Einführung KulturGeschichtsPfade Maxvorstadt

Die Maxvorstadt – kulturelles Zentrum des »neuen München«

Wer heutzutage von auswärts nach München kommt und sich an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) oder an der Akademie der Bildenden Künste immatrikuliert, geht in der Regel wohl davon aus, in Schwabing zu studieren. Aber nicht nur Auswärtige, sondern auch viele Münchner wissen nicht, dass diese Institutionen zur Maxvorstadt gehören. Die Maxvorstadt gilt als die »unbekannte Schöne«, obwohl sich hier neben LMU und Akademie zahlreiche weitere herausragende Bildungs- und Kultureinrichtungen, Baudenkmäler und touristische Attraktionen Münchens befinden. Auch die Technische Universität (TUM), die Universitätsbibliotheken und die Bayerische Staatsbibliothek, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und das Staatsarchiv München, die Hochschule für Politik und die von den Jesuiten getragene Hochschule für Philosophie, die Hochschule für angewandte Wissenschaften (Fachhochschule München) und die Hochschule für Musik und Theater sind in der Maxvorstadt angesiedelt; im August 2011 zog außerdem die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) hierher.

Ludwig I. sorgte schon als Kronprinz dafür, dass die neue Vorstadt zu Münchens Kunstzentrum wurde, und auch spätere Museumsgründungen setzen diese Tradition fort: So befinden sich hier neben Glyptothek und Staatlicher Antikensammlung, Alter und Neuer Pinakothek u.a. auch die Pinakothek der Moderne, das Architekturmuseum der TUM, die Staatliche Graphische Sammlung, das städtische Lenbachhaus mit Kunstbau und das Museum Brandhorst; 2013 verließ das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst die Residenz und bezog den spektakulären Museumsneubau im Kunstareal.

Nur wenigen Besuchern Münchens dürfte bekannt sein, dass die meisten Künstler, Dichter und Intellektuellen der sogenannten »Schwabinger Boheme« um die Jahrhundertwende nicht in Schwabing, sondern in der Maxvorstadt lebten und wirkten. Sie trafen sich hier im Café Stefanie und in der Künstlerkneipe Simplicissimus, oder sie besuchten die Darbietungen der »Elf Scharfrichter«, die ab 1901 im Rückgebäude des Goldenen Hirschen in der Türkenstraße 28 auftraten. Dem bis 1904 bestehenden politischen Künstlerkabarett gehörten unter anderem Otto Falckenberg, Frank Wedekind, Hanns von Gumppenberg und die Diseuse Marya Delvard an.

Die geplante Vorstadt

Die Maxvorstadt ist die erste planmäßige Stadterweiterung Münchens. Sie ist mit ihren etwas mehr als 200 Jahren relativ jung, verglichen mit dem über 850 Jahre alten Stadtkern. Die Maxvorstadt entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Folge der von Graf Rumford angeregten Beseitigung des Festungsrings und der Anlage der Schönfeldvorstadt. Am 2. Juni 1795 hatte Kurfürst Karl Theodor erklärt, dass München fortan »keine Festung seie, seyn könne, noch seyn solle«. Er gab damit den offiziellen Startschuss für eine ohnehin nicht mehr aufzuhaltende Entwicklung. Denn bereits mit der Anlage des Englischen Gartens 1789 und mit der Einebnung der Verteidigungswerke am Neuhauser Tor 1791 (seither Karlstor) griff die Stadt über den militärisch längst nutzlos gewordenen Befestigungsring hinaus. Die gezielte Bebauung jenseits der Festungsgrenzen begann 1795 im Norden des Hofgartens. Hier wurden Grundstücke, die ursprünglich als Militärgärten vorgesehen waren, als Bauland ausgewiesen und unter strengen Auflagen zur sofortigen Bebauung verkauft: Die entstehende Gartenstadt westlich des Englischen Gartens erhielt 1797 den Namen »Schönfeldvorstadt«. 1890 wurde sie Teil des 5. Stadtbezirks (des nachmaligen Stadtbezirks »Maxvorstadt-Universität«) und bildet seither den östlichen Rand der Maxvorstadt.

