Michael Mittermeier ist mit einem neuen Live-Programm auf Tour: Am 3. und 4.10.2018 ist er mit „Lucky Punch – Die Todeswuchtl schlägt zurück“ im Circus Krone zu Gast. Was die Zuschauer dann genau erwartet? Wir haben exklusiv mit ihm gesprochen - über Comedy-Karate, überflüssige Superhelden und das Münchner Kabarett-Publikum.

9 Fragen an Michael Mittermeier

Michael Mittermeier, Foto: Wolfgang Korduletsch
Foto: Wolfgang Korduletsch
  • Du inszenierst dein neues Programm als „Comedykampf des Jahrhunderts“. Gegen wen trittst du da genau in den Ring?

Gegen alle. Wie im echten Leben, man kann sich die Gegner ja meist nicht aussuchen. Vom depressiven Batman bis zum Intimbereich-Chirurgen ist da irgendwie alles drin. Militante Seepferdchen-Dealer, Mathe-Lehrer, Schimpansen mit Frosch-Fetisch, österreichische Hardcore-Kellner, Künstliche Intelligenzen, die Welt ist voll von absurden Gestalten.

Als Mittermeier geh ich in die Welt und spüre den Alltagswahnsinn auf. Aber auch der Nikolaus und die grassierende Superhelden-Inflation müssen ran. Zum Beispiel Aquaman. Das ist der Bademeister unter den Superhelden. Warum brauchen wir den überhaupt? Wenn bei einem Superheldenfilm-Finale mal wieder alle anderen Super-Kollegen durch die Luft fliegen, eine fiktive Großstadt zerlegen und mit Hochhäusern rumwerfen, sitzt da dann Aquaman auf einem Plastikstuhl und schreit: „Nicht vom Hochhausrand springen?“

  • Karate-Schüler in Filmen haben ja nicht nur scheinbar übermächtige Gegner, sondern auch einen Meister – wer ist dein Comedy-Sensei?

Bruce Lee, der einzige Kämpfer, der es mal alleine geschafft Chuck Norris zu besiegen. Viele glauben ja, dass Chuck Norris immer gewonnen hat, weil er schon die Schlümpfe blau geprügelt hat und die Zeit totgeschlagen, aber in seinem ersten Film hat er gegen Bruce Lee verloren. Mithilfe eines kleinen Kätzchens und Martial Arts Waxing.

So lasse ich die beiden noch mal gegeneinander antreten in einem epischen Kampf. Nebenbei bemerkt, ich habe den gelben Gurt in Karate und auf den bin ich stolz wie damals auf mein Seepferdchen, das ich gemacht habe als man im heutigen Bio-Schwimmunterricht noch nicht seinen Namen schwimmen musste.

  • Was hat es mit dem Titel auf sich, und was muss man sich unter einer „Todes-Wuchtl“ vorstellen?

Eine Todes-Wuchtl ist eine "Bist-du-deppat-Pointe", die oft aus einer Situation heraus entsteht. Als ich mal zu einem Österreicher sagte, „Oh Gott, es gibt mittlerweile mehr Nagelstudios wie Friseursalons“, da meinte er nur trocken: "Joo, es gibt auch mehr Finger wie Köpfe!" Fürs Programm habe ich viel Wuchtln gesammelt, viele aus dem Alltag.

Als ich zum Beispiel mal nachts in der U-Bahn saß, hat eine fein gekleidete Business-Frau ganz genüsslich einen Popel aus der Nase gezogen. Das ging über Minuten, weil sie dachte, keiner sieht das. Als sie mich hinter sich bemerkte, kuckte sie mich an und sagte nur: "Das zieht sich!". Das muss dir in so einem Moment erst mal einfallen. Eine Wuchtl ist quasi eine verbale Escape-Taste, die einen aus hoffnungslos peinlichen Situationen herauskatapultieren kann. Und wenn sie richtig landet, dann hast du einen Lucky Punch.

  • Am 3. / 4.10. trittst du mit dem neuen Programm im Circus Krone auf. Gibt es eine Münchner Location, in der du noch nicht gespielt hast, aber gerne mal auftreten würdest?

Ich hab vom Vereinsheim über die Philharmonie bis zum Königsplatz schon sehr viel bespielt, aber der Circus Krone ist für mich schon ein sehr besonderer Ort. Ich erinnere mich noch gut, dass ich vor über 20 Jahren erst Schiss hatte da drin aufzutreten, weil ich glaubte, er sei zu groß für mich, und ich hatte dort ja auch so viele Konzerte von mir geliebten großen Bands gesehen. Aber der Till vom Lustspielhaus meinte, „kumm, der geht scho!“ Dann war das Liebe auf den ersten Gig.

Der Krone wurde über die Jahre ein bissel so was wie mein Live-Wohnzimmer in München, ich hab dort seitdem fast 100 mal gespielt. Ein schöner wunderbarer energetischer perfekter Raum, du stehst da wie in einem hölzernen Amphitheater und alle Zuschauer sehen gut. Warum sollte ich da noch mal wechseln?

