Rändern „widerfahren“, Hinweis auf die Zeit und dem Sein und der Vergänglichkeit.

    Es gibt eine Horizontlinie von 1900, die Fassade gliedernd, auf der, entsprechend Darstellungen der teilnehmenden Architekten Exters und von ihm selbst, die damalige Situation der „Gartenkolonie“ Pasings, frei interpretiert, widergespiegelt wird.

    Im Vordergrund, und farbig, normal farbig, sind Elemente unserer heutigen Zeit… Menschen Pflanzen, die vor allem die Lüftungsgitter verstecken,  und einiges Getier, Schmetterlinge Marienkäfer, Bienen… ein Erinnerung… was „Gartenstadt“ beinhaltet.

    Dieses Konzept habe ich auf der Nord-, Ostseite und reduziert, auf der weniger einsehbaren Westseite verwirklicht. Auf der Südseite treffen sich sinnbildlich die beiden Zeitströme, vertreten durch den Radfahrer in Schwarzweiß auf einem Hochrad um 1900, gezogen von einem Flugdrachen in Schmetterlingsform, ein kleiner Hinweis auf das Denken dieser Zeit, der Aufbruch in die Moderne, und einem Jungen unserer Zeit, auf einem Tretroller.

    Eine Begegnung der „vierten Art“ ( der Zeit)."

    Zur Finanzierung des Vorhabens stellte der Künstler einen Antrag an das Stadtbezirksbudget, der zunächst vom Unterausschuss Budget befürwortet und dann vom Bezirksausschuss genehmigt wurde.

     

    Erster Ortstermin  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Ein Ortstermin mit dem Künstler Wolfgang Haller, den Stadtwerken München und ...
    © Dr. Rüdiger Schaar

    Begleitende Ortstermine

    Die Eigentümerin der Netztrafostation 3304, die sogar wahrscheinlich das älteste noch bestehende Gebäude für Transformatoren und elektrischen Schaltanlagen in München ist, sind die Stadtwerke. 
    Bereits in einer sehr frühen Phase wurden die Verantwortlichen aus den verschiedenen Abteilungen mit in die Planung einbezogen, weil auch die bauliche Sanierung, wie zum Beispiel die Erneuerung des Unterputzes an verschiedenen Stellen, durch die Stadtwerke finanziert wurde. Ohne die großzügige Unterstützung durch die Stadtwerke München wäre das Projekt nicht möglich gewesen. 

    Beim Baureferat waren gleich zwei Sachgebiete beteiligt: der Gartenbau als Ansprechpartner für die Grünfläche, auf dem das Gebäude steht und der Tiefbau, der für die Schaltkästen beim Gebäude verantwortlich ist. Auf den Schaltkästen sollen die Informationstafeln angebracht werden, auf denen das Kunstwerk den Besucher*innen erklärt wird. 

    Im Bezirksausschuss waren die Unterausschüsse Kultur und Heimatpflege sowie Budget bei mehreren Ortsterminen mit den städtischen Referaten und den Stadtwerken München eingebunden. 

    An dieser Stelle einen herzlichen Dank an die Stadtwerke München, die städtischen Referate und die Gremien des Bezirksausschusses, die das Projekt maßgeblich unterstützt haben!

    Immer Maske aufziehen, Kleiner!  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Begegnung der besonderen Art an der Südseite
    © Dr. Rüdiger Schaar

    Umsetzung mit Pinsel und Farbe

    Zunächst musste der Untergrund und Verputz "repariert" werden, bevor die Malarbeiten beginnen konnten. Dazu darf es nicht zu kalt und auch nicht zu heiß sein, sonst haften die mineralischen Farben nicht. Ein selbst gebauter Unterstand bot dem Künstler währen der kalten Jahreszeit, bei Regen oder während der heißen Sommermonate Schutz.  

    •	Der erste motorisierte Daimler-Bierlastwagen, Kutsche mit Motor und eisenbeschlagenen Holzreifen, oben drauf der schreiende Fahrer, auf den Bierfässern in Bayrisch und in Latein: „Wer zoit des, und wer zoit des?“ (Quis solvit, ed adeiunti herebitatem.)  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Der erste motorisierte Daimler-Bierlastwagen von 1896
    © Wolfgang Haller (Foto Dr. Rüdiger Schaar)

    Anekdote: "Wer zoit des?"