Mit den Gebäuden der Schönfeldvorstadt war der wachsende Bedarf an Wohnraum freilich nicht zu befriedigen. Die Erhebung Bayerns zum Königreich 1806 verlieh auch den Ausbauplänen neue Schubkraft: Die Baukommission schrieb 1808 einen Wettbewerb zur städtebaulichen Erschließung des Gebietes nordwestlich der Altstadt zwischen Karlstor, abgebrochenem Kapuzinerkloster (heute Lenbachplatz) und Schwabinger Tor aus. Auf der Grundlage der eingegangenen Entwurfsvorschläge erarbeitete die Baukommission zusammen mit dem Hofgartenintendanten Friedrich Ludwig von Sckell (1750–1823) einen Bebauungsplan für die nach dem ersten bayerischen König, Max I. Joseph, benannte »Maximiliansvorstadt«. Es galt, Münchens neue Rolle als Verwaltungs- und Kulturzentrum zu betonen. Der Plan für den neuen Stadtteil entstand auf dem Reißbrett und sah ein rasterförmiges Straßennetz vor, das sich deutlich von der verwinkelten Altstadt abhob und den modernen Grundsätzen des rationalen Städtebaus entsprach. Drei repräsentative Plätze waren entlang des »Fürstenweges« (heute Brienner Straße) geplant, der die Residenz mit Schloss Nymphenburg verbinden sollte. Dank Sckell waren von vornherein auch Grünflächen vorgesehen. Doch während Sckell selbst den (Alten) Botanischen Garten gestaltete, konnte er am Maximiliansplatz nur einen kleinen Teil seiner Pläne umsetzen. Hier konnte er zunächst nur einige Alleebäume und die auch heute noch bestehenden Eschenanlagen pflanzen. Der Maximiliansplatz wurde dann als Exerzier- und später als Dultplatz genutzt und erst 1876–1878 durch Karl von Effner gärtnerisch gestaltet.

Die Bebauung der Maxvorstadt begann 1809 am Karolinenplatz, wo der Architekt Karl von Fischer freistehende, von großzügigen Gärten umgebene Wohnhäuser schuf und damit Sckells Gartenstadt-Entwurf kongenial umsetzte. In den übrigen Straßenzügen der Maxvorstadt wurde angesichts des wachsenden Bevölkerungsdrucks die ursprünglich geplante offene Bebauung schon bald von geschlossenen Baureihen renditeträchtiger Mietshäuser abgelöst.

Paraden, Aufmärsche und Festumzüge

Bereits als Kronprinz schaltete sich der spätere Ludwig I. in die Planungen für die Maxvorstadt ein. Ihm ging es vor allem um die Gestaltung des Königsplatzes und um die repräsentative Anbindung der Residenz an den neuen Stadtteil. In Ludwigs Auftrag plante Leo von Klenze ab 1816 den Abriss des Schwabinger Tors, die Beseitigung der privaten Anwesen auf den Resten der Wallanlage, die Schaffung des Odeonsplatzes und die Ludwigstraße als Begradigung der nach Schwabing führenden »Chaussee nach Ingolstadt und Freysing«. Durch die Ludwigstraße sollte außerdem die Schönfeldvorstadt an das Rastersystem der Maxvorstadt herangeführt werden.

Die zunächst durch Leo von Klenze und ab 1827 durch Friedrich von Gärtner gestaltete Ludwigstraße ist benannt nach Ludwig I. und gilt als städtebauliches Gesamtkunstwerk. Die 1.250 Meter lange Prachtstraße zwischen Feldherrnhalle und Siegestor (beides Werke Friedrich von Gärtners) diente bereits den Königen für eindrucksvolle Sieges- und Festparaden. So fand hier z.B. 1871 der Empfang der bayerischen Truppen des Deutsch-Französischen Krieges statt, am 22. April 1919 demonstrierten Anhänger der Räterepublik vor dem Bayerischen Kriegsministerium, die Nationalsozialisten gedachten der »Gefallenen« des Hitler-Putsches vor der Feldherrnhalle und veranstalteten am »Tag der Deutschen Kunst« 1937 und 1938 Festumzüge durch die Ludwigstraße. Nach dem Krieg wurde an die königliche Tradition der Prachtstraße wieder angeknüpft: Am 6. August 1955 zog der Trauerzug für Kronprinz Rupprecht durch die damals von Kriegszerstörungen noch schwer gezeichnete Ludwigstraße. Am ersten Sonntag des Oktoberfestes findet hier heute alljährlich der Trachtenumzug statt.