  • In Schwabing kommt die Kabarett- und Kleinkunstszene gleich auf mehreren Bühnen zusammen – was bedeuten diese Orte für dich persönlich und für die Comedylandschaft Deutschlands?

Da sind meine Wurzeln zu denen ich auch immer wieder zurückkomme, wenn ich mal wieder Try-Outs spiele im Vereinsheim oder im Lustspielhaus. Und dort tummeln sich viele Kabarettisten und Comedians aus ganz Deutschland. Meist ist dort das Sprungbrett für Größeres in München.

  • Ist München ein guter Ort, um dich für neue Sketche inspirieren zu lassen – etwa in der U-Bahn, in Restaurants, Cafés und so weiter?

Ich wohne ja seit 5 Jahren in der Innenstadt, in Schwabing, und ich liebe es wieder mehr im Zentrum des Geschehens zu sein. Mal spontan in eine Bar oder ins Kino, oder eine Abhäng-Session im Englischen Garten, was gibt’s Besseres… und du kannst nur Nummern schreiben über das Leben, wenn du dich darin bewegst. So schaue ich mit naiven offenen Augen auf diese Welt. Und so entsteht das beste Material. Nimm die Realität, twiste sie ein wenig und fertig ist die Nummer.

Ich habe mal zum Beispiel auf dem Marienplatz eine Mutter beobachtet, die in einen Kinderwagen reinsprach wie zu einer geistig behinderten Katze. Ich denke es war ein Kind drin, sonst hätte sie ein ganz anderes Problem gehabt. Außerdem, eine Katze wäre wohl rausgesprungen, aber Kinder sind ja festgeschnallt. Sic! Dann hat die Mama eine abgeschälte Banane in den Wagen reingereicht. Ich dachte noch, Respekt, das Kind isst als Nachmittagssnack Obst – Flatsch – in dem Moment flog ihr ein Bananenbrei wie aus der Pistole geschossen ins Gesicht. Ich konnte nicht ernst bleiben – und sie meinte: "lachen sie nicht so blöd!" – "ich lache nicht, ich hab Heuschnupfen!" – "Es ist Januar." – "Ja ähm, die sibirische Birke fliegt heuer früh." Hey, was hätte ich tun sollen? Dem Kind im Kinderwagen hab ich noch einen Daumen nach oben gegeben – keep the Revolution going!

  • Würdest du sagen, deine Comedy hat sich über die Jahre hinweg verändert? Wie würdest du diese Veränderung beschreiben?

Meine Comedy und ich – wir beide kommen nicht voneinander los – gehen mit dem Zeitgeist mit, und wenn sich die Welt ändert, dann ist es auch klar, dass der Humor sich mitentwickelt. Im Kern bleib ich immer der Mittermeier Michl mit meiner Haltung und Ansichten und meinem eigenen speziellen Humor, aber man wird ja ständig mit Neuerungen konfrontiert.

Etwa Augmented Reality und Künstliche Intelligenzen wie Siri, da wird man wohl noch fragen dürfen. Du sprichst mit deinem Telefon und dein Telefon spricht mit dir. Früher wenn einer mit seinem Telefon gesprochen hat, ohne dass ein anderer in der Leitung war, dann wurde er abgeholt – das war ein fairer Deal. Aber heute sehe ich 14-jährige pubertäre Teenie-Burschen mit Synapsen-Mikado, die Siri nicht mal das Magic Word BITTE geben, wenn sie was wollen…

  • Mit einem englischsprachigen Programm warst du ja schon in USA, Südafrika und Russland – wie ist in diesen Ländern jeweils das Publikum im Vergleich zum deutschen?

Wenn du die Leute zum Lachen bringst, dann wirst du auch ernst genommen, überall auf der Welt. That is the Rule of Comedy Law. Ich durfte in den letzten 10 Jahren auf den größten Comedy Festivals weltweit spielen, wie z.B. das "Just for Laughs" in Montreal oder das "Fringe Festival" in Edinburgh und bisher lief das alles sehr gut. Ein Olymp war für mich im Frühjahr 2018, da habe ich drei Wochen im Comedy Cellar in New York gespielt. Das ist der Mutterclub der Stand Up Comedy. Und wenn du es dort nicht bringst – werde Bäcker!

Das Klischee vom unlustigen Deutschen wird weniger, aber es besteht schon noch. Unser Head of State Angela Merkel zum Beispiel wird da draußen ja auch nicht als Humor-Wuchtl wahrgenommen. Für viele im Ausland ist ein lustiger deutscher Comedian so was wie ein russischer Menschenrechtsausschuss. Eine Art Humor-Einhorn. So hab ich manchmal das Überraschungsmoment auf meiner Seite.

  • Und wo wir schon beim Thema sind: Woran erkennt ein Komiker, dass er vor einem Münchner Publikum steht?

Klamotten aus Leberkäs genäht, Hipster-Gamsbart, statt Bodylotion mit Händlmeier Senf eingeschmiert und nach 12 Uhr darf man sie nicht mehr heiß machen… Und der Mensch im Komiker spürt sie einfach die MünchnerInnen, so wie sie sind: Offen und das Herz am echten Fleck!

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