    Die vielen Tage, die Wolfgang Haller an der Netztrafostation verbrachte, führten zu Begegnungen mit Anwohner*innen, Besucher*innen oder einfach mit - mehr oder weniger - Interessierten. Eine Anekdote ist dem Künstler besonders in Erinnerung geblieben:

    "Anfang Oktober, Ostseite, nach Fertigstellung der Lasurarbeiten im Mezzaninbereich:

    Beim Interviewtermin mit der Reporterin der Süddeutschen Zeitung und dem zuständigen Vertreter der SWM Infrastruktur die Frage an mich: „Und, wie kommt es so bei der Bevölkerung an?“
    Meine Antwort: „Bis jetzt sehr positiv.“

    Just in diesem Moment biegt ein weißer 3,5- oder 7,5-Tonner um die Ecke an der Ampel. Der Fahrer beugt sich aus dem Fenster (Die Ampel war wohl Rot.), streckt den Arm heraus und schreit wie angestochen:
    „Wer zoit des, und wer zoit des?“

    Alle drei blicken sich mit offenem Mund an. Kein Kommentar, nur ein Lächeln huscht über die Gesichter. Mein Gehirn beginnt sofort zu reagieren: das muss ich unbedingt festhalten - auf der Wand. Herausgekommen ist:

    • Der erste motorisierte Daimler-Bierlastwagen, Kutsche mit Motor und eisenbeschlagenen Holzreifen, oben drauf der schreiende Fahrer, auf den Bierfässern in Bayrisch und in Latein: „Wer zoit des, und wer zoit des?“ (Quis solvit, ed adeiunti herebitatem.)
    • Der erste Zeppelin (LZ1, gebaut von 1897 bis 1900, Jungfernfahrt im Juli 1900).
    • Der erste Motorflug durch Gustav Weisskopf. 1896 von einem Bostoner Museum beauftragt, zwei flugfähige Modelle des Otto-Liliental-Fliegers nachzubauen. 1897 im Herbst gekündigt, da die Modelle nicht flugfähig seien. Er baut selbstständig weiter, 1899 im Beisein eines Journalisten: der Erstflug. 1901 dann, erste Fotos beim wiederholten Flug. 800 m weit, in etwa 8 m Höhe.

    War dann doch sehr inspirierend …"

    Weitere Geschichten, die sich während der Bemalung des Trafostation ereignet haben, finden Sie in Kürze als Link zum Downloaden. Und viel Spaß bei Entdecken der Details.

    Und apropos: Wer zoit des?

    Das Erstellung des Kunstwerks wurde aus dem Stadtteilbudget finanziert und die Sanierung und der Bauerhalt von den Stadtwerken München getragen.

    Porträtmalerei  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Die Hommage an August Exter von Wolfgang Haller
    © Dr. Rüdiger Schaar

    Arbeit im Detail

    Umfangreiche Recherchen zum Beispiel im Pasinger Archiv e. V. begleiteten das Projekt. Aufmerksame Betrachter*innen werden viele kleine Details an den Fassaden der Netztrafostation entdecken, die von Wolfgang Haller "eingebaut" worden sind. Natürlich haben in den Monaten immer wieder Passanten das Kunstwerk gesehen und Fragen gestellt. 

    Aber auch viele technische Probleme waren bei dem Projekt zu klären.

    • Woher kommt das Wasser zum Abstrahlen der Wände?
    • Kann der Schaltkasten nicht vielleicht versetzt werden, der den Blick auf das Kunstwerk doch ein wenig verstellt?
    • Wie kann verhindert werden, dass bei Starkregenereignissen immer wieder Erde an den Seiten ohne durchgehende Pflasterung hochspritzt und die Fassade verschmutzt?
    • Wie kann der Blick auf die Fassadenseite von der Südseite freigehalten werden und macht nicht vielleicht sogar eine Bank zum Verweilen inmitten der vom Verkehr umtosten Insel Sinn?
    Der Künstler Wolfgang Haller vor der Bautafel seines Objekts an der Alten Allee  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
    Beinahe fertig: die Bautafel und Künstler Wolfgang Haller
    © Dr. Rüdiger Schaar

    Endlich fertig!

    Im Winter 2020/2021 wurde das Projekt fertiggestellt. Beinahe zwei Jahre sind ins Land gegangen: Auch manche Kunstprojekte brauchen ihre Zeit. 

    Informationstafeln an den Schaltkästen mit Erläuterung das Kunstwerk werden noch angebracht.

    Und eine "kleine" Einweihungsfeier ist auch noch geplant. Wenn die Zeiten - coronabedingt - wieder besser werden ...