(Partei-)Zentrum der »Hauptstadt der Bewegung«

1933 ernannte Adolf Hitler München zur »Hauptstadt der Deutschen Kunst«, zwei Jahre später erhob er sie zur »Hauptstadt der Bewegung«. Beide NS-Ehrentitel verdankte München nicht zuletzt der Maxvorstadt. Bereits 1913–1914 hatte sich der erfolglose Kunstmaler Hitler in der Nähe von Münchens Künstlerzentrum, in der Schleißheimer Straße 34, eingemietet. Ab 1925 entwickelte sich die Maxvorstadt zum Zentrum der NSDAP. Fünf Jahre später verließ die Partei ihre Geschäftsräume im Hinterhof der Schellingstraße 50 und bezog das repräsentative Palais Barlow (einst Brienner Straße 45). Von hier aus erwarb sie sukzessive weitere Grundstücke, ließ Gebäude umgestalten oder ganz abreißen. Wären die Umbaupläne für die »Hauptstadt der Bewegung« umgesetzt worden, wäre die Maxvorstadt heute kaum mehr zu erkennen.

Ab 1933 dienten Königsplatz und Ludwigstraße der Selbstdarstellung des Regimes, das Wittelsbacher Palais wurde zur Gestapo-Zentrale, im Justizpalast verurteilte der Volksgerichtshof unter Roland Freisler die Mitglieder der »Weißen Rose« zum Tode. Zahlreiche Maxvorstädter Hauseigentümer wurden zum Verkauf ihrer Gebäude gezwungen (so z.B. der jüdische Antiquar Jacques Rosenthal, Brienner Straße 26), andere emigrierten oder wurden Opfer von Deportation, Entrechtung und Holocaust. Abgesehen von den zahlreichen Täter- und Opferorten finden sich in der Maxvorstadt auch Orte des Widerstands: Neben den in den Stationen des KulturGeschichtsPfads genannten Widerstandskämpfern, sei hier erinnert an Hermann Frieb, der in der Schellingstraße 78 lebte und die Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« leitete; außerdem an Wilhelm Olschewski sen. (Augustenstraße 98), den Kopf des kommunistischen Widerstands.

Die Maxvorstadt ab 1945

Als die US-amerikanischen Soldaten am 30. April 1945 von Norden über Ludwigstraße und Dachauer Straße einzogen, lag München in Trümmern. Wegen der Nähe des Hauptbahnhofs und möglicherweise auch wegen der hohen Konzentration von NS-Parteibauten wurde die Maxvorstadt besonders schwer getroffen. Der Zerstörungsgrad der heutigen Maxvorstadt lag im Bereich der Universität bei 55, um den Königsplatz bei 70, im Umfeld des Josephsplatzes bei 65 und im Marsfeld gar bei 75 Prozent.

Nach dem Wiederaufbau formierte sich in den 1970er Jahren der Widerstand der Bürgerschaft gegen die Zerstörung historischer Bausubstanz in der Maxvorstadt. Gemeinsam kämpften die Bürgerinitiativen »Aktion Maxvorstadt« und »Münchner Forum« und der Bezirksausschuss gegen eine Straßenplanung, die die Verkehrsführung ausschließlich dem Primat der »autogerechten Stadt« unterwarf, gegen die flächenmäßige Ausdehnung der Universitäten und gegen die Umwandlung von Wohnungen in Büros zahlungskräftiger Unternehmen. Sie setzten sich deshalb für die Erhaltung und Aufwertung historischer Grünanlagen, für den Denkmalschutz historischer Gebäude und für bezahlbare Wohnungen ein.

Der Widerstand entzündete sich namentlich an den Vorgängen um das Wohnhaus Amalienstraße 38, das die Universität für ihre Zwecke beanspruchte. Langjährige Mieter wurden unter der Ausübung von massivem Druck zur Räumung ihrer Wohnungen gezwungen. Nach Jahren der Zwischennutzung dient das Gebäude seit 1993 als »Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft«. Ebenso vergeblich war der Protest gegen die »Entmietung« und den Abbruch der nebeneinanderstehenden Häuser Amalienstraße 85, 87 und 89 zugunsten der »Amalienpassage«. Dem Spekulationsobjekt mit seinen Läden und Eigentumswohnungen fiel auch die »Witwe Bolte« zum Opfer. Im Hinterzimmer dieses Gasthauses trat das »antiteater« auf, das 1968 aus dem »Action-Theater« hervorgegangen war. Hier begann die Karriere des Regisseurs und Filmproduzenten Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) und seiner späteren Stars Hanna Schygulla, Irm Hermann, Ingrid Caven und Kurt Raab.

In den vergangenen Jahren ist die Maxvorstadt durch zahlreiche Bauprojekte verändert worden. So entstand beispielsweise mit dem Arnulfpark und dem Zentralen Omnibusbahnhof ein neues Quartier entlang der Bahngleise.